Gerechtigkeit
24.09.2026

Wie Gottvertrauen gegen Ärger hilft

Warum regen uns kleine und große Ungerechtigkeiten so auf? Die Pastoralreferentin Theresa Reischl gibt Tipps für den Umgang mit Ärger und verrät, wie Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit neue Gelassenheit schenken kann.
    

Theresa Reischl empfindet es als ungerecht, wenn sich Menschen an der Kasse vordrängeln – und verspürt zugleich den Wunsch, auch mal so zu handeln. Theresa Reischl empfindet es als ungerecht, wenn sich Menschen an der Kasse vordrängeln – und verspürt zugleich den Wunsch, auch mal so zu handeln. Foto: © imago/Martin Wagner

Manchmal habe ich den Eindruck, in meinem Wohnort findet ein großes Sozialexperiment statt. Es trägt den Namen: „Gemeinsam genutzte Verkehrsfläche“ und bezeichnet damit einen öffentlichen Straßenraum, der von Fußgängern, Radfahrern und Autos gemeinsam und gleichberechtigt genutzt wird. Das Konzept verzichtet weitgehend auf klassische Schilder, Ampeln oder Bordsteine, damit sich alle Menschen durch Blickkontakt und Rücksichtnahme verständigen.  

Das läuft schon einige Jahre. Inzwischen gibt es Verkehrsschilder, Poller, Straßenkontrollen und Bußgelder – weil wir Menschen es einfach nicht schaffen. Wenn alle die gleichen Rechte haben, sorgt das offenbar dafür, dass alle meinen, sie haben immer Recht. Gegenseitige Rücksichtnahme, abwarten können, jemand anderem mal den Vortritt lassen, Kompromisse eingehen – zu schwierig. Es muss „von oben“ geregelt werden. Wobei diese Regelung dann natürlich angezweifelt, hinterfragt und schlimmstenfalls ignoriert wird: Es sind ja die anderen damit gemeint, nicht ich …

Überall herrscht Ungerechtigkeit

Ich erlebe das gerade in vielen Lebensbereichen, auch bei mir selbst. Ich empfinde vieles als ungerecht, im Kleinen wie im Großen. Im Beruf der Mensch, der es schafft, für sich zu sorgen und sich Arbeit vom Hals zu halten – wie unfair! Im Alltag der Mensch, der sich an der Kasse vordrängelt und damit durchkommt – das ist doch ungerecht! In der Politik die Menschen, denen scheinbar keine Skandale etwas anhaben können – wie unanständig! In der Welt die grausamen Despoten und Diktatoren, die über Leben und Tod entscheiden – warum lässt Gott das zu?! Die Konsequenz dieser Gefühle: Frust, Ärger, zunehmende Intoleranz, eine gewisse Rücksichtslosigkeit und der Wunsch, eben auch mal so zu handeln. Wenn alledas machen, warum soll ich dann nicht? 

Dass mich das nicht weiterbringt, liegt auf der Hand. Wie also kann ich diese negativen Gefühle nutzen, um sinnvoll zu handeln? Zuerst einmal: hinhören und in mich hineinspüren: Ist es angemessen, so heftig zu reagieren? Wenn ich mich in den Ärger reinsteigere, nehme ich ja noch viel mehr Ungerechtigkeit wahr und fühle mich noch ungerechter behandelt und zurückgesetzt.

Das heißt nicht, dass ich jede Alltagsungerechtigkeit über mich ergehen lassen muss, aber mit möglichst klarem Kopf das eigene Handeln, die Möglichkeiten und Konsequenzen durchdenken. Und dann vielleicht zu dem pragmatischen Ergebnis kommen: Bevor ich mich ärgere, ist es mir lieber wurscht.
    

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Gott Gerechtigkeit überlassen

Und wenn das nicht geht: es Gott hinhalten. Klagen, schimpfen und jammern – und darauf vertrauen, dass letztschlussendlich Gott gerecht ist und allen Menschen das gegeben wird, was sie zum Leben brauchen. 

Diese Gerechtigkeit rettet, befreit und rückt die verkehrten Verhältnisse wieder zurecht. Gottes Liebe heilt – und solange das noch nicht eingetreten ist, hilft immer noch:„Lieb du sie, Gott, ich kann gerade nicht.“ 

Theresa Reischl
Artikel von Theresa Reischl
Autorin
Theologin, Dekanatsreferentin im Dekanat Freising