Kultur und Wissen
08.07.2025


Kein bisschen leise

100 Jahre russische Agentur Tass

Unter den großen Nachrichtenagenturen nimmt die Tass eine Sonderstellung ein und beansprucht eine Einflusssphäre bis in den Weltraum.
    

Eine Familie verfolgt im Fernsehen die Stellungnahme von Michail Gorbatschow am 14. Mai 1986 zum Reaktorunglück von Tschernobyl. Eine Familie verfolgt im Fernsehen die Stellungnahme von Michail Gorbatschow am 14. Mai 1986 zum Reaktorunglück von Tschernobyl. Foto: © imago/ITAR TASS

Neulich im englischen Dienst der russischen Agentur Tass: Außenminister Sergej Lawrow poltert wieder einmal gegen die Ukraine. Die deutschen und die modernen ukrainischen Nazis teilten dieselben Ansichten, zitiert die Tass den seit 2004 amtierenden Außenamtschef. „Die Nazis verbrannten Juden, nur weil sie Juden waren, und die ukrainischen Nazis verbrannten am 2. Mai 2014 in Odessa russische Menschen, nur weil sie Russen waren.“

Die Zusammenstöße zwischen prorussischen und proukrainischen Demonstranten in der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer führten 2014 zu mehr als 40 Toten aufseiten der prorussischen Aktivisten. Die ukrainischen Behörden taten wenig, um die Täter zu ermitteln. So weit die Fakten. Die von Lawrow gezogene Parallele zu den Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten vor mehr als 80 Jahren fügt sich dagegen ein in die Strategie der russischen Regierung: das eigene Volk auf eine Fortsetzung des von Russland begonnenen Krieges gegen das Nachbarland einzuschwören.

„100 Prozent auf Kreml-Linie“

Für Beobachter wie Birger Schütz von Reporter ohne Grenzen ist das alles wenig überraschend. Zwar kämen russische Nachrichtenagenturen wie die Tass oder RIA Nowosti im Ton oft gemäßigter daher als die großen TV-Sender Perwij Kanal, Rossija 1 und Russia Today. Aus dem Fernsehen bezögen etwa 70 Prozent der Bevölkerung ihre Nachrichten. „Das ändert inhaltlich aber nichts daran, dass auch die Tass zu 100 Prozent auf der Kreml-Linie liegt.“ Das Geld kommt schließlich vom Staat. Und der stand vor 100 Jahren auch Pate bei der Gründung der „Telegrafenagentur der Sowjetunion“, die der damaligen Regierung unterstellt wurde, dem Rat der Volkskommissare.

Mediengeschichtlich markierte der 10. Juli 1925 einen Meilenstein, wie Alexander Ruslan Schejngeit in seiner 2021 erschienenen Studie über die Anfänge der Agentur schreibt. „Die Gründung der Tass im Sommer 1925 symbolisierte die mediale Entmachtung der Sowjetrepubliken sowie die Zentralisierung und Konsolidierung des sowjetischen Informationsraums.“ In ihren besten Zeiten belieferte die Tass 4.000 sowjetische Zeitungen, unterhielt 682 Büro im In- und 94 im Ausland.
   

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Gelenkte Berichterstattung

Dabei blieb die Agentur fest an der Seite der Mächtigen. „Das Volk soll wissen, was es wissen muss; was es wissen darf, das entscheidet die Obrigkeit“ – so formulierte vor Jahren Karl Grobe in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die unausgesprochene Devise. Das trieb mitunter merkwürdige Blüten. Als sich die Sowjetunion 1940 Litauen einverleibte und zur Bestätigung in dem Land eine zweitägige Volksabstimmung inszenierte, wusste und meldete die Tass schon am ersten Tag das Endergebnis.

Zögerlicher verfuhren die Verantwortlichen mit Meldungen, die ein schlechtes Licht auf den Staat oder die politische Führung werfen konnten. Über sowjetische Raumflüge erfuhr die Öffentlichkeit üblicherweise erst nach deren erfolgreichen Abschluss. Und die Katastrophe im Atomreaktor von Tschernobyl am 26. April 1986 handelte die Tass erst zwei Tage später in wenigen dürren Sätzen ab.
  

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Unter keinem guten Stern

Mit dem Ende der Sowjetunion keimte kurzzeitig Hoffnung auf eine Art Nachrichten-Perestroika. „Tatsächlich sollte Tass zu Beginn der 1990er Jahre demokratisiert und unabhängiger vom Staat werden“, sagt Birger Schütz von Reporter ohne Grenzen. Bis in die 2000er Jahre habe die Agentur, die nun unter Itar-Tass firmierte, trotz ihrer Nähe zur jeweiligen Regierung journalistische Standards weitgehend eingehalten. „Spätestens mit der Okkupation der Krim 2014 und der gleichzeitigen Rückkehr zur sowjetischen Bezeichnung ,Tass‘ endete diese Phase jedoch.“

Es sieht düster aus im Reich von Wladimir Putin – und das gilt nach dem Urteil von Reporter ohne Grenzen auch für die Presse- und Meinungsfreiheit. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Tass laut Eigendarstellung von 2024 als weltweit einziges Massenmedium einen Außenposten im All unterhält, auf der internationalen Weltraumstation ISS.

Joachim Heinz

KNA
Artikel von KNA
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