Gerechtigkeit
28.09.2026

Urteile, die Geschichte schrieben

Recht statt Rache: Dafür steht Saal 600 bis heute. Die Nürnberger Prozesse schufen Grundlagen für den Umgang mit schlimmsten Verbrechen. Ein Besuch am Schauplatz 80 Jahre nach der Urteilsverkündung im Hauptprozess. 
    

Blick auf die Anklagebank im Schwurgerichtssaal 600 im Nürnberger Justizpalast. Blick auf die Anklagebank im Schwurgerichtssaal 600 im Nürnberger Justizpalast. Foto: © Hannah Krewer/KNA

Erst vor Kurzem meldete sich bei Axel Fischer ein Mann, der den Saal 600 im Nürnberger Justizpalast auf paranormale Aktivitäten untersuchen wollte. Er erzählte etwas von Messgeräten, weißem Rauschen und Geistern. Doch Fischer lehnte ab. „Das verträgt sich nicht mit der Würde des Ortes“, sagt er bestimmt. „Hier geht es nicht um Geister. Hier geht es um reale Verbrechen.“ 

Nur der Geist der Vergangenheit ist im Raum noch immer spürbar. Denn hier wurden zwischen 1945 und 1946 die Hauptverantwortlichen für die Gräuel der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs zur Rechenschaft gezogen – 21 Männer im ersten Prozess, später Ärzte, Juristen, Militärs und Funktionäre in den zwölf Nachfolgeprozessen. Hier wurde das moderne Völkerstrafrecht geboren. Vergehen wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ waren nie zuvor angeklagt worden. 

Saal 600 sieht heute anders aus

Heute, 80 Jahre nach der Verkündung der Urteile im Hauptkriegsverbrecherprozess, sieht der Saal anders aus als auf historischen Filmaufnahmen. Verschwunden sind Dolmetscherkabinen, Pressetribüne, Filmkameras. An der Stirnseite, wo erst das Bild des bayerischen Königs und dann jenes von Adolf Hitler zu finden war, hängt jetzt ein großes Kreuz. Als dann die Kriegsverbrecher-Prozesse begannen, wurden die Fenster aus Angst vor Attentaten verklebt. Inzwischen lassen sie wieder Licht in den Raum. 

Auch die Sitzordnung war während der Nürnberger Prozesse eine andere. Die Alliierten platzierten die acht Richter direkt gegenüber den Angeklagten. „Das war dramaturgisch bewusst so gewählt“, sagt Fischer, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Memorium Nürnberger Prozesse arbeitet. An der Stirnwand hing eine große Leinwand für Beweise und Filme. Dazwischen arbeiteten die Dolmetscher, die simultan aus und in vier Sprachen übersetzten.
    

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Rückgabe an die bayerische Justiz

In den 1960er Jahren gaben die US-Militärbehörden das Gebäude an die bayerische Justiz zurück. Der Saal wurde renoviert, alle Prozess-Einbauten entfernt. Geblieben sind die Holzvertäfelung von 1916 und die Lüftungsanlage, die die Amerikaner wegen der Hitze der Technik und der geschlossenen Fenster installierten. 

Teile der originalen Anklagebank stehen im Museum eine Etage höher. Die Aufzugtür, durch die Hermann Göring, Rudolf Heß, Ernst Kaltenbrunner und all die anderen den Saal betraten, ist im Saal zu sehen. Der Lift selbst ist außer Betrieb. Hinter einer Tür des Saals grenzt ein Beratungszimmer an. Hier findet sich noch der originale Tisch, an dem die Richter ihre Urteile fällten, die sie am 30. September und am 1. Oktober 1946 verkündeten: zwölf Todesurteile, sieben Haftstrafen, drei Freisprüche.

Einigkeit unter den vier Nationen

In Zukunft soll auch dieser Raum für Besucher zugänglich sein. „Der ist besonders wichtig, weil er viel zum Multilateralismus zu sagen hat“, meint Fischer. Denn trotz unterschiedlicher Meinungen zum Strafmaß seien die vier Nationen sich am Ende einig geworden. Im Falle einer Pattsituation hatten sie sich davor verständigt, dass bei der Abstimmung die Stimme des Briten Sir Jeffrey Lawrence ausschlaggebend sein sollte. 

Momentan ist aber ungewiss, wie es mit dem Memorium weitergeht. Eigentlich sollte die neukonzipierte Ausstellung 2029 öffnen, erklärt Fischer. „Wir haben sogar eine Förderung vom Bund eingeworben und eine vom Freistaat für bauliche Ertüchtigung und zur Erweiterung der Ausstellung.“ Dann aber kam im Sommer die Haushaltssperre der Stadt Nürnberg. Fischer hofft trotzdem bald auf grünes Licht.

Interessante und skurrile Besucher

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine Gruppe aus Polen. Die Leute wollten wissen, wie die in Polen begangenen Verbrechen im Prozess vertreten wurden. Diesen Teil übernahm die Sowjetunion, was für Fischer „ein gewisses Geschmäckle“ hat. Denn die Sowjetunion habe im Krieg ja selbst Menschlichkeitsverbrechen an Polen begangen.  

Die Begegnung habe ihm gezeigt, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Ländern auf die Prozesse schauen – und dass man sich auch mit jenen Aspekten des Prozesses beschäftigen müsse, die nicht gelungen seien. Die meisten Besucher seien Einzelbesucher, zudem kämen viele Gruppen von Militär, Polizei, Schulen oder Universitäten, um an historisch-politischen Bildungsprogrammen teilzunehmen.

„Nürnberg 2.0“ mit neuen Anklagen?

Hin und wieder kämen einzelne Besucher mit der Idee eines „Nürnberg 2.0“ und wollten etwa die Bundesregierung im Saal 600 anklagen, erzählt Fischer. „Das hat manchmal skurrile Züge, manchmal muss man es auch ein bisschen ernster nehmen.“ So schickten Personen etwa Abhandlungen über angebliche Menschenrechtsverletzungen während der Pandemie. „Da hab ich dann gefragt, ob sie jetzt wirklich eine Gerichtsverhandlung im Museum anstreben“, sagt Fischer trocken. Denn seit 2020 wird der Saal nicht mehr von der Justiz genutzt. 

Nicht nur der Saal 600, auch die Welt hat sich seit 1945 verändert. Eine Medieninstallation, die mehrmals am Tag im Saal gezeigt wird, zieht eine Linie von den Nürnberger Prozessen bis zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Denn die Fragen, die hier verhandelt wurden, sind weiter aktuell: Wie geht man mit massenhafter Gewalt und Völkermord um? Wie mit Staaten, die solche Taten verüben? 

In seiner Eröffnungsrede im November 1945 sagte der US-amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson in Nürnberg, die vier Siegernationen übten keine Rache. Dass sie das Recht walten ließen, sei eines der bedeutsamsten Zugeständnisse, das die Macht jemals der Vernunft eingeräumt habe. Der Saal 600 erinnert daran, dass Recht immer neu verteidigt werden muss. 

Hannah Krewer 

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Artikel von KNA
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