Das Fiasko am Little Bighorn
Wie sich die Bilder gleichen: Zum Geburtstag der Nation wollten die USA mal zeigen, wie mächtig sie sind. Was einst an den Ufern des Little Bighorn ins Desaster führte, droht heute auch an der Meerenge von Hormus.
Die Schlacht am Little Bighorn wird jedes Jahr in Montana nachgestellt. Das Bild zeigt berittene Stammesangehörige, die damals gegen die US-Armee kämpften. Foto: © imago/ZUMA Press Wire
Warum ist „Geschichtsvergessenheit“ eigentlich nicht schon längst zum „Wort des Jahres“ gewählt worden? Wahrscheinlich aus Geschichtsvergessenheit. „Wer sich nicht der Vergangenheit erinnert, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“, warnte einst George Santayana (1863–1952), einer der einflussreichsten Philosophen der USA im 20. Jahrhundert. Heute ist er leider vergessen.
Um sein Diktum zu verifizieren, muss man gar nicht bis nach Amerika schauen. Die deutschen Medien gefallen sich im Neo-Biedermeier von Lifestyle und Influencing, statt durch Erinnerung und Erklärung die freiheitliche Demokratie zu verteidigen. Und die Bundesregierung hat schon nach ein paar Jahren vergessen, als wie nutzlos sich die Spritpreisbremse für ihre Vorgänger-Ampel erwiesen und wie schamlos sich die Öl-Branche daran bereichert hat. Schwarz-Rot kommt aus seiner Krisenklausur, einzig mit einer Spritpreisbremse – die wieder exakt dieselben Wirkungen zeitigt.
Kein Blick in die Geschichtsbücher
Tatsächlich aber bietet auch der „mächtigste Mann der Welt“ allwöchentlich eindrückliche Beispiele von Geschichtsvergessenheit. Der fatale Iran-Krieg ist es gleich in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass man sich in Weißem Haus und Pentagon hätte erinnern können, wie sehr 2003 der vom Zaun gebrochene Irak-Krieg gegen vermeintliche Massenvernichtungswaffen – „Weapons of Mass Destruction“ – misslang.
Trump, Hegseth und Co hätten auch in die Geschichtsbücher schauen können, um zu lernen, wie töricht es ist, sich zum Jubiläum der Nation einen kleinen Krieg zu gönnen, um seine so stark gefühlte Übermacht zu demonstrieren. Die Nummer ist nämlich schon 1876 ganz kläglich schiefgegangen – damals zum 100. statt zum 250. Jahrestag der staatlichen Unabhängigkeit.
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Strafexpedition gegen rebellische Stämme
Die Schlacht am Little Bighorn im heutigen Bundesstaat Montana sollte zum Symbol des Triumphes über die „Indianer“ werden, also die indigene Bevölkerung Nordamerikas. Die „Centennial Campaign“ („ein Jahrhundert Fortschritt“) war als Strafexpedition gegen jene rebellischen Stämme geplant, die sich weigerten, ihr angestammtes Land kampflos zu verlassen: die noch rund 3.000 freien Lakota- und Dakota-Sioux, die Arapaho und die Cheyenne.
Das 7. US-Kavallerieregiment sollte sie alle töten oder einfangen. Der durchaus umstrittene Befehlshaber: General George Armstrong Custer, Nachfahr eines Küsters, der 1693 aus dem niederrheinischen Kaldenkirchen in die USA ausgewandert war. Custer war beauftragt, alle Ureinwohner bis Ende Januar 1877 in Reservate umzusiedeln.
Sitting Bull schlägt General Custer
Doch die Angelegenheit lief aus dem Ruder. Das Regiment war weit auseinandergezogen an jenem 25. Juni 1876, vor 150 Jahren, die Vorfeldaufklärung nur äußerst mangelhaft. Und so wurden Custers Truppen aufgerieben im Kampf gegen die versammelte Streitmacht der Häuptlinge Sitting Bull, Rain in the Face, Two Moons, Crazy Horse und Big Foot. Wie all seine Leute verlor der erst 36-jährige General sein Leben; auch seine leiblichen Brüder Thomas und Boston Custer starben.
Aus dem erdachten Spaziergang wurde eine derart blamable Klatsche, dass sie erst im Frühjahr 1975 durch das unrühmliche Ende des Vietnam-Kriegs öffentlichkeitswirksam überholt wurde. Wie tief die leichtfertige Niederlage am Little Bighorn – die tatsächlich ohne nachhaltige militärische Bedeutung blieb – bis heute in gewissen US-Militärkreisen sitzt, bewies der von Trump ernannte Kriegsminister und Falke Pete Hegseth im September 2025.
Hegseth: Gegen die Feinde der USA
Hegseth verkündete damals, dass jene 20 US-Soldaten, die für ihre Beteiligung an einem brutalen Einsatz gegen die Ureinwohner am Wounded Knee 1890 mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet wurden, diese Ehrung unter seiner Ägide behalten dürften: die höchste militärische Auszeichnung der US-Regierung, verliehen für „auffallende Tapferkeit und Furchtlosigkeit bei Lebensgefahr weit über die Pflichterfüllung hinaus im Gefecht gegen einen Feind der Vereinigten Staaten“. Die „Feinde der USA“, also die Nachfahren der Ermordeten, hatten eine Aberkennung gefordert.
Bei dem „Massaker am Wounded Knee“, letztlich eine späte Rache des 7. Kavallerieregiments für die Schlappe am Little Bighorn, wurden am 29. Dezember 1890 beim Auszug aus ihrem Reservat in South Dakota 250 bis 300 Sioux abgeschlachtet – Männer, Frauen, Kinder und Alte –, nachdem die Weißen zuvor schon ihre Lebensgrundlage, die Bisons, ausgerottet hatten. Einer der Toten: der Lakota-Häuptling Big Foot, einer der Sieger von 1876.
Über fast ein Jahrhundert wurde das Massaker am Wounded Knee als heldenhafte Tat verklärt. Erst 1970 beschrieb es der Historiker Dee Brown in „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, einem Buch über Leiden und Untergang der Indianer, als Schlusspunkt der schleichenden, fast unbeachteten Auslöschung der Urbevölkerung in den Great Plains; oder, in Trumps Iran-Rhetorik: als „Vernichtung einer ganzen Zivilisation“.
Alexander Brüggemann



