Gerechtigkeit
14.08.2026



Gewalt im Krankenhaus

Ein professionelles Übergriffsmanagement hilft dem Klinikpersonal im Klinikum Nürnberg, mit Aggressionen und Drohungen umzugehen.
    

Im Klinikum Nürnberg kümmert sich ein professionelles Übergriffsmanagement um die Problematik der häufiger werdenden Aggressionen gegen Personal. Im Klinikum Nürnberg kümmert sich ein professionelles Übergriffsmanagement um die Problematik der häufiger werdenden Aggressionen gegen Personal. Foto: © Jakob Lichtenfeld

Elisabeth W. (Name von der Redaktion geändert) kam 1999 ans Nürnberger Klinikum und arbeitet dort seitdem als Gesundheits- und Krankenpflegerin. Mit dem Blick auf ihre langjährige Berufserfahrung sagt sie: „Ich kann, was ich tue, ich mache es gut und ich mache es gerne.“ Und doch habe sich vieles in der täglichen Arbeit an und mit den Patientinnen und Patienten geändert – leider auch der Umgangston: „Der hat sich deutlich verschärft. Manchmal fragt man sich, ob es noch normale Kommunikation gibt.“ Wenn etwas nicht nach Wunsch laufe, werde man gleich angegangen und beschimpft: „Das kommt oft wie aus dem Nichts, und dabei geht es letztlich um Banalitäten.“ Es seien überwiegend Männer und meist jüngere, die ausfallend würden: „Da fehlt jeder Respekt.“ 

Diese verbalen, zunehmend krasser werdenden Übergriffe kann auch Andreas Röttenbacher bestätigen. Er ist seit acht Jahren Leiter der Abteilung Sicherheit am Klinikum Nürnberg und nicht nur für die klassischen Themen wie Katastrophen- oder Brandschutz verantwortlich, sondern auch für das sogenannte Übergriffsmanagement. Die Belege für das anhaltend hohe Niveau der Übergriffe auf das Klinikpersonal liefert ihm ein digitales Meldeportal, das die schriftlichen Übergriffsmeldungen von den Stationen festhält und statistisch detailliert aufschlüsselt.

Jeden Tag mindestens ein Vorfall

„Im Grunde kann man sagen, wir haben jeden Tag mindestens einen gemeldeten Vorfall“, erklärt Röttenbacher, „das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.“ Man müsse eine sehr hohe Dunkelziffer bei verbalen Übergriffigkeiten annehmen, die das Pflegepersonal einfach so hinnimmt und nicht meldet. „Die Gefahr ist groß, dass man die Beschimpfungen und Drohungen in sich hineinfrisst“, weiß Elisabeth W.: „Es ist wichtig und hilfreich, im Team darüber zu sprechen, nicht nur der Information wegen, sondern auch um einander Zuspruch und etwas Halt zu geben.“   

Die Klinik gibt ihrerseits Unterstützung. Im Intranet kann sich das Personal etwa über Angebote zur Schulung informieren, die vermitteln, wie man im Umgang mit schwierigen Patientinnen und Patienten reagieren und deeskalieren kann. Es gibt im Haus ausgebildete Fachleute, die auf der Ebene der Pflegedienstleitung für solche Problemfälle trainieren und präparieren. Und grundsätzlich sind dreieinhalb Stellen an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang besetzt, sozusagen als schnelle Einsatztruppe. Diesen Sicherheitsdienst nennt Röttenbacher die „Schutzkraft für das Personal“. Er hilft auf den Stationen, wenn er hinzugerufen wird, schlichtet, mahnt, warnt oder spricht im Wiederholungsfall ein Hausverbot aus und setztes durch.
    

[inne]halten - das Magazin 17/2026

Ich bin für dich da

Wie die Kirche Menschen im Urlaub besondere Momente schenkt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Das Thema wird dringlicher

Bei Nachfragen von außen wird von Seiten der Klinikleitung offen kommuniziert, sagt Julia Peter, die für Unternehmenskommunikation und Marketing zuständig ist: „Wir halten das für richtig, weil das – Stichwort: Mitarbeiterschutz – ein sehr wichtiges, hochsensibles und zunehmend dringlicher werdendes Thema ist, das in den öffentlichen Diskurs gehört.“ Trotz aller Maßnahmen, dem Klinikpersonal in seinem ohnehin schweren Pflegeberuf unterstützend beizustehen, bleibt die Ratlosigkeit angesichts der Entwicklung, nicht nur in der Klinik, betont Peter: „Wie kommt es, dass das Aggressionspotenzial in der Bevölkerung offenbar so hoch ist und die Hemmschwelle so deutlich gesunken?“  

Elisabeth W. gesteht, dass sie sich nach einer erneuten Attacke immer wieder einmal frage: „Was mache ich hier, warum ertrage ich das, warum gehe ich nicht?“ Aber dann, sagt sie, sehe sie das Eigentliche: Menschen, die Hilfe brauchen. 

Michael Heberling