Kultur und Wissen
31.08.2026


150. Geburtstag

Diktatorisch, aber demokratisch

Er war der Mann, der Deutschland nach dem Krieg zurück in die Weltgemeinschaft führte: Konrad Adenauer, der heuer 150 Jahre alt geworden wäre. Der Bonner Historiker Friedrich Kießling zeichnet in seiner Biografie das Bild eines ambivalenten Charakters.
   

Im April 1966 porträtierte der österreichische Maler und Vertreter der Wiener Moderne, Oskar Kokoschka, den bereits 90-jährigen Adenauer. Im April 1966 porträtierte der österreichische Maler und Vertreter der Wiener Moderne, Oskar Kokoschka, den bereits 90-jährigen Adenauer. Foto: © imago/Sven Simon

„Konrad Adenauer war nicht nur nicht immer Kanzler, er war auch nicht immer alt“ – diese Erkenntnis verrät uns der Bonner Historiker Friedrich Kießling am Anfang seiner voluminösen Adenauer-Biografie „Dreieinhalb Leben“. Klingt schrecklich simpel, aber der Satz enthält bereits die ganze Botschaft dieser ebenso sachkundigen wie hintergründigen – dazu noch eingängig und durchaus spannend geschriebenen – Studie: Der Kultkanzler hat bereits in den Jahrzehnten vor der Gründung der Bundesrepublik, in der Weimarer Ära, ja sogar im Kaiserreich, Politik gemacht, und vor allem haben ihn diese Jahre entscheidend geprägt und die Grundthemen seiner Kanzlerschaft mitbestimmt, von der deutschen Westbindung bis zu den Anfängen eines vereinten Europa. 

Dass der Kölner Oberbürgermeister (seit 1917), Vorsitzende des Rheinischen Provinziallandtags und dann Präsident des Preußischen Staatsrats (seit 1921) insgesamt dreimal als Reichskanzler im Gespräch war, sollte man laut Kießling nicht zu hoch bewerten. Die Kanzlerschaften der Weimarer Republik waren sehr kurzlebig, man brauchte ständig ein breites Tableau von Kandidaten, und Adenauer selbst hätte sein einflussreiches Amt in Köln, das er wie ein moderner Monarch regierte, ungern gegen ein ungewisses Schicksal in der Reichskanzlei getauscht.

Unzählige Zugfahrten nach Berlin 

Als Präsident des Preußischen Staatsrats, dessen Sitzungen er zwischen 1921 und 1933 beinahe zweihundert Mal leitete – meist nach einer acht- bis zehnstündigen Zugfahrt von Köln nach Berlin –, und als Vorstandsmitglied der Zentrumspartei erwarb Adenauer allerdings eine immense politische Erfahrung. Und entwickelte ein nicht unbeträchtliches Talent, seine Ansichten und Strategien dem jeweiligen Zuhörerkreis anzupassen und dennoch als zuverlässige Führernatur wahrgenommen zu werden.  

Er war nie ein glühender Monarchist, beherrschte in seinen Reden aber die nationalistische Klaviatur ziemlich perfekt. Er unterstützte die separatistischen Bestrebungen, das Rheinland von Preußen zu lösen und zu einem „Freistaat“ im Deutschen Reich zu machen – und erwarb sich in der Weimarer Republik einen solchen Ruf als Verständigungspolitiker, dass ihm sein Gegenspieler Gustav Stresemann andauernd vorwarf, er zeige zu viel Empathie für die Sicherheitsbedürfnisse des französischen Erbfeindes.
  

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„Humane Kolonialisierung“ 

Kein Mensch weiß heute mehr, wie leidenschaftlich sich Adenauer als Vize-Vorsitzender der deutschen Kolonialgesellschaft Anfang der 1930er Jahre für den Wiedererwerb der verlorenen Kolonien engagierte: Das deutsche Volk müsse seine engen Grenzen sprengen, wenn es der „Gefahr der Verkümmerung“ entgehen wolle. Gleichzeitig warb er aber für eine „humane“ und „fortschrittliche“ Form der Kolonisierung mit dem Schwerpunkt auf Bildung und – nun wieder ganz altmodisch – christlicher Mission: „Hebung des Landes in Zusammenarbeit mit den Bewohnern. Der Weiße ist in diesen Ländern nicht mehr ohne weiteres der Herr und der Farbige der Diener.“  

