Die Heilige Schrift
Frank Berzbach zelebriert jeden Morgen seine private Bibelstunde. Der Weg zurück zu den Quellen ist für ihