Ausblicke vom Fesselballon

Roman
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Buchprofile - Rezension
Auf den Spuren der 1980er Jahre: Dieter Kühns Nachlassroman erzählt Episoden aus dem Alltagsleben eines Lehrers mit Mitleidskrise.
Am besten, man beginnt dieses Buch von hinten zu lesen. Dieter Kühn hat es im Angesicht einer schweren Krankheit geschrieben, es wurde sein letztes. Nun ist es aus dem Nachlass in Kühns Verlag erschienen und mit einem eindrücklichen Nachwort der Kunsthistorikerin Olga Zoller, Kühns Lebensgefährtin, versehen. Hier erfährt man, wie der Autor sich im Wettlauf mit der verrinnenden Lebenszeit anstelle des geplanten Kommentars zu Dantes „Göttlicher Komödie“ nochmals auf einen eigenen Roman über sein Lebensthema eingelassen hat. Es geht darum, aus dem rheinischen Alltag und historischen Stoffen den „Möglichkeitssinn“ herauszuholen, im Sinne des „es könnte wahrscheinlich auch anders sein“ von Robert Musil, über den Kühn promoviert hat. Dieser Möglichkeitssinn spielt eine maßgebliche Rolle in „Ausblicke vom Fesselballon“, der an den ersten Roman „Ausflüge im Fesselballon“ (1971) anklingt; ein Kreis hat sich geschlossen. „Ausblicke“ spielt in den 1980er Jahren und ist ein getreues Bild der Strömungen der Zeit, vom Braunkohletagebau weggebaggerte Dörfer, Anti-Atom-Demonstrationen, ökologische Bewegung, Frauenemanzipation. Lothar Bremer ist handelnde Hauptfigur, ein Lehrer an einem Hürther Gymnasium, frustriert von Klausurbergen und Elternabenden. Seine Ehe mit einer dauerbeschäftigen Dolmetscherin hat ihre beste Zeit hinter sich, an die Tochter kommt er nicht mehr heran. Und so tröstet er sich mit unbeständigen Liebeleien, Kurzurlauben, Fahrten nach Köln und in die Voreifel über seine Midlife-Crisis hinweg, die vielmehr eine Mitleidskrise ist, so selbstbezogen und selbstbedauernd er lebt. Fast alles aber bleibt beim Alten, anders scheint es nur angesichts der Natur zu werden. So hat ihm ein Regenbogen, bei einer Abendwanderung in der Wahner Heide, „eine Traumfigur in den Sprühregen gezeichnet“. Kein Roman mit durchgehender Plotline, eher episodisch erzählt; aber ein episches Zeugnis des trotz allen Haders nicht hoffnungslosen Kölner Alltags der 1980er Jahre, eine Einladung, von heute aus auch die früheren Romane Kühns wiederzulesen.
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Artikelbeschreibung

Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts: Lothar Bremer, Lehrer an einem Gymnasium in Hürth bei Köln, steckt fest in seinem Leben: Die Arbeit zermürbt ihn, seine Ehe zeigt Abnutzungserscheinungen, die Tochter scheint unerreichbar. Lothar will ausbrechen, unternimmt Streifzüge durch Köln, reist nach Holland ins Ferienhaus eines Freundes, geht intellektuellen Projekten nach, sucht Affären. Sehnsucht, Lebenslust und Enttäuschungen liegen dabei eng beieinander - erfährt er nur im Scheitern sich selbst? Wie viel Freiheit ist denn eigentlich nötig in unserem Leben - und wie viel ist möglich?
»Ausblicke vom Fesselballon« ist das Buch, an dem Dieter Kühn noch bis wenige Tage vor seinem Tod im Juli 2015 gearbeitet hat. Entstanden ist ein lebendiges und detailscharfes Bild der frühen achtziger Jahre in Westdeutschland. Dabei erweisen sich die Themen der damaligen Zeit - Umweltzerstörung, Großdemonstrationen, neue Beziehungsmodelle oder die Veränderung der Arbeitswelt - als verblüffend aktuell.

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Personeninformation

Dieter Kühn, geboren 1935 in Köln, starb 2015 in Brühl. Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und hoch gerühmten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das 'Mittelalter-Quartett') erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt die Carl-Zuckmayer-Medaille. Zu seinen Werken gehören große Biographien (über Clara Schumann, Maria Sibylla Merian, Gertrud Kolmar sowie sein berühmtes Buch über Oswald von Wolkenstein), Romane ('Geheimagent Marlowe'), historisch-biographische Studien ('Schillers Schreibtisch in Buchenwald') und Erzählungsbände ('Ich war Hitlers Schutzengel'). Zuletzt erschienen die beiden autobiographischen Bände 'Das Magische Auge' und 'Die siebte Woge' sowie sein Theaterbuch 'Spätvorstellung'.

Literaturpreise (Auswahl):
Hermann-Hesse-Preis
Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Nominiert für den Deutschen Bücherpreis 2002
Carl-Zuckmayer-Medaille 2014

Pressestimmen

Es ist ein Geschenk, und eine Erinnerung auch, dass Dieter Kühn nicht zu vergessen lohnt. Dierk Wolters Frankfurter Neue Presse 20251031
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