Mitmachen, schweigen oder fliehen
Für Erich Kästner, Thomas Mann, Anna Seghers, Bertolt Brecht und viele andere deutschsprachige Schriftsteller galt: Wer zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945 literarisch tätig war, konnte sich nicht frei äußern – außer im Exil.
Ausschnitt aus der „Bibliothek der verbrannten Bücher Foto: © Universitätsbibliothek Augsburg
Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der damit eingeleiteten nationalsozialistischen Machtausübung erfuhr das literarische Leben in Deutschland innerhalb weniger Wochen eine tiefgreifende Veränderung. Sofort begannen die Nationalsozialisten, die freie Meinungsäußerung zu beschneiden, Funkhäuser, Zeitungsredaktionen und Verlagslektorate unter ihre Kontrolle zu bringen und neu zu besetzen. Vor allem linke und jüdische Autoren wurden unter Druck gesetzt, aus ihren Positionen verdrängt und nicht selten physisch attackiert.
Nationalsozialistische Studenten- und Schülergruppen „säuberten“ öffentliche und private Bibliotheken. In vielen Universitätsstädten wurden am 10. Mai Berge von Büchern verbrannt, deren Verfasser und deren Inhalt den Nationalsozialisten verhasst waren, insbesondere Bücher mit pazifistischer Tendenz wie beispielsweise Erich Maria Remarques kriegskritischer Roman Im Westen nichts Neues oder Erich Kästners Gedichtbände mit ihren antimilitaristischen Gedichten.
Kontroll- und Steuerungsinstrument
Im Herbst 1933 wurde die „Reichsschrifttumskammer“ als zentrales und umfassendes Kontroll- und Steuerungsinstrument eingerichtet. Wer etwas veröffentlichen wollte, musste Mitglied werden. Wer den Nationalsozialisten aber unwillkommen war, wurde – wie Kästner – nicht aufgenommen oder aufgrund späterer Prüfung wieder ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Generell galt dies für jüdische Autoren, die bald nur noch in den bis 1938 erlaubten „Getto-Verlagen“ in sehr begrenztem Umfang publizieren durften.
Die schwerste Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung war die Spaltung der deutschen Literatur in eine binnen- oder „reichsdeutsche“ Literatur und eine im Ausland von „Emigranten“ oder „Exilanten“ geschriebene „exildeutsche“ Literatur. Als nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 eine Verhaftungsaktion gegen bekannte Gegner des Nationalsozialismus begann, von der auch linke Autoren und Publizisten betroffen waren, setzten sich viele von ihnen ins Ausland ab; einige, die gewarnt worden waren, konnten in letzter Minute vor der Verhaftung fliehen, so etwa Bertolt Brecht und Alfred Döblin am Morgen des 28. Februar.
Emigranten und Exilanten
Insgesamt verließen ab Februar 1933 etwa 2.500 Autoren Deutschland oder kehrten, wenn sie wie Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gerade im Ausland waren, nicht mehr nach Deutschland zurück. Zu diesen literarischen „Emigranten“, wie man zunächst sagte, oder „Exilanten“, wie man ab Mitte der dreißiger Jahre zu sagen begann, gehörten vor allem Autoren, die als links, republikanisch oder demokratisch, pazifistisch und antinationalistisch eingestuft wurden, unter ihnen nicht wenige der erfolgreichsten und innovativsten Autoren jener Zeit, so Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin und Bertolt Brecht.
Nicht alle „Emigranten“ waren gezwungen, Deutschland zu verlassen. Manche gingen auch freiwillig, weil sie nicht im nationalsozialistischen Deutschland leben wollten. Andere entschieden sich, zu bleiben und ihr literarisches Schaffen in Deutschland fortzusetzen. Vielerlei Gründe spielten hierbei eine Rolle: familiäre Bindungen, Besitzverhältnisse, Verlagskontakte, berufliche Verflechtungen, Alter und – nicht zuletzt – eine bewusstseins- oder gefühlsmäßig starke Bindung an Deutschland. Dazu bekannte sich etwa Siegfried von Vegesack mit einem wohl 1944 entstandenen Gedicht:
Ich liebe dich, und muß dich dennoch hassen,
Ich hasse dich, und muß dich dennoch lieben.
Ich fliehe dich, und kann dich doch nicht lassen –
und laß ich dich, werd ich zu dir getrieben.
Was machst du es so schwer mir, dich zu lieben?
Was stößt du ab die übervollen Herzen?
Und dennoch hab ich mich dir ganz verschrieben,
und muß dich lieben, blutend und mit Schmerzen.
[inne]halten - das Magazin 03/2026
Das ist mir heilig
Leserinnen und Leser erzählen von ganz besonderen Gegenständen
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Übereinstimmung in politikfernen Themen
Die „binnen“- oder „reichsdeutsche“ und die „exildeutsche“ Literatur der Jahre 1933–45 wird durch die Klammer der Sprache und der in ihr gespeicherten und zum Ausdruck kommenden kulturellen Tradition zusammengehalten. Das zeigt sich an allen Texten, am deutlichsten aber in Gedichten, die von zunächst einmal politikfernen Themen wie Liebe, Natur, Jahreszeiten, Lebensstufen oder Glauben reden; hier gibt es mehr Übereinstimmung als Unterschiede.
Wenn jedoch aktuelle Lebensverhältnisse oder gar politische Umstände thematisch werden, sei es in Gedichten, Dramen oder Romanen, werden die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen wirksam und färben deutlich auf die Werke ab: Die exildeutsche Literatur, die unter freiheitlichen Bedingungen entstand, konnte offen kritisch über die politische Fehlentwicklung Deutschlands, die Verfolgung eines Teils der Bevölkerung und die Verbrechen der Machthaber und der NS-Organe reden, ja sie konnte sich polemisch und agitatorisch gegen den Nationalsozialismus und das Hitler-Regime wenden.
Verwarnung oder Bestrafung
Die binnendeutsche Literatur war in dieser Hinsicht weitgehend zum Schweigen verurteilt, weil jede Äußerung, die von den Kontrollämtern als regimekritisch verstanden werden konnte, Sanktionen nach sich gezogen hätte, zum Verbot eines entsprechenden Druckwerks und zur Verwarnung oder Bestrafung von Verlag und Autor geführt hätte.
Emigrierte Literaturkritiker wiesen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre immer wieder darauf hin, dass die Zeit- oder Gegenwartsromane, die in Deutschland erschienen, zumeist in einem zeitlos unwirklichen Deutschland spielten (man erkennt nicht, ob in den zwanziger oder in den dreißiger Jahren) und weder von der NS-Herrschaft noch von den laufenden Aufmärschen etwas zu wissen schienen, geschweige denn von Geheimer Staatspolizei, Verhaftungen, Folterkellern und Konzentrationslagern.
Die Exilliteratur ist voll davon. In zahllosen Romanen, Dramen und Gedichten wurde die gewalttätige Etablierung der NS-Herrschaft und ihre terroristische Sicherung dargestellt und beklagt: die Diskriminierung und Schikanierung der Juden; die Unterdrückung aller Opposition; die Verhaftung, Folterung und Ermordung von politischen Gegnern; die Herstellung eines Klimas des Verdachts und der Beängstigung, der Denunziation und angsterfüllter Anpassung.
Furcht und Elend des Dritten Reiches lautet der Titel einer Folge von 28 Szenen, die Bertolt Brecht auf der Basis von Berichten aus Deutschland von 1934 bis 1938 schrieb. Schon im Herbst 1933 war Lion Feuchtwangers Roman Die Geschwister Oppenheim (später Oppermann) erschienen, der die Etablierung der NS-Herrschaft und den Beginn der Emigration mit allen empörenden Begleiterscheinungen eindrucksvoll schildert.
Vergiftete Atmosphäre in Deutschland
Andere Werke dieser Art kamen später hinzu, so etwa Arnold Zweigs Roman Das Beil von Wandsbek, in dem die vergiftete Atmosphäre in Deutschland auf bedrückende Weise imaginiert wird, oder Anna Seghers’ Roman Das siebte Kreuz, der anhand der Verfolgung eines entflohenen KZ-Häftlings ein facettenreiches Bild des von den Nationalsozialisten überwachten Lebens in Deutschland zeichnet. In amerikanischer Übersetzung wurde dieser Roman 1942 einer der größten Bucherfolge der Kriegsjahre; er stützte die Bereitschaft der Amerikaner, gegen die „Nazis“ in den Krieg zu ziehen.
Die Exilliteratur erschöpft sich aber nicht in der Klage über Deutschland und in der Anklage gegen die nationalsozialistischen Machthaber. Unter den oft schweren existenziellen Bedingungen des Exils entstanden auch große Werke, die zwar auf die eine oder andere Weise mit der NS-Herrschaft zu tun haben, aber letztlich doch durch anders gelagerte und weiter gespannte Interessen motiviert und geleitet sind. Thomas Manns vier Joseph-Romane (1933–43) werden in der Forschungsliteratur nicht zu Unrecht immer wieder als „antifaschistische“ Romane bezeichnet; aber Manns Hauptinteresse galt der jüdischen Religiosität und Sittlichkeit, in welcher der Verfasser die Basis für jenen religiös fundierten Humanismus sah, den er selber vertrat.
Döblin und Brecht
Die binnendeutsche Literatur war in dieser Hinsicht weitgehend zum Schweigen verurteilt, weil jede Äußerung, die von den Alfred Döblins mehrteiliger Amazonas-Roman (1937–38) schildert die Eroberung Südamerikas durch die mörderischen europäischen Eindringlinge und die Gründung der Jesuitenstaaten („Reduktionen“) am Rio Paraguai, die als Schutzorte für die von der Ausrottung bedrohten Indigenen dienen sollten; die Amazonas-Trilogie ist – Döblin zufolge – eine „Generalabrechnung mit der europäischen Civilisation“ und ihrem destruktiven Potential.
Bertolt Brechts Schauspiel Leben des Galilei (1938–43) thematisiert die Entstehung des neuzeitlichen naturwissenschaftlichen und säkularen Weltbilds und den neuzeitlichen Kampf um die Wissenschaftsfreiheit. In solchen und weiteren vergleichbaren Werken zeigt die Exilliteratur eine Größe, die weit über die politische Frontstellung gegen den Nationalsozialismus hinausreicht und Themen von allgemeinerem und bleibendem Interesse betrifft.
Mit der oben wiedergegebenen Beobachtung, dass die meisten Zeit- oder Gegenwartsromane, die in Deutschland während des Dritten Reichs erschienen, von den politischen Gegebenheiten schweigen, ist die Reaktion der binnendeutschen Literatur auf die NS-Herrschaft aber nicht schon vollständig beschrieben.
Neben der politisch neutral sich gebenden Literatur, für die Kurt Kluges vielgelesener Roman Der Herr Kortüm (1938) als Beispiel genannt werden kann, gab es eine große Gruppe NS-konformer oder gar propagandistischer Literatur, und ebenso eine beträchtliche Gruppe von Werken, die auf getarnte, aber erkennbare Weise Dissens oder gar Protest anmeldeten.als regimekritisch verstanden werden konnte, Sanktionen nach sich gezogen hätte, zum Verbot eines entsprechenden Druckwerks und zur Verwarnung oder Bestrafung von Verlag und Autor geführt hätte.
Emigrierte Literaturkritiker wiesen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre immer wieder darauf hin, dass die Zeit- oder Gegenwartsromane, die in Deutschland erschienen, zumeist in einem zeitlos unwirklichen Deutschland spielten (man erkennt nicht, ob in den zwanziger oder in den dreißiger Jahren) und weder von der NS-Herrschaft noch von den laufenden Aufmärschen etwas zu wissen schienen, geschweige denn von Geheimer Staatspolizei, Verhaftungen, Folterkellern und Konzentrationslagern.
Bauernromane und Kriegsromane
Bestimmte Genres – der Bauernroman, der Grenzlandroman, der Kriegsroman, der Technikroman – hatten allein schon durch ihre Stoffe Nähe zu nationalsozialistischen Vorstellungen und fanden entsprechende Anerkennung und Förderung. Ein Beispiel ist Aloys Schenzingers Rohstoff- und Erfinderroman Anilin (1936), der mit 920.000 abgesetzten Exemplaren bis 1944 der meistverkaufte Roman des Dritten Reichs war. Innovative deutsche Erfinder- und Unternehmerleistungen bekommen in ihm mit dem Dritten Reich endlich den nötigen Entfaltungsraum und werden zu Garanten eines neuen deutschen Aufstiegs.
Direkt propagandistisch redeten unzählige Marschlieder und „Führer“-Gedichte, die Hitler als großen Staatsmann und Heilsbringer verehrten, ebenso die als „Thingspiele“ bezeichneten Dramen. Diese zeigten im Zusammenspiel von einzelnen Sprechern und Chören Kampf- und Entscheidungssituationen, in denen deutsches Elend durch das Eingreifen nationalsozialistisch anmutender Helden beendet wird. Beispiele sind Richard Euringers Deutsche Passion (1933) und Kurt Heynickes Der Weg ins Reich (1935). Die Aufführungen auf großen Freilichtbühnen mit großen Chören und einem in die Tausende gehenden Massenpublikum waren geradezu nationalsozialistische Hochämter, mit denen in Anlehnung an die kirchliche Liturgie die „Erlöserleistung“ des „Führers“ gefeiert wurde.
Innere Emigration
Konträr dazu gab es eine Literatur der Distanz, des Rückzugs und vorsichtig angedeuteten Dissenses oder gar Protests, deren Verfasser schon 1933 als Angehörige einer „inneren Emigration“ bezeichnet wurden und sich zum Teil auch selbst so nannten. Die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger gehörten dazu, vor allem aber dezidiert christliche Autoren, denen der Kirchenhistoriker Gerhard Ringshausen mit seinem 700 Seiten zählenden Buch Das widerständige Wort (2022) ein Denkmal gesetzt hat. Genannt seien Gertrud von Le Fort und Elisabeth Langgässer, Werner Bergengruen und Rudolf Alexander Schröder, Jochen Klepper und Reinhold Schneider.
Der Protestant Klepper entwickelte in seinem Roman Der Vater (1937), der gleichsam eine Biografie des gottesfürchtigen und friedliebenden, aber als „Soldatenkönig“ bekannten preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. ist, das Bild eines Regenten und Staatsreformers, dessen ganzes Planen und Handeln biblischen Leitsätzen folgte: das positive Gegenbild zu den antichristlichen aktuellen Machthabern. Der Katholik Schneider setzte der menschenverachtenden und auf Vernichtung zielenden Rassenpolitik der Nationalsozialisten seinen Menschenrechtsroman Las Casas vor Karl V. (1938) entgegen.
Kritik und Tarnung
Nicht zufällig griffen beide für ihre Dissensbekundungen zu geschichtlichen Stoffen und zur Form des historischen Romans, die ein vielfach genutztes Instrument der „getarnten“ oder „verdeckten“ Schreibweise war: Die geschichtlichen Verhältnisse wurden so dargestellt, dass Analogien zur Gegenwart ins Auge fielen und diese in einem kritischen Licht erscheinen ließen, eine kritische Absicht aber von den Kontrollämtern nicht nachgewiesen werden konnte, es sei denn, die Zensoren hätten zugegeben, dass die Dinge, die in den betreffenden Geschichtsromanen kritisiert wurden, auch in der Gegenwart des Dritten Reichs zu beobachten und zu kritisieren seien.
Unmittelbar nach dem Krieg kam es zu einer Kontroverse zwischen Thomas Mann und einigen Autoren der inneren Emigration. Sie drehte sich zunächst um die Frage, ob und wann Mann nach Deutschland zurückkehre, dann aber rasch und hauptsächlich um die Frage, welche Bedeutung und welche moralische Dignität der in Deutschland entstandenen Literatur im Vergleich zur Exilliteratur zukomme. Man ging hart miteinander ins Gericht, und Thomas Mann ließ sich zu der Behauptung hinreißen, dass alle Literatur, die im Dritten Reich entstanden war, mit einem „Geruch von Blut und Schande“ behaftet sei und „eingestampft“ werden solle. Man muss diese radikale Verwerfung jedoch nicht gelten lassen; sie ist Ausdruck einer aufgeheizten Stimmung und wurde in einem polemischen Schlagabtausch formuliert.
„Den Kommenden zur Mahnung“
Selbstverständlich hatten auch die in Deutschland gebliebenen Autoren das Recht, ihr literarisches Schaffen fortzusetzen und das, was sie zu erleben und auszuhalten hatten, literarisch zu reflektieren und darzustellen: „den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Schande, den Kommenden zur Mahnung“, wie es am Ende von Ernst Wiecherts 1939 niedergeschriebenem und bis 1945 verborgen gehaltenem KZ-Bericht Der Totenwald heißt. Man muss binnen- und exildeutsche Literatur nicht gegeneinander ausspielen. Zusammen bilden sie die deutsche Literatur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
Helmuth Kiesel, emeritierter Professor für Geschichte der neueren deutschsprachigen Literatur am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg



