Kultur und Wissen
19.08.2026



Zum 450. Todestag von Tizian

Ein Bild von einem prachtvollen Palast in Sepia, dann ein funktionaler grauer Bau: Die Welt verliere ihre Schönheit, beklagt ein Trend auf Social Media. Wer es ähnlich erlebt, könnte bei Tizian einen Gegenentwurf finden. Am 27. August 1576 starb der Meister der Malerei.
    

Zu Tizians Meisterwerken zählt auch diese Darstellung der Venus von Urbino. Zu Tizians Meisterwerken zählt auch diese Darstellung der Venus von Urbino. Foto: © imago/World History Archive

In Venedig ist es ja so: Man biegt ohne rechten Plan ab, eine scheinbar unauffällige Ecke – und steht plötzlich auf einem zauberhaften Platz, vor einer Kirche, umgeben von Kunst. Dazu trägt Tizian auch 450 Jahre nach seinem Tod einiges bei: In der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari zum Beispiel, nicht einmal die prächtigste Kirche der Lagunenstadt, hängt sein vielleicht bedeutendstes Bild, die „Himmelfahrt der Jungfrau“ (1516–1518). Sein Grabmal befindet sich ebenfalls dort. 

Die „Assunta“ wurde damals als Sensation des jungen Künstlers gefeiert. Knapp sieben Meter hoch, ist sie typisch für sein Frühwerk: leuchtende Farben, klare Pinselstriche, ein Moment, der lebendig scheint. Später wurde sein Malstil immer freier – zu sehen beispielsweise bei einem Bild, das einen uralten Mythos aufgreift: „Die Vergewaltigung der Europa“ (1560–1562). Geboren vermutlich um 1490 in Pieve di Cadore, wo es heute ausgeprägten Tourismus auf seinen Spuren gibt, gilt Tizian als erfolgreichster Künstler der venezianischen Malerei. 

Das Tizian-Jahr läuft in Italien bereits

Schon seit Jahresbeginn zeigt das Dolomiten-Städtchen besondere Ausstellungen; bislang unbekannte Werke wurden veröffentlicht und das mutmaßliche Geburtshaus restauriert. Auch das Altarbild „Pala Gozzi“ (1520), gemalt für die Franziskanerkirche im weiter südlich gelegenen Ancona, ist erstmals im Geburtsort des Meisters zu sehen. 

Anfang 2027 soll es zudem eine internationale Tizian-Konferenz geben. In Venedig zeigt die Gallerie dell’Accademia ein Projekt mit Performance-Künstlerin Marina Abramovic; bei der Biennale schlägt der Ghanaer Amoako Boafo eine Brücke zur Porträtkunst Tizians. Diese hatte zu Beginn seiner Karriere das Auskommen des Malers gesichert – mit der Verpflichtung, zu Lebzeiten alle Dogen, die venezianischen Machthaber, zu einem Festpreis zu porträtieren.
    

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Sechs Jahrzehnte lang Hauptmeister

Schon früh, im Alter zwischen neun und zwölf Jahren, kam Tizian nach Venedig; er galt als sehr talentiert und lernte bei Künstlern wie Bellini. Gemeinsam mit Giorgione führte er zunächst Restaurierungsarbeiten an Fresken durch, die für beide zum Erfolg wurden. Eine Rivalität entwickelte sich zwischen beiden Künstlern erst später. Giorgione starb 1510, Bellini 1516 – sodass Tizian für ganze sechs Jahrzehnte zum venezianischen Hauptmeister wurde. 

Damals zählte die Lagunenstadt zu den zehn größten Metropolen der Welt – mit großer Bedeutung auch für den Handel. Der Name „La Serenissima“, die Glänzende, hält sich bis heute. Hier entstand auch der Beruf des Farbenhändlers: Alvise dalla Scala belieferte neben Tizian den Habsburger Hof und den Vatikan. Um 1561 stellte der Maler ihn in einem eigenen Porträt dar, das auch durch den Hintergrund besticht – einen Abendhimmel, buchstäblich wie gemalt.

Erotisch aufgeladen

Eines seiner bekanntesten Gemälde hängt indes in jener Stadt, in der sich damals ein Kultur-Wettstreit abspielte: Die „Venus von Urbino“ aus den 1530er Jahren, durchaus erotisch aufgeladen, ist heute in den Uffizien in Florenz zu bewundern. Während die venezianischen Maler mit ausdrucksstarker Farbmalerei experimentierten, standen beim florentinischen Ideal die Zeichnung, Perspektive und Präzision im Mittelpunkt – wobei Tizian später, 1566, in die florentinische Akademie aufgenommen wurde. Er selbst sprach von seinen Bildern als „poesie“, also Gedichten. 

Schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit, verlor Tizian früh seine Ehefrau und zog die drei Kinder gemeinsam mit seiner Schwester groß. 1546 folgte er dem päpstlichen Ruf nach Rom, zwei Jahre später dem Karls V. nach Augsburg, um den Kaiser zu porträtieren. 1555 war er beim Konzil von Trient, das in Reaktion auf die Reformation stattfand.

Schöne Wahrheit

Eines seiner letzten Werke ist eine Pietà, auf der sich der Künstler selbst verewigt hat. Er starb am 27. August 1576 mit vermutlich 86 Jahren, ein für seine Zeit hohes Alter, und wurde als einziges Opfer der Pest-Epidemie kirchlich beigesetzt. Maler von Peter Paul Rubens über Eugène Delacroix bis Gerhard Richter beriefen sich auf ihn: Letzterer schätzte an Tizians Werk, wie er sagte, seine „schöne Wahrheit“. 

Paula Konersmann

KNA
Artikel von KNA
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