Rituale
21.12.2025


Gedanken eines Weihnachtsbaums 

Weihnachten allein zu Hause – der innere Monolog eines Christbaums 

Immer mehr Menschen stellen schon im frühen Advent einen Christbaum auf – auch, obwohl sie über die Feiertage wegfahren. Was würde ein Christbaum denken, der über Weihnachten allein ist?
    

Wer über Weihnachten wegfährt, lässt oft einen Christbaum zurück. Wer über Weihnachten wegfährt, lässt oft einen Christbaum zurück. Foto: © AdobeStock/Gajus

Ich sehe weit und breit nichts außer Tannenzweigen – kein gutes Zeichen. Dass ich nicht der Größte bin, wusste ich ja. Aber ich hatte wenigstens auf einen guten Platz gehofft. Irgendwo mittendrin ist kein guter Platz; nein, eigentlich ist es der schlechteste. Wie soll mich denn so jemand finden und mitnehmen? Endlich Weihnachten feiern – davon träumen hier wohl alle. Das ist unsere Bestimmung als Nordmanntanne, dazu werden wir aufgezogen. Am Ende schaffen es trotzdem nicht alle. Und meine Chancen schwinden immer weiter. Die kleine kahle Stelle? Kann man mit einer großen Kugel kaschieren. Meine Größe? Praktisch für Menschen mit kleinem Wohnzimmer. Aber ich muss erst einmal gesehen werden, und dafür müsste ich am Rand oder in der Nähe des Weges stehen. Ändern kann ich es nicht; jetzt heißt es: abwarten.

Vorfreude auf Heiligabend: 
ein Christbaum zieht ein

Ich habe es geschafft, tatsächlich! Die Netzfolie ist genauso eng und unbequem, wie sie aussieht, und in das Auto passe ich nur ganz knapp. Aber ich werde endlich meine Bestimmung erfüllen. Ich sehe mich geschmückt mit kleinen Lichtern und bunten Kugeln, im warmen Wohnzimmer, und dann, an Heiligabend, läutet die Oma mit der kleinen Glocke, und die Kinder stürmen mit leuchtenden Augen auf mich zu… Ich kann es kaum erwarten.

Es ist der 23. Dezember, morgen ist Weihnachten. Ich bin heute mit so einer Vorfreude aufgewacht, ich hätte durchs Zimmer hüpfen können. Lange hat das Gefühl aber nicht gewährt: Seit gestern Abend steht er im Flur, ein großer schwarzer Koffer. Es hätte mir direkt komisch vorkommen sollen, wie früh meine Besitzer heute wach waren. Mit verschlafenen Augen, aber einer ziemlich hektischen Art, haben sich die beiden heute Morgen durch die Wohnung bewegt: schnell den Pullover über den Kopf gezogen, auf dem Sofa Kaffee getrunken, mit der Zahnbürste geistesabwesend durch das Wohnzimmer geschlichen. Ich habe noch gedöst, und dann ging es ganz schnell. Ich hörte leises Murmeln aus dem Flur, das „Zip“ von Reißverschlüssen, und dann fiel die Tür ins Schloss. Da war ich aber ganz schnell wach.  
     

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An Heiligabend allein?

Wie kann das sein? Morgen ist doch Heiligabend? Und ich bin … allein? Es gibt noch Hoffnung – sie könnten ja wiederkommen. Aber so groß wie der Koffer war, glaube ich das nicht. So hatte ich mir das wirklich nicht vorgestellt, nicht in meinen schlimmsten Albträumen – und niemand hat mich davor gewarnt. Der Adventskranz auf dem kleinen Esstisch in der Ecke sieht auch schockiert aus. Aber der hat seine Bestimmung schon erfüllt, alle vier Kerzen zumindest ein wenig heruntergebrannt. Ich bin wie in Trance. Ich kann mich gar nicht ansehen. Ich war doch so glücklich und jetzt fühle ich mich einfach trostlos. Es wird dunkel draußen, und hier ist niemand, um das Licht einzuschalten. Nicht meines, nicht das der Bogenlampe über dem Sofa, nicht einmal die kleine Lampe auf der Kommode. Jetzt ist klar: Es wird morgen niemand kommen. Aber ich habe nur dieses eine Weihnachten – es gibt keine zweite Chance. Ich muss es retten; ich muss etwas daraus machen.

Selbstbestimmt feiern: mein eigenes Weihnachten

Ich traue mich nicht, meine Augen zu öffnen. Vielleicht sind sie ja doch wieder da, pünktlich zu Heiligabend? Ich horche, aber ich höre nur das leise Prasseln von Regentropfen auf die Fensterscheibe; an meinen Zweigen spüre ich die leichte Vibration im Glas. Sonst? Nichts. Sonst rieche, höre und fühle ich gar nichts. Sie sind nicht da, ich bin immer noch allein. Ich brauche einen Plan: was will ich denn eigentlich? Die lautstarke Ungeduld und Freude der Kinder, das Reißen von Geschenkpapier, Trubel, der Duft von Gans oder Ente, die Gespräche der Erwachsenen, die Zunge gelöst vom Alkohol. Das ist es, was uns von klein auf erzählt wurde. Das haben wir zu wollen – schließlich ist es unsere Bestimmung. 

Vielleicht muss ich noch einmal von vorne anfangen: Was will ich? Licht in jedem Fall – die Wärme und die Hoffnung, die es bringt. Und Ruhe. So traurig ich gestern auch war, die Stille hat es mir endlich erlaubt, so richtig nachzudenken. Vielleicht reicht es mir auch, schön auszusehen, ohne dass es jemand anderes sieht. Ich sehe mich. Wenn ich nur mein Licht anmachen könnte. Das ist es, was ich brauche – und vielleicht das Einzige.

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Leuchten – für sich selbst

Es ist schon dämmrig, als ich das schwache blaue Leuchten wahrnehme. Ist das nicht das Ding, mit dem die beiden immer sprechen? Sie haben immer gesagt: „Alina, spiel ‚Last Christmas‘“ oder so. Und hat die Besitzerin nicht auch mal damit das Licht angemacht? Muss ich nur sagen: „Alina, mach das Licht an“? Okay, das schaffe ich. Eigentlich ist es uns strengstens verboten zu sprechen, aber es ist ja niemand hier. „Alina, mach das Licht vom Weihnachtsbaum an“, sage ich vorsichtig – nichts. Noch einmal, lauter – immer noch nicht. Was mache ich falsch? War es nicht Alina? Nein, es war etwas Härteres. Alix – Alex – Alexa? Ja! Damit muss ich es noch einmal versuchen. „Alexa, mach das Licht vom Weihnachtsbaum an.“ Ein kurzer Moment lang nichts, dann wird das blaue Leuchten stärker, und eine weibliche Stimme tönt durch das Zimmer: „Alles klar, ich mache das Licht vom Weihnachtsbaum an.“ Dann wird es hell um mich herum – ich werde hell. Im Spiegel sehe ich mich: strahlend, noch schöner als in den letzten Tagen. Das ist es, worauf ich mich jetzt konzentrieren muss – das Licht, die Stille und mich.

Weihnachten neu gedacht: wenn Stille genug ist 

Die ganze Nacht schaue ich mich so an. In den nächsten Tagen kann ich meine Augen kaum von mir lassen. Ich versuche einfach, trotz meiner Trauer die Zuversicht nicht zu verlieren. Wie schön war die Adventszeit? Das Schmücken meiner Zweige, der Duft in der Wohnung, die Freunde meiner Besitzer, die mich mit Bewunderung angeschaut haben. Und jetzt die Stille und mein Leuchten in der Dunkelheit. Kein Trubel oder Lärm, der von meinem Strahlen ablenkt. Auch wenn ich meine Augen schließe, spüre ich das Licht zwischen meinen Zweigen. Ein paar Tage später bemerke ich, wie immer mehr meiner Nadeln auf den Boden fallen. Davon wurde uns auch erzählt. Es ist ein Zeichen, dass wir hier bald fertig sind und uns auf eine neue Reise machen. Ich schließe die Augen und atme einmal tief durch. Es ist okay – ich habe meine Bestimmung allein erfüllt. Ich habe geleuchtet und das reicht, auch ohne Publikum.

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Lilly Krka
Artikel von Lilly Krka
Volontärin