Hochinteressant sind die von Kießling mit großer Detailfreude zusammengetragenen Informationen über die Arbeits- und Modernisierungswut, die der 1917 von den Kölnern zum jüngsten Oberbürgermeister (OB) in Preußen gewählte Konrad Adenauer an den Tag legte: Neuerrichtung der Universität, neuer Rheinhafen mit einem Industriegebiet, dessen Fläche größer war als die gesamte Altstadt, ein riesiges Messegelände mit internationalen Ausstellungen und ein gewaltiger Grüngürtel um die Stadt und hinein „bis in den Kern des zukünftigen Groß-Köln“ (Adenauer). Man dürfe nie aufhören zu handeln, verkündete der Tausendsassa im Rathaus bei jeder Gelegenheit. „Tätigkeit ist alles, das Übrige findet sich schon.“ 

Deutschlands erste Autobahn 

Immer noch wird behauptet, Adolf Hitler habe die Autobahn erfunden, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Falsch. Es war OB Adenauer, der am 6. August 1932 die erste deutsche Autobahn eröffnete, zweispurig und kreuzungsfrei, zwischen Köln und Bonn. „So werden die Straßen der Zukunft aussehen“, prophezeite der in Frack und Zylinder bisweilen wie ein Fossil aus dem Kaiserreich anmutende und in Wirklichkeit höchst modern denkende Großstadtplaner. Mehr als 5.000 Arbeitslose fanden hier Beschäftigung – mit der Auflage, keine Maschinen einzusetzen. Wo es irgend möglich war, erledigte man alles mit Handarbeit, um maximal viele Menschen in Lohn und Brot zu bringen.  

Waren es nur die Nazis, die Adenauers atemberaubende Erfolgskarriere stoppten? Kießlings Antwort ist zunächst desillusionierend: Der Kölner OB hatte mit seinen Projekten nicht immer Glück, vieles scheiterte an fehlenden Finanzen, die Realität entsprach nicht immer den begeisterten Anfängen. Vor allem aber verspekulierte Adenauer sich privat an der Börse – wie viele andere in der internationalen Wirtschaftskrise. Gestützt auf vertrauliche Mitteilungen von Industriemanagern und Bankdirektoren, steckte er immens viel Geld in den zunächst boomenden Aktienmarkt, konkret in amerikanische Tochterunternehmen deutscher Chemiefirmen. 1939, als der Kurswert dramatisch fiel, hatte Adenauer plötzlich fast 800.000 Reichsmark Schulden bei der Deutschen Bank, und von seinem Vermögen war nicht mehr viel übrig. 

Weigerung, Hitler zu treffen 

Was seine treuen Wähler und langjährigen Angestellten zum Glück nicht so genau mitbekamen, weil die Hakenkreuzler den widerborstigen, staatstreuen und erzkatholischen Zentrumspolitiker längst aus dem Verkehr gezogen hatten. Im Kölner Stadtrat hatte er sich gegen antisemitische Hetze gewandt; als Präsident des Preußischen Staatsrats protestierte er noch kurz nach der braunen Machtübernahme bei Göring persönlich gegen die Auflösung der Kommunalparlamente und Polizeierlasse, die dem Terror Tür und Tor öffneten. Als der frisch ernannte Reichskanzler Hitler Köln besuchte, weigerte sich Adenauer, ihn zu treffen. 

Am 13. März 1933 setzten ihn die Nazis als Oberbürgermeister ab. Adenauer zog sich aus der Politik zurück, wurde aber im folgenden Jahr im Rahmen der Mordaktionen gegen Röhms SA und zahlreiche bürgerliche und linke Regimegegner kurzfristig inhaftiert. Auch Schweigen konnte damals lebensgefährlich sein. Jedenfalls begann damals jenes „halbe Leben“, von dem im Buchtitel so kryptisch die Rede ist. Zur Untätigkeit verdammt, vergeblich auf eine Anstellung in der Wirtschaft hoffend, wechselte Adenauer immer wieder den Wohnort. Er wusste um die heimliche Tätigkeit bürgerlicher und militärischer Widerstandskreise, vermied aber jeden Kontakt. Und wurde nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 trotzdem monatelang im Gestapo-Gefängnis Brauweiler bei Köln inhaftiert, gemeinsam mit seiner Frau, die in ihrer Zelle versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Konrad Adenauer (rechts) zu Besuch im Oval Office im Weißen Haus bei US-Präsident John F. Kennedy 1961. Konrad Adenauer (rechts) zu Besuch im Oval Office im Weißen Haus bei US-Präsident John F. Kennedy 1961. Foto: © imago/glasshouseimages

Charme und Tricks 

Solche traumatischen Erlebnisse, die Erleichterung, davongekommen zu sein, Trotz, vielleicht auch Enttäuschung und Entsetzen über die vielen, vielen Mitbürger, die sich Hitler an den Hals geworfen und die Zerschlagung der Demokratie im Land nicht verhindert hatten, all das brach sich nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in einem Ausbruch unbändiger Energie Bahn. Mit zäher Hartnäckigkeit, bestrickendem Charme, strategischem Geschick, aber auch skrupellosen Tricks baute der alte Herr – bei Kriegsende war er 69 – ein Netzwerk von Fans, Vertrauten, Abhängigen und Komplizen auf, setzte sich an die Spitze der vielerorts gegründeten überkonfessionellen Nachfolge-Organisationen der konservativ-katholischen Zentrumspartei, drängte Weggefährten an den Rand, wenn sie zu Rivalen wurden.  

Bald war er der führende Politiker der CDU in der britischen Besatzungszone – obwohl seine außenpolitischen Vorlieben den Franzosen und Amerikanern galten. 1948 wurde er – ganz unspektakulär per Akklamation – zum Präsidenten des Parlamentarischen Rats gewählt, der das Grundgesetz für die (noch zu gründende) Bundesrepublik Deutschland vorbereitete. Am 15. September 1949 wurde er mit der knappsten denkbaren Mehrheit – 202 von 402 Stimmen – vom Bundestag zum Kanzler gewählt, er war 73 Jahre alt. 1951 übernahm er so nebenbei für vier Jahre auch das Amt des Außenministers. 

Neuanfang der Demokratie 

Auch bei der Dokumentation dieses „dritten Lebens“ räumt Friedrich Kießling mit verbreiteten Klischees auf. Viele sehen in der „Adenauer-Ära“, die erst mit seinem Rücktritt als Kanzler 1963 endete, lediglich eine von überlebten Werten und Gesellschaftsbildern und der fehlenden Auseinandersetzung mit der NS-Zeit geprägte Vorstufe der eigentlichen, stabilen demokratischen Republik. Und übersehen laut Kießling, dass zum Werden der Bundesrepublik verschiedene Zeitschichten, komplexe Traditionsstränge und unterschiedliche Neuansätze gehörten. Und dass auch Adenauer nach 1945 nicht einfach seine Rezepte aus der Weimarer Zeit oder gar aus dem späten Kaiserreich wiederverwendete, sondern sich selbst, seine Einschätzungen und Zukunftsvisionen wandelte – sogar mehrfach. 

Die Schattenseiten dieser Kanzlerschaft spart Kießling keineswegs aus: Adenauers sehr autoritären Führungsstil („Ich bin diktatorisch, nur mit starkem demokratischen Einschlag“, witzelte er vor seiner Bundestagsfraktion), seine Personalpolitik ohne viel Rücksicht auf NS-Belastungen, seine Verharmlosung rechtsradikaler Umtriebe (Adenauer: da werde doch „weit übertrieben“), seine Eingriffe in die Arbeit der Bundesanwaltschaft, schließlich sein perfektes System, den politischen Gegner auszuspionieren: Der eigentlich für außen- und sicherheitspolitische Informationen zuständige Bundesnachrichtendienst bekam den streng geheimen Auftrag einer lückenlosen Überwachung der SPD. Adenauer wusste zu jedem Zeitpunkt, was dort auf den Führungsebenen und in den einzelnen Parteiorganisationen vorbereitet und entschieden wurde. 

Unerhörte Praktiken 

Über solche unerhörten Praktiken eines Kanzlers, der sich als eiserner Demokrat und glaubensstarker Katholik – freilich als wenig demütig gegenüber deutschen und römischen Kirchenfürsten – gerierte, war in letzter Zeit schon viel zu erfahren und zu lesen. Überraschend und zum Nachdenken anregend werden viele Leser von Kießlings Biografie Hinweise auf Neuigkeiten in der zeitgeschichtlichen Forschung finden, die eher am Rande mit Adenauer zu tun haben: etwa den Trend, die Weimarer Republik nicht immer von ihrem Scheitern her zu betrachten, sondern als durchaus chancenreichen Neuanfang. Oder das neu erwachte Interesse an liberalen Verhaltensmustern und kulturell-gesellschaftlich „modernen“ Möglichkeiten im späten Kaiserreich. 

Christian Feldmann

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Kießling, Friedrich Adenauer
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