Rettungskräfte
Wenn Helfer zu Opfern werden
Schaulustige, die Einsatzkräfte behindern, Angriffe auf Ärzte, Beleidigungen gegen Polizisten – immer wieder sorgen entsprechende Medienberichte für Aufsehen. Wir haben bei Feuerwehr & Co. nachgefragt, was dahintersteckt.
Bei einer Übung von Bayerischer Polizei und Bundeswehr im März 2026 wurde auch der Umgang mit Gaffern trainiert. Foto: © imago/Bihlmayerfotografie
„Es ging um Leben und Tod, aber viele Schaulustige drängten sich mit Handys um das Geschehen und behinderten die Rettungskräfte“ – „Hierbei wurden die Einsatzkräfte bedrängt und körperlich angegangen“ –„Ein Notarzt wurde mit einer zerbrochenen Flasche attackiert“: Nicht selten ist davon zu lesen, dass Feuerwehrleute, Polizeibeamte oder Rettungssanitäter angepöbelt, beleidigt, bei ihrer Arbeit behindert oder körperlich angegriffen werden. Manche Passanten filmen sogar, wie Unfallopfer um ihr Leben kämpfen.
Derartige Vorfälle sind Wolfgang Reichelt von der Freiwilligen Feuerwehr Dachau nicht fremd: „Bei einem innerstädtischen Unfall im Dezember 2025 folgten Schaulustige erst nach mehrmaliger Aufforderung den Anordnungen der Einsatzkräfte, sich weiter zu entfernen. Und bei einem schweren Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 471 missachteten mehrfach Fahrzeugführer die Absperrungen, fuhren bis zur Unfallstelle und brachten die dort arbeitenden Einsatzkräfte potenziell in Gefahr. In diesem Fall hat die Polizei Ermittlungen gegen die Fahrzeugführer eingeleitet.“
Unverständnis und Wut
Reichelt macht deutlich, dass das nicht nur lästige Begleiterscheinungen eines Einsatzes sind, sondern eine zusätzliche Belastung, die Kraft und Ressourcen bindet: „Neben der Konzentration auf die Rettungsmaßnahmen muss immer auch Augenmerk auf mögliche Störungen gerichtet werden. Das verursacht Unverständnis und es entsteht durchaus auch mal Wut.“
Die Herausforderungen für Einsatzkräfte sind auch Christoph Maurer bekannt – sogar aus doppelter Perspektive: Er war selbst Polizeibeamter und ist nun Polizeiseelsorger im Bistum Eichstätt. „Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten beginnt nicht erst mit dem Schlag oder dem Tritt“, stellt Maurer klar. „Sie beginnt häufig früher: mit Beleidigungen, Drohungen, gezielten Demütigungen und einer Aggression, die den Menschen hinter der Uniform nicht mehr wahrnimmt. Auch Worte können verletzen. Sie können das Gefühl von Sicherheit erschüttern und sich tief einprägen.“
Für eigene Gefühle bleibt wenig Raum
Maurer weist darauf hin, dass viele Einsätze schon bei ganz regulärem Verlauf fordernd sind. Die Polizei werde nämlich nicht gerufen, wenn alles in Ordnung sei, sondern „wenn Konflikte eskalieren, Menschen verzweifelt sind, Gewalt geschieht oder andere nicht mehr weiterwissen“. Also in Situationen, die von „Angst, Wut, Überforderung und Ablehnung“ geprägt sind. Als Polizist müsse man dann funktionieren und handeln, für eigene Gefühle bleibe wenig Raum. Viele belastende Erfahrungen kommen aber später wieder, weiß der Seelsorger – „in schlaflosen Nächten, in Form von dauernder Anspannung, Gereiztheit oder Rückzug“.
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Besonders problematisch ist es, so Maurer, wenn die Uniform zum Feindbild wird und es obendrein auch noch zu persönlichen Übergriffen kommt. „Dann wird der einzelne Mensch zum Symbol für alles, was jemand am Staat oder an gesellschaftlichen Entwicklungen ablehnt. Frust und Wut treffen die Person, die gerade im Einsatz ist. Doch hinter jeder Uniform steht ein Mensch – mit Familie, Freunden, Sorgen, Ängsten und Grenzen“, betont der Seelsorger.
Unfall auf der Autobahn
Die Bedeutung eines achtsamen Umgangs miteinander hebt auch Matthias Strohmayer hervor, wenn er sich an einen Einsatz auf der Autobahn A8 erinnert. Im September 2025 eilte der 1. Kommandant der Feuerwehr Übersee dort mit seinem Team zu einem Unfall: „Wir fanden drei Fahrzeuge mit neun Personen vor, darunter zwei Kinder. Verletzt war niemand. Wir sicherten die Unfallstelle, sperrten die Autobahn zunächst vollständig, beseitigten Fahrzeugteile, stellten den Brandschutz sicher und betreuten die Betroffenen.
