„Habt keine Angst vor Russland!“
In einem bewegenden Vortrag in der Münchner Citykirche St. Michael erzählte der ukrainische Jesuitenpater Mykhailo Stanchyshyn SJ von der Situation in seiner Heimat. Dabei schlug er bisweilen radikale Töne an.
Mykhailo Stanchyshyn Foto: © SMB/Lemli
Als Russland seine Heimat überfiel, entschloss sich Pater Mykhailo Stanchyshyn dazu, von Lwiw (Lemberg) im Westen in den Nordosten der Ukraine zu gehen, nach Charkiw, 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Er spürte den Ruf Gottes in sich, wie er sagt, und will für die Menschen da sein. Zuvor hatte der griechisch-katholische Jesuit im Westen des Landes eine Müttergemeinschaft mitbegründet und Exerzitien geleitet, doch nach Kriegsausbruch wurden in den Räumlichkeiten Geflüchtete untergebracht.
Mit dem Nachtzug kam er in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, an und konnte sofort das Ausmaß der Zerstörung erahnen: Tag und Nacht wird die Stadt bombardiert. Insgesamt sind vermutlich über 70.000 ukrainische Soldaten gefallen, die Zahl der zivilen Opfer ist unbekannt. Stetig wachsen die Friedhöfe: „Ein Ort, an dem ich das Beten mehr lerne“, erzählt der Pater. Zu den Begräbnissen reist manchmal das halbe Dorf an. 1,5 Millionen Menschen sind aus Charkiw geflohen, die restlichen 300.000 können oder wollen die Stadt nicht verlassen.
Der Jesuit hatte Angst um sein Leben
Viele sind verwundet oder leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch Stanchyshyn selbst sieht sich häufig in Lebensgefahr: „20 Meter von meinem Fenster entfernt explodierte ein international verbotener Kassettenbomber. Zum Glück parkte direkt vor dem Fenster ein Auto, sonst wäre ich wahrscheinlich umgekommen.“
Als er nach Charkiw kam, seien die Menschen dankbar gewesen, weil er sich zu ihnen auf den Weg gemacht hatte, als so viele flohen. Er gründete ein „humanitäres Zentrum“, wie er es nennt, das Hilfsgüter an tausende Menschen verteilt. Jede Woche kommen Mütter und ihre Kinder zu ihm, um von ihren Ängsten, aber auch Hoffnungen zu erzählen. Gemeinsam lesen sie die Heilige Schrift: „Das gibt uns Trost.“ Seitdem die Schule geschlossen ist, organisiert Pater Stanchyshyn die Sonntagsschule, in der Kinder nicht nur Hausaufgaben machen, sondern auch spielen können. Die Dankbarkeit, die er von den Familien erfahre, gebe ihm Kraft, sagt der Geistliche.
„Trotz des Leids ist Gott gut zu uns“
Seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges habe sich sein Gottesbild verändert, erzählt Stanchyshyn, der in Polen Theologie studiert und lange in München lebte, wo er an der Ludwig-Maximilians-Universität in Ökumene promoviert hat: „Ich lebe nun mehr aus der Umarmung Jesu Christi, die ich von den Menschen in Charkiw erfahre.“ Trotz des Leids in der Ukraine sei „Gott unglaublich gut zu uns, weil wir noch existieren und irgendwie die Kraft finden, weiterzukämpfen“.
Wenn ihn doch mal Ängste überkommen, denkt er an das große Kreuz in der Nähe der Kirche St. Nikolaus in Charkiw, von dem er sich beschützt fühlt. Es hat keinen Korpus Christi. Ihm hilft die Vorstellung, dass Gott vom Kreuz steigt, um den Ukrainern zu helfen. „Wenn ich in den Himmel schaue, habe ich Furcht vor den Raketen, aber wenn ich aufs Kreuz schaue, denke ich an Jesus.“
Fragwürdige Appelle
Und weiterkämpfen müsse man, um den Krieg „gemeinsam mit Jesus zu gewinnen“. Die Forderung des Papstes, die weiße Fahne zu hissen, kann er nicht nachvollziehen. Auch an die Zuhörer in St. Michael appelliert er: „Zwingen Sie uns nicht zum Frieden!“ Wenn es keinen gerechten Frieden gebe, geschehe noch mehr Leid. Das russische Volk müsse „bekehrt“ und die Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, erst dann sei Versöhnung möglich. Dem Gebot der Feindesliebe kann er wenig abgewinnen: „Ich kann dem Feind auch Gutes tun, indem ich ihn stoppe.“ Außerdem sei es die Pflicht des Staates, die eigenen Bürger zu verteidigen.
50 Minuten nach Beginn seines Vortrags nennt er zum ersten Mal den Namen des russischen Präsidenten: „Putin hat mit unserer Angst gerechnet, aber wir als kleines Volk haben es geschafft, die russische Aggression zu stoppen.“
Eingehüllt in die ukrainische Flagge
Gegen Ende seines Vortrags empfiehlt Stanchyshyn dem Publikum, nach Lemberg zu kommen und sich dort ein eigenes Bild zu machen. „Diese Erfahrung erlaubt, Jesus mehr zu begegnen, und baut Ängste ab.“
Zur Fragerunde hüllt er sich demonstrativ in die ukrainische Flagge, die er zuvor über den Ambo gehängt hatte. Darunter trägt er ein Hemd mit traditionellen ukrainischen Stickereien. Der Krieg habe sein Land geeint. Die Spaltung innerhalb der Ukraine sei von russischen Politikern und durch Propaganda befördert worden.
„Ja-Wort der Liebe zur Ukraine“
Dem russischen Patriarchen Kyrill, einem Verfechter des Krieges, spricht er das Recht ab, Priester zu sein, schließlich habe er „ganz offensichtlich zum Krieg aufgerufen und gehofft, dass die Ukraine innerhalb von drei Tagen fällt“.
Gegenüber unserem Magazin bezeichnet er die Bürger Charkiws als „meine Schwestern und Brüder“. Seine Arbeit für sie sei seine Form des Widerstandes und „mein Ja-Wort der Liebe zur Ukraine“. Putins Gerede von der Entnazifizierung der Ukraine habe ihn „krank gemacht“. Von den Deutschen wünscht sich der Jesuit mehr Verständnis: „Wir schützen die Menschen und versuchen, Schlimmeres zu verhindern.“ Auch wenn es ihm schwerfalle, müsse er die Russen als Feinde bezeichnen, weil „sie kommen, um uns zu töten“.Zum Schluss bittet Stanchyshyn die Deutschen um ihr Gebet: „Das ist nicht nur unser Krieg, sondern ein Krieg der Zivilisationen und der Freiheit.“
So beeindruckend sein Vortrag auch ist, den der Geistliche frei und in fließendem Deutsch hält: Es bleibt mindestens eine Irritation über die Radikalität, mit der Stanchyshyn seine Überzeugungen vorträgt: insbesondere, wenn er davon spricht, dass der Krieg erst beendet werden könne, wenn die Ukraine gewonnen habe. Natürlich muss sich die Ukraine gegen den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands wehren, doch sollte sich nicht gerade ein Priester die christliche Botschaft von Versöhnung und Feindesliebe zu eigen machen und für Diplomatie werben, anstatt auf militärische Gewalt zu hoffen, die zur Bekehrung des Gegners führen soll? Aber vielleicht sagt sich das zu leicht, wenn man in einem friedlichen Land lebt und die Situation der Ukraine nur von außen betrachtet.



