25. Jahrestag
Wie in einem Science-Fiction-Film
Vor 25 Jahren, am 11. September 2001, starben beim Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center 2753 Menschen. Der dortige Pfarrer Donald Baker erzählt, wie er den Tag erlebt hat und welche Folgen er für die USA hatte.
Zwei Frauen verfolgen schockiert die Ereignisse am Vormittag des 11. September 2001 in New York mit. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive
Father Donald, wo und wie haben Sie von dem Anschlag erfahren?
Es war ein Dienstagmorgen. Am Ende der Werktagsmesse kam eine Frau in die Kirche gestürzt und rief, ein Hubschrauber sei ins Empire State Building geflogen. Ein Unfall, dachte ich. Doch als ich ins Pfarrhaus kam, sagte die Sekretärin mir, ich müsse den Fernseher einschalten. Und dann war klar, dass ein schrecklicher Terroranschlag geschehen ist.
Was haben Sie dann getan?
Wir mussten uns zuerst um die Kinder kümmern – wir haben eine Schule bei der Kirche. Viele Eltern kamen, um sie abzuholen. Aber es gab um die 20 Kinder, deren Eltern im World Trade Center arbeiteten. Wir mussten sie beschäftigen, bis wir wussten, was mit ihnen ist. Zum Glück haben alle überlebt.
Woran erinnern Sie sich noch?
Nach ein paar Stunden bin ich nach draußen gegangen. Mir kamen viele Menschen entgegen, komplett grau, eingehüllt in Asche und Staub. Kampfjets kreisten über der Stadt, in den Läden waren die Regale leer wegen der Panikeinkäufe. Es war wie in einem Science-Fiction-Film. Es war furchtbar.
Um 8.46 Uhr und 9.03 Uhr Ortszeit steuerten Terroristen zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers. Foto: © imago/Zuma Press Wire
Aus meiner früheren Gemeinde sind zwei Feuerwehrleute gestorben. Den einen kannte ich gut, er kam mit seiner Familie jeden Sonntag zur Messe. Und dann war da noch der Mann, der im Fitnessstudio seinen Schrank neben meinem hatte, ich kenne nicht mal seinen Namen. Es war eine seltsame Geschichte.
Erzählen Sie!
Es geschah etwa einen Monat später. Ich war im Fitnessstudio, als ein Mitarbeiter in die Umkleide kam. Er hatte eine große Karre dabei, öffnete eine Reihe Schränke, auch den neben meinem, und holte die Sachen raus. Ich sagte: „O, haben die alle vergessen, ihre Gebühren zu bezahlen?“ Er antwortete: „Nein, das sind alles Opfer von 9/11.“
Um 9.59 Uhr und 10.28 Uhr stürzten die Gebäude in sich zusammen. Foto: © imago/Zuma Press Wire
Ja. Der Anschlag war eine traumatische Erfahrung, und es gibt ein klares Davor und Danach.
Warum ist das so?
Er hat unsere ganze Nation infrage gestellt, unser Selbstbild. Niemand hat verstanden, warum sie uns das antun. Wir waren doch die Guten. Wir waren es, die Frieden und Gerechtigkeit in die Welt brachten – so glaubten wir. In den späten 90ern dachte man, dass alles besser und besser wird. Mehr Friede – mit Osteuropa und zwischen Israel und Palästina. Die Wirtschaft boomte, die Gesellschaft war multikulturell und tolerant. Ein goldenes Zeitalter! Mit diesem Tag war es zu Ende.
Welche Folgen hatte das?
Bis dahin war unser Selbstbild: Amerika ist großartig, das großartigste Land der Welt. Und jetzt war es das nicht mehr. Feinde griffen uns an, mit der Wirtschaft ging es bergab. Der Tag hat alles verändert. Und das wird politisch bis heute ausgenutzt.
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Zum Beispiel nutzt es die Make-America-Great-Again-Bewegung aus. Ihre Lesart ist, dass wir sabotiert werden: von den Linken, den Liberalen, den Immigranten. Sie seien ein Messer im Rücken Amerikas, das alles zerstört – unsere Sicherheit, unseren Wohlstand, unsere Größe. Das Vorgehen ist politisch nicht neu: Sorge dafür, dass Leute Angst haben, und sag ihnen, dass du sie beschützt, dann folgen sie dir überallhin.
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Sie sehen gesellschaftliche Veränderungen. Gibt es auch welche in der religiösen Welt?
Nach 9/11 waren unsere Kirchen wochen- und monatelang voll, übervoll, auch werktags. Das war wirklich auffällig. Aber sonst? Nein, eher nicht.
Und das Verhältnis zu den Muslimen?
Schon vor 9/11 gab es kaum interreligiösen Dialog. Auch, weil der Islam in Amerika relativ neu ist. Die meisten Muslime sind in der ersten oder zweiten Generation hier; sie bringen ihre Traditionen und ihre Kultur mit und bleiben unter sich. So jemand wie unser neuer Bürgermeister Zohran Mamdani, ein Muslim aus einer pakistanischen Familie, aber in New York geboren und aufgewachsen und vertraut mit unserer Kultur – das ist bislang selten. Ein Miteinander der Kulturen, das entwickelt sich gerade erst.
Entwickelt es sich gut?
Nach 9/11 haben tatsächlich viele versucht zu verstehen, wer die Muslime sind und was sie glauben. Aber dann begann der Krieg gegen Osama Bin Laden und der Krieg gegen den Irak, und danach wollte niemand mehr verstehen. Muslime wurden mehr und mehr zu Leuten, die man hasst, die man fürchtet. Das ist wirklich traurig. Und seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem nachfolgenden brutalen Gaza-Krieg ist alles noch schwieriger geworden. Der interreligiöse Dialog ist weitgehend zusammengebrochen.
Wie begehen Sie den Jahrestag von 9/11, auch in Ihrer Pfarrei?
Es gibt natürlich die offizielle Feier auf dem Ground Zero, die auch im Fernsehen und im Internet übertragen wird. Aber die Zeit ist weitergegangen, New York hat sich seitdem sehr verändert, auch baulich durch den Ground Zero. Ich erinnere in den Messen rund um den 11. September immer an das Geschehen, bete für die Opfer und die Helfer. Aber wenn ich in die Gemeinde schaue, sind da 30 Prozent der Leute unter 30. Mir bricht es das Herz, wenn ich an den Tag zurückdenke, aber für sie ist das keine Erinnerung. Für sie ist das Geschichte.
Donald Baker ist katholischer Pfarrer in New York und Kolumnist unseres Magazins [inne]halten. Foto: © privat