Den beiden Kindern überreichten wir jeweils einen Plüschdrachen. Solche Trostspender führen wir auf allen unseren Feuerwehrfahrzeugen mit. Gerade bei Verkehrsunfällen bleiben Kinder dank Kindersitzen und Rückhaltesystemen oft körperlich unverletzt, sind aber dennoch stark verängstigt – besonders wenn Eltern oder Großeltern verletzt wurden. Dann sind Einsatzkräfte gefragt, die nicht nur technisch helfen, sondern auch beruhigen und Trost spenden.“
Patzige Reaktionen
Leider war auch bei diesem Einsatz die Rücksichtslosigkeit eines anderen Verkehrsteilnehmers zu beklagen, wie der Feuerwehrkommandant erzählt. Ein Autofahrer sei einem Feuerwehrfahrzeug durch die Rettungsgasse gefolgt – um sich einen Vorteil gegenüber allen anderen zu verschaffen, die im Stau warteten. Das ist nicht nur egoistisch, sondern kann nachfolgende Einsatzfahrzeuge behindern oder gefährden. Nichts Neues für Strohmayer, der immer wieder erlebt, „dass einzelne Verkehrsteilnehmer bei Absperrungen schroff oder patzig reagieren. Manche stellen Maßnahmen infrage oder wollen trotz eindeutiger Anweisung weiterfahren.“
Wie kommen solche Respektlosigkeiten bei den Helfern an? „Respekt muss in beide Richtungen gelten“, fordert der Feuerwehrmann. „Wir erklären unsere Maßnahmen, bleiben sachlich und halten Einschränkungen so kurz wie möglich. Im Gegenzug erwarten wir, dass Absperrungen und Anweisungen akzeptiert werden. Denn hinter jeder Sperrung steht ein Einsatz – und häufig ein Mensch, der gerade Hilfe braucht.“
Lob der bayerischen Verhältnisse
Doch es klagen beileibe nicht alle Rettungskräfte unisono über die eigenen Arbeitsbedingungen oder das Fehlverhalten der Bevölkerung. Im Gegenteil: Nicht wenige Institutionen und Personen, die wir im Zuge unserer Recherche angefragt haben, wollten sich entweder überhaupt nicht äußern oder beeilten sich, die Situation – zumindest für den südbayerischen Raum – als unproblematisch zu beschreiben.
Viele kommen im Großen und Ganzen zu einem positiven Fazit – wie Annelie Schiller vom Landesverband Bayern des Technischen Hilfswerks (THW), die selbst schon einen Übergriff miterlebt hat: „Im Rahmeneiner geplanten Veranstaltung der Stadt hatte das THW einen Bereich abgesperrt. Dabei wurde eine unserer Einsatzkräfte nicht nur beleidigt, sondern auch körperlich angegangen.“
Vielerorts weht in Deutschland für Einsatzkräfte ein rauerer Wind als in Bayern. Zum Beispiel am 1. Mai und an Silvester kommt es immer wieder zu Ausschreitungen und Übergriffen auf Einsatzkräfte. Foto: © imago/A. Friedrichs
„Kein flächendeckendes Phänomen“
Respektloses Verhalten, Behinderungen bei der Arbeit und Übergriffe seien beim THW grundsätzlich bekannt. Doch handele es sich um Einzelfälle und nicht um ein alltägliches oder flächendeckendes Phänomen. „Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung begegnet unseren Einsatzkräften mit Respekt und Dankbarkeit“, lobt Schiller.
Ähnliches ist vom Malteser Hilfsdienst zu hören. Dessen Pressesprecher für Bayern, Wilhelm Horlemann, teilt mit, das Thema Gewalt gegen Retter sei wichtig und „sicherlich auch immer relevanter, wie Bilder aus anderen Bundesländern zeigen“. Für Bayern könne er jedoch „diese extremen Beispiele nicht bestätigen“.
Hilfsbereitschaft der Bevölkerung
Im Gesamtbild wird deutlich: Viele Einsatzkräfte üben ihren Dienst trotz einzelner oder sogar wiederholter negativer Erfahrungen mit Stolz und Herzblut aus. Sie lassen sich nicht so leicht davon abbringen, der Gesellschaft Gutes zu tun. Ebenso sehen sie ihrerseits das Gute, das ihnen widerfährt. So resümiert der Dachauer Feuerwehrmann Wolfgang Reichelt: „Überwiegend verhalten sich die Personen vernünftig und respektvoll, in vielen Fällen auch hilfsbereit und dankbar. Gerade über die Sozialen Medien kommt auch viel Zuspruch für die Arbeit der Hilfsorganisationen. Bei längeren Einsätzen kommt es immer wieder vor, dass Anwohner Getränke und Verpflegung bereitstellen oder ihre Mitarbeit als Spontanhelfer anbieten.“
Auch Matthias Strohmayer aus Übersee erkennt trotz mancher schwarzen Schafe keinen größeren gesellschaftlichen Missstand: „Die große Mehrheit verhält sich vernünftig und respektvoll. Bei uns im Dorf genießen die Feuerwehrleute Wertschätzung.“ Eine Wertschätzung, die manchmal mit dem Verteilen von Plüschtieren, dann wieder mit extrem schwierigen Löscharbeiten verdient wird: Strohmayer war im Zeitraum unserer Korrespondenz für diese Geschichte über eine Woche lang mit der Bekämpfung eines Waldbrands in den Chiemgauer Alpen beschäftigt. Zwischen seinen heiklen Einsätzen schrieb er uns – mal um 21.48 Uhr abends, mal frühmorgens um 4.02 Uhr. Er macht das alles übrigens ehrenamtlich.
Bayerische Gewaltstatistik
Ein gemischtes Bild zeichnen die Zahlen aus dem Bayerischen Staatsministerium des Innern für 2025. In der Statistik zur Gewalt gegen Polizeikräfte sind die Fallzahlen rückläufig (7.151, -3,2 %), jedoch ist zugleich ein spürbarer Anstieg der Zahl der verletzten Polizeibeamten zu beklagen (3.172, +5,9 %). 2025 wurden 89 Straftaten gegen die Feuerwehr und 277 gegen den Rettungsdienst verzeichnet; speziell beim Rettungsdienst liegen die Werte seit Jahren deutlich höher als noch vor gut einem Jahrzehnt.



