Benito

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Buchprofile - Rezension
Durch einen fingierten Terroranschlag kommt ein Schriftsteller seiner Vergangenheit auf die Spur.
Die 90er Jahre im Ruhrgebiet. Cherubim, so sein Pfadfindername, fünf andere Kameraden und ihr Häuptling unternehmen eine Bootstour. Cherubims bester Freund ist der blinde Benito, der in seinem Boot mitpaddelt. Auf der Tour erleben die Jungen so einiges. Dann wird durch einen Unglücksfall ihr Leiter erschossen. Doch die fünf setzen ihre Fahrt fort. Gut 30 Jahre später erhält "Cherubim", renommierter Schriftsteller, der eine Auszeit in Italien genommen hat, eine mysteriöse Einladung zu einer Konferenz in Bonn. Dort wird er Zeuge eines eigenartigen "terroristischen Anschlags". Denn der Attentäter schießt mit Platzpatronen, dann setzt er sich selbst in Brand und wird von den polizeilichen Einsatzkräften erschossen. Vorher gibt er sich dem Schriftsteller zu erkennen: Es ist Benito. "Cherubim" macht sich auf die Suche nach den Motiven für diese eigenartige Selbsttötung und findet heraus, dass dieser von Benito inszeniert wurde mithilfe der fünf ehemaligen Kameraden Cherubims. Auf dem Weg zu den Gründen und der Planung des Anschlags findet der Schriftsteller immer mehr auch zu seiner eigenen Geschichte und Identität. - Hendrik Otremba zeichnet hier nicht nur die Geschichte einer Gruppe von Menschen über die letzten Jahrzehnte nach. Er dokumentiert damit auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik und hinterfragt die wahren Werte unserer Gesellschaft. Was sich anfänglich sehr spannend und ideenreich erzählt präsentiert, wird im Laufe der Handlung leider immer zäher zu lesen. Hätte der Autor seine Geschichte auf gut die Hälfte reduziert, wäre es ein wirklich außergewöhnlicher Roman. So wird es leider gelegentlich zu langatmig. Dennoch lesenswert.
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Artikelbeschreibung

1995 fährt der elfjährige Cherubim mit seiner Pfadfindergruppe auf eine dreiwöchige Kanufahrt einen westdeutschen Fluss entlang. Sie alle tragen klingende Fahrtennamen wie Kippe, Maus und Fliegentöter. Ihren Anführer, ein paar Jahre älter als sie, nennen sie Häuptling. Je weiter der Fluss sie trägt, desto verbundener fühlt sich Cherubim den anderen, desto mehr vergisst er sein Zuhause. Dort warten ohnehin nur seine frisch getrennten Eltern auf ihn, die Mutter überfordert, der Vater depressiv. Für den blinden Benito, mit dem er sich eines der Boote teilt, entwickelt er ein zunehmend obsessives Interesse.Dann geschieht ein schreckliches Unglück: Durch einen Jagdunfall wird der Anführer getötet, woraufhin die Jungen bald dem Wahnsinn nahe die Flussfahrt ohne ihn fortsetzen. Immer tiefer geraten sie nun in eine verstörende Welt. Das kindliche Abenteuer wird zu einem surrealen Albtraum. Benito erfährt dabei eine radikale Wandlung: Zunehmend ergeht der zu Beginn noch in sich gekehrte Junge sich in immer zornigeren Monologen, die den Irrweg der Zivilisation anprangern. Aus dem stillen Jungen wird ein fatalistischer Prophet, ein blinder, apokalyptischer Seher.Drei Jahrzehnte später ist aus Cherubim ein bekannter Schriftsteller geworden, der einer rätselhaften Einladung folgend nach Bonn kommt. Am Tag des Empfangs im bekannten Hotel Paradies, das von einer Vielzahl prominenter Menschen aus Politik, Wirtschaft und dem Showgeschäft besucht wird, stürmt ein maskierter Mann den Saal Eden, schließt die 300 Gäste darin ein und schießt minutenlang wild um sich. Wie durch ein Wunder kommt niemand zu Schaden. Cherubim begreift schnell, dass das Attentat nur vorgetäuscht und mit viel Pomp inszeniert ist. Und hat nicht Benito sein linkes Bein genauso nachgezogen wie der Attentäter?In der Folge begibt er sich auf eine Spurensuche durch das Ruhrgebiet, reflektiert die Mythen der alten BRD und muss immer mehr feststellen, dass das öffentlichkeitswirksame Rätsel, dem er in Bonn beiwohnte, eng verwoben ist mit den Ereignissen seiner Kindheit. So wird die Suche nach der Wahrheit auch eine Suche nach seiner eigenen Vergangenheit.In eindringlicher Sprache erforscht Hendrik Otremba, was uns über unsere eigenen Grenzen treibt. Abenteuererzählung und Künstlerroman in einem entwirft Benito im dichten Wechsel zwischen zwei Zeit- und Erzählebenen ein Kaleidoskop aus Zorn und Intellekt, Aktion und Reflexion, Terror und Kunst.

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