Oktoberfest 2026
Kommt bald die alkoholfreie Wiesn?
Klassisches Bier hat zunehmend Absatzprobleme in Deutschland, sogar auf dem Oktoberfest. Über eine Zeitenwende in den Zelten, eine Zukunft mit weniger Alkohol – oder gleich ganz ohne.
Szene aus dem Biergarten der Augustiner-Festhalle beim Oktoberfest 2025. Foto: © imago/Future Image
Ob den neuen Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) am 19. September zu seiner Wiesn-Premiere die Vergangenheit einholt? Wenn alle Welt gespannt verfolgt, wie er erstmals den Zapfhahn ins Bierfass drischt? Vor drei Jahren hatte Krause das Oktoberfest in einem Interview als die „weltweit größte offene Drogenszene“ tituliert – und damit die Wiesnwirte gegen sich aufgebracht.
Der Politiker wollte damals auf doppelte Standards in der Debatte hinweisen. Cannabis, so seine Argumentation, werde verteufelt, während Alkohol als ebenfalls harte Droge auf dem Volksfest in riesigen Mengen konsumiert werde. Die Wirte sahen daraufhin nicht nur ihre Kundschaft, sondern gleich alle sieben Millionen Besucher der Festivität diskreditiert. Und stellten klar: Bier sei keine Droge, sondern in Bayern ein traditionelles Genuss- und Grundnahrungsmittel.
„Nicht so bierernst“
Der Grüne ruderte daraufhin zumindest etwas zurück und sagte, man solle seine Aussage doch „nicht so bierernst“ nehmen. Er gehe selbst gerne auf die Wiesn und wolle das Fest keineswegs schlechtreden.
Was der Disput verdeckt: Der Absatz von klassischem Bier ist in Deutschland seit Jahren rückläufig – sogar beim Hochamt des Brauwesens auf der Münchner Theresienwiese, zu dem durstige Besucher aus aller Welt strömen. Der Langfristtrend geht in Richtung alkoholfrei.
Festbierabsatz sinkt seit Jahren
Seit 2018 wird beim Oktoberfest immer weniger klassisches Bier ausgeschenkt. 2025 waren es noch 6,5 Millionen Mass: ein Rückgang von immerhin 500.000 Krugfüllungen im Vergleich zum Vorjahr. Und eine Menge, die vom bisherigen Rekord schon ein gutes Stück entfernt ist. 7,7 Millionen Liter ließen sich die Festbesucher 2014 munden. Schluck!
Alkoholfreies Bier hatte seinen ersten Auftritt auf der Wiesn vor genau 40 Jahren. 400 Hektoliter kamen 1986 in die Krüge. Das war nicht einmal ein Prozent der Absatzmenge des Traditionsgebräus. Aber es war der Beginn einer Revolution.
Nichtalkoholisches legt in den Zelten zu
Inzwischen gibt es die kalorien- und alkoholarme Alternative in allen Festzelten. Zur Gesamtmenge machen die Veranstalter keine Angaben, aber die Wirte bezifferten 2025 die Zuwachsraten auf 6 bis 10 Prozent. Nichtalkoholische Getränke wurden 3 Prozent stärker nachgefragt. Das dürfte dieses Jahr kaum anders sein.
Dabei gibt es das Alkoholfreie nur aus dem herkömmlichen Sortiment der auf dem Oktoberfest zugelassenen Münchner Großbrauereien – und nicht als eigens gebrautes Festbier. Ein Festzelt ganz ohne Alkoholausschank? Selbst das erscheint nicht mehr völlig undenkbar, seit vor zwei Jahren der erste alkoholfreie Biergarten in München namens „Die Null“ eröffnete – und einen Überraschungserfolg beim Publikum landete.
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Unschöne Bilder vom „Kotzhügel“
Erfahrungsgemäß kommen nur wenige Stunden nach dem Anstich die ersten Festbesucher mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Scheinbar gleichmütig sieht Bavaria darüber hinweg, wenn sich die Besoffenen auf dem „Kotzhügel“ zu ihren Füßen massenhaft entleeren – und damit wenig einladende Bilder vom Oktoberfest produzieren.
Schon rütteln Journalisten an weiteren Tabus. Das Feinschmecker-Magazin Falstaff brachte ein Masskrug-Verbot ins Gespräch. Das würde nicht nur den Konsum entschleunigen und das „Prosit der Gemütlichkeit“ glaubwürdiger machen. Mit dem sinkenden Pegel würde außerdem die Zahl der Straftaten sinken, argumentierte Autor Moritz Hackl 2024.
„Alle Drogen komplett verbieten“
BR-Kulturredakteur Martin Zeyn wagte sich im selben Jahr noch weiter vor. Auf Volksfesten wie der Wiesn oder auch der Erlanger Bergkirchweih sollten gleich alle Drogen komplett verboten werden. Als leuchtendes Vorbild diente dem Journalisten ein Gasthaus, das seit fast drei Jahren nur noch alkoholfreie Biere ausschenkt – und das in Franken, also der Region mit der immer noch höchsten Brauereidichte der Welt.
„Ein Oktoberfest ohne Alkohol“, kommentierte Zeyn, „wäre wirklich ein Platz, wo sich alle versammeln könnten. Ein Kulturbruch – klar. Aber es wäre dann wieder ein Ort, den ich feiern würde, statt ihn zu meiden.“
Christoph Renzikowski



