Wie reagieren wir auf das Böse?
Wir lieben es, zu feiern und ausgelassen zu sein. Doch was passiert, wenn plötzlich ein Übel hereinbricht?
Unser christlicher Auftrag fordert Zuwendung. Foto: © imago/Chromorange
Neulich im Festzelt auf dem Volksfest, ich speiste mit meiner Familie, die Musik spielte, alles war fröhlich. Plötzlich wurde ich Zeuge einer Gewalttat. Unweit von uns schlug ein Mann einer sitzenden Person heftig ins Gesicht und ging davon. Der Geschlagene war ein Bursche von etwa 18 Jahren, offenbar von Geburt an mit einer Behinderung. Er fing sofort an zu heulen und war völlig aufgelöst.
Kennen Sie das, wenn etwas passiert und man nicht sofort reagiert, weil alles zu schnell geht? Ich war völlig perplex und ärgerte mich, weil der Täter bereits weg war. Auf einmal tauchte er aber doch wieder auf, stand ganz in der Nähe. Ich ging hin und stellte ihn zur Rede. Auf meine Frage bestätigte er, ganz ohne Reue: Der Geschlagene, das war sein Sohn.
Verstörendes Geschehen
Dass ich dem Mann die Leviten las, half leider nicht, denn nun ging er zurück zum Tisch und schrie seinen Sohn an. Da schritt eine Kellnerin ein, komplimentierte den Mann hinaus, setzte sich neben den Jungen und tröstete ihn. Der ging dann ebenfalls bald. Zurück blieben die Augenzeugen des verstörenden Geschehens.
Was mir hinterher viel zu denken gab, waren die Reaktionen der Zuschauer. Schnell handeln konnte erst mal niemand. Danach wollten einige nur noch weg, mehrere Tische leerten sich. Andere blieben sitzen, wortlos in sich gekehrt, appetitlos. Eine Minderheit feierte ungerührt weiter – ein Prosit der Gemütlichkeit!
[inne]halten - das Magazin 19/2026
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Unvorbereitet, sprachlos, hilflos
Es war wie eine absurde Theaterszene. Ein Lustspiel, das zum Drama wurde. Sogar ein tragisches Sinnbild unseres ganzen Lebens? Wir putzen uns schön heraus, feiern auf der Bühne unserer heilen Welt. Bricht plötzlich ein Übel herein, sind wir unvorbereitet, sprachlos, hilflos. Es geht uns so an die Nieren, dass wir gar nicht handlungsfähig sind; es ist, als ob uns nur die Wahl zwischen Davonlaufen und Schockstarre bliebe. Oder, als dritter Weg, das Ignorieren und Verdrängen.
Ja, so sind wir. Es ist verständlich. Unser christlicher Auftrag aber fordert Zuwendung: hinschauen, handeln, gemeinsam aushalten. Wir können das Böse oft nicht verhindern, aber wir können dagegen Einspruch erheben. Haltung zeigen und Zeichen setzen. Hilfe leisten und uns der drohenden Verzweiflung entgegenstemmen. Das Stärkste, was ich an diesem Tag gesehen hatte, war nicht die Hand des armseligen Schlägers, sondern die Umarmung der Trösterin.



