Künstliche Intelligenz
Möchten Sie mit Franz Marc reden?
Digitale Kunstvermittlung ist mittlerweile Alltag. Immer öfter werden den Besuchern dabei auch verstorbene Personen – Erfinder, Künstler et cetera – mittels künstlicher Intelligenz (KI) in Form von auskunftsfreudigen Avataren oder als Chatbots an die Seite gestellt. Wie seriös und ethisch unbedenklich ist das?
So einfach funktioniert es: Museumsgäste verbinden ihr Handy mit dem Besucher-WLAN, scannen einen QR-Code – und schon ploppt „Hallo, ich bin der Franz“ auf, die Startseite des gemeinsamen Pilot-Projekts von Museum und Verlag im Rahmen von „True Size of Art“. Sofort fühlt man sich persönlich und aufmunternd angesprochen, auch weil der Künstler auf dem Foto so sympathisch lächelt. Damit eröffnet das Haus in Kochel einen neuen, dialogischen Zugang zu Leben und Werk des berühmten Malers Franz Marc (1880–1916).
Das KI-gestützte Vermittlungstool lädt Besuchende dazu ein, Fragen zum Künstler, seiner Kunst, seinen Freundschaften und dem künstlerischen Umfeld zu stellen –direkt vor Ort und vor einzelnen Bildern. Man kann das einzelne Werk mit dem Handy scannen und sich dann für einen längeren oder kürzeren Text dazu entscheiden, diesen selbst lesen oder ihn sich vorlesen lassen. Zu jedem Bild gibt es drei bis vier vorformulierte Fragen – oder man kann selber eigene Fragen stellen. Wie etwa die, wie sich Marcs Kunst weiterentwickelt hätte, wäre er nicht im Ersten Weltkrieg mit 36 Jahren gefallen.
Ausschließlich kuratierte Daten
Die KI gibt dann mehr oder weniger präzise Antworten, die sie eigenständig formuliert. Das sind aber keine authentischen Originalzitate Franz Marcs – nur wenn sie als solche gekennzeichnet sind. Die dafür verwendeten KI-Modelle von Mistral und OpenAI arbeiten ausschließlich mit kuratierten Daten. Die Wissensbasis des Tools beruht auf wissenschaftlich geprüften Texten, Werkangaben und kuratierten Quellen des Franz-Marc-Museums. Dazu kommen noch Originaldokumente wie Briefe, Schriften und Aufzeichnungen von Marc. Auf dieser Grundlage formuliert die KI dann ihre Antworten. Das Museum behält so die Kontrolle über die Inhalte und die fachliche Qualität.
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So weit, so gut. Die Besuchenden können mit einem solchen Zugang den Künstler nach ihren persönlichen Interessen entdecken. „Mit diesem Projekt erreichen wir auch viel mehr Interessenten als mit gedruckten Katalogen, die immer nur in einer Auflage von 500–800 Exemplaren erscheinen“, ist Jessica Keilholz-Busch überzeugt, die Direktorin des Franz-Marc-Museums. Und Verlegerin Kerstin Ludolph konstatiert: „Mit True Size of Art erweitert der Hirmer Verlag sein digitales Angebot um eine weitere innovative Anwendung. Neben der erfolgreichen Hirmer AR App entwickeln wir als Kunst- und Kulturbuchverlag eine browserbasierte KI-Plattform, die wissenschaftlich verifizierte Inhalte mit zukunftsweisenden Formen der Kunstvermittlung verbindet.“
Weitere Projekte sollen folgen
Das Angebot in Kochel ist ein erstes Versuchs-Projekt, dem weitere folgen sollen. Die umfassende Einführung von True Size of Art in der Öffentlichkeit erfolgt dann mit bundesweiten Veranstaltungen wie etwa in Frankfurt (zur Buchmesse von 7. bis 11. Oktober) oder in München (zur „ArtMuc“ von 23. bis 25. Oktober). Beim aktuellen Pilotprojekt ist die Nutzung noch kostenlos, das heißt der Verlag investiert darin bis auf Weiteres. Das wird sich dann ändern, wenn eine Nutzungsgebühr fällig wird.
Ein kleiner technischer Nachteil: Man fliegt schnell aus dem System, wenn man sich auf dem kleinen Handy-Bildschirm mal vertippt; dann muss man von vorn beginnen. Trotzdem ist eine ältere Besucherin von dieser Neuheit im Museum sehr angetan: „Da haben sie sich ja mal was Tolles einfallen lassen! So übersichtlich und schnell anwendbar!“ Bei einem anderen Besucher hält sich die Begeisterung dagegen eher in Grenzen: „Sooo total neu ist das Ganze ja auch nicht! Das Prinzip ist dasselbe wie bei den bisherigen Audioguides. Nur dass man hier eben auch eigene Fragen stellen kann.“
Emotionale Zugänge?
Ob diese Technik die bisherigen und persönlichen Kunst-Guides ganz ersetzt, wird die Zukunft weisen. Denn was diese KI nicht liefern kann, sind emotionale Zugänge und individuelle Interpretationen der Kunstwerke. Lobens- und erwähnenswert sind aber auf jeden Fall die Qualität der Texte zu den einzelnen Bildern – und die Zusatzinformationen, die meist unter der Überschrift „Wussten Sie schon, dass ...?“ zu finden sind.
So erfährt man vor dem Bild „Gazellen“ (1913/14), dass Marc von exotischen Tieren fasziniert war. Als Motiv konnte er sie besonders frei behandeln, weil es dafür keine vorgegebenen Darstellungsformen gab. So sind seine Gazellen in abstrakte Formen und große Linien eingebunden. Beim Porträt des kranken Vaters von Franz, Wilhelm Marc (1906), wird man informiert, dass dieser ein anerkannter Vertreter der „Münchner Schule“ war und Ludwig II. ihn beauftragt hatte, im Königssaal von Herrenchiemsee ein Deckengemälde nach einem Vorbild in Versailles zu malen.
Pferde und Rehe
„Die Geburt der Pferde“ (1913) steht im Zusammenhang mit dem Plan Marcs, eine illustrierte Bibelausgabe mit dem Leitmotiv der „Schöpfung“ herauszugeben. In den Holzschnitten dazu wird sein Weg in die Abstraktion sichtbar. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stoppte das Vorhaben aber abrupt und die Bibel erschien nie.
Und zum Aquarell „Kauerndes Reh“ (1911) gibt es die Geschichte, dass der Künstler und Mitbegründer der heute so berühmten Münchner Künstlervereinigung „Der blaue Reiter“ in Sindelsdorf mit zwei zahmen Rehen namens „Hanni und Schlick“ lebte. Freunde berichteten, er habe sie mit großer Zärtlichkeit behandelt – fast so, als wären es seine eigenen Kinder.
Karl Honorat Prestele



