Cybermobbing
Mobbing in digitalen Zeiten
Ein intimes Video landet im Klassenchat. Die Betroffene wechselt die Schule – und ist dort längst als „die aus dem Video“ bekannt: Mobbing hat heute keine Grenzen mehr. Eine Expertin erklärt, was junge Menschen schützt.
Ein Alarmzeichen für Cybermobbing sieht die Präventionsexpertin Alena Mess immer dann, wenn ein Junge oder Mädchen sich untypisch verhält. Foto: © AdobeStock/David Pereiras
Der freundliche Frosch? Bedeutet: „Du bist hässlich.“ Die hübsche Schneeflocke? Steht für: „Stell dich nicht so an!“ Oder: „Ist die empfindlich.“ Und das niedliche Küken signalisiert: „Mir egal, was du denkst.“ – Wo Erwachsene harmlose Bildchen sehen, nutzen junge Menschen Emojis oft ganz anders. Ihre Bedeutung hängt vom Zusammenhang und auch von Codes in Gruppen ab, erklärt Sozialpädagogin und Präventionsexpertin Alena Mess.
Die Emoji-Übersicht in ihrem Buch ist eines von vielen hilfreichen Werkzeugen, das helfen soll, Mobbing und andere Gefahren im Netz zu erkennen – und entsprechend zu handeln. „Hate, Druck, Gruppenchat. Wie du dein Kind bei Cybermobbing schützt und stärkst“ ist soeben erschienen. Mess ist als Sachverständige für das Familiengericht tätig und arbeitet als Referentin im Bereich Kinderpornografie/Missbrauchsabbildungen und sexualisierte Gewalt für die Polizei sowie an Schulen, in Kitas und in der Kinder- und Jugendhilfe.
Fiese Sprüche auf Tiktok statt in Mathe
Mobbing habe immer schon geschadet, sagt die Expertin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Es macht etwas mit dem Selbstwert und mit dem Gefühl von Zugehörigkeit.“ In der digitalen Gegenwart gebe es allerdings keine Pause mehr: Früher hätten Betroffene zu Hause oder im Sportverein noch einen Rückzugsraum gehabt, wenn die Lage in der Schule belastend war. „Heute entsteht Mobbing, wenn jemand ein Tiktok-Video postet – und plötzlich hagelt es Hasskommentare.“
Cybermobbing ist also kein „Ersatz“ für klassisches Mobbing, sondern, sagt Mess, eine zusätzliche Gewaltform. Auch die Wahrnehmung habe sich verändert: Junge Menschen dächten viel mehr darüber nach, wie sie wirken. Nicht nur auf ihr engstes Umfeld, sondern auf Snapchat und Insta, in Reels und Stories. „Dieser Geltungsdrang bewirkt, dass ich mehr preisgebe – und dieses Preisgeben lädt wiederum andere ein, ihre Meinung zu äußern. Und die ist nicht immer positiv.“
Manche Tyrannen sind äußerst salonfähig
Dieser Wandel betrifft nicht nur junge Menschen. Gemein sein und hinterher sagen „War doch nur Spaß“ – diese Taktik nutzen auch manche Spitzenpolitiker. „Ein bisschen herrscht das ,Recht des Stärkeren‘“, warnt Mess: „Das trägt dazu bei, dass Menschen sich weniger ernstgenommen fühlen und auch keine Hilfe suchen.“ Bei Kindern sei dies fatal – sie blieben mit Verletzungen allein.
Ein Alarmzeichen sieht sie immer dann, wenn ein Junge oder Mädchen sich untypisch verhält. „Das Kind will auf einmal nicht mehr zum Sport“, erläutert sie: „Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, das Handy liegt nur noch mit dem Bildschirm nach unten, das Kind reagiert angespannt, wenn Nachrichten eingehen.“
Viele Eltern laufen laut Mess Gefahr, solche Entwicklungen mit der Pubertät zu verwechseln. Rückzug, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper oder ein Leistungsabfall könnten zu beidem passen – zu einer gängigen Entwicklung oder zu Mobbing-Erfahrungen. „Das bedeutet, ich muss nachfragen.“ Sie nennt ein Beispiel: „Ich erlebe dich anders als sonst, du bist wütender, überdrehter, ziehst dich zurück. Ist alles okay? Kann ich dich irgendwie unterstützten?“
Signal an das Kind: „Ich bin da“
Wichtig: Kinder erzählen nach Erfahrung der Expertin häufig nicht beim ersten Nachfragen von belastenden Erlebnissen. Entscheidend sei das Signal: Jemand hat bemerkt, dass es mir nicht gut geht, und ich kann jederzeit auf diese Person zukommen.
Im Buch hat sie auch Sätze aufgelistet, die eher zu vermeiden sind, wenn ein Kind von belastenden Situationen berichtet. Fragen wie „Warum kommst du erst jetzt?“ könnten vorwurfsvoll wirken, Verbote für das Handy oder bestimmte Apps dazu führen, dass gar nichts mehr erzählt wird. Bestimmte Sprüche („Das regelt sich schon“) sorgten für weitere Verletzungen – ein sofortiger Anruf in der Schule führe aber schnell dazu, dass das Kind sich übergangen fühle und fürchte, dass alles noch schlimmer wird.
Was also tun? Erzählungen ernst nehmen und gemeinsam sortieren, was Sohn oder Tochter jetzt braucht, rät Mess. Eltern müssten keineswegs Social-Media-Profis sein – aber wissen, wo sie Hilfe finden, etwa auf Seiten wie www.klicksafe.de oder „Innocence in Danger“. Eine Übersicht darüber, welche Apps und Spiele das Kind nutzt, sei unabdingbar, ebenso gemeinsames Prüfen von Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen.
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Auch viele Eltern scrollen zu viel
In ihren Beratungen berichten geschätzte 80 Prozent der jungen Menschen, ihre Eltern seien selbst zu viel am Handy. Mess sieht auch sogenanntes Sharenting kritisch, zusammengesetzt aus „share“ (teilen) und „parents“ (Eltern). Gemeint sind Eltern, die Fotos und Videos insbesondere von oder mit Kindern auf Sozialen Medien teilen. Dazu hat sie eine klare Haltung: „Keine Bilder von Kindern im Netz. Null. Zero. Egal, ob ich zehn Follower habe oder 300.“Denn: Jedes veröffentlichte Bild könne kopiert, weiterverbreitet, für Cybermobbing oder Erpressung missbraucht und mithilfe von KI für manipulierte Nackt- oder Missbrauchsdarstellungen verwendet werden – „ohne dass Eltern oder Kinder die Kontrolle darüber behalten“.
Aufklärung beginnt in der Grundschule
Spätestens ab dem Grundschulalter sei es zudem sinnvoll, Kinder zu fragen, ob man ein Bild etwa an die Oma weiterschicken darf. Andernfalls lerne das Kind, dass es nicht nur normal sei, ständig fotografiert zu werden – sondern auch, dass diese Bilder in jeder Freundesgruppe und auf Social Media landen. „Das führt nicht zu einem kritischen Umgang mit Fotos – weder mit eigenen noch denen von anderen.“Ein Stück Selbstdistanz von Eltern kann Kinder also schützen. Das betrifft auch „eigene Trigger“, wie die Autorin sie im Buch nennt: Manchmal reagiert man unwillkürlich auf eigene Verletzungen, erinnert sich vielleicht an eine Situation, in der man selbst als Teenie ausgelacht wurde. In solchen Momenten sei es wichtig für alle Beteiligten, durchzuatmen und sich auch um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern – aber getrennt von denen des Kindes, schreibt Mess. Entscheidend für sie sei eine Person, die „präsent und ansprechbar bleibt“.
Paula Konersmann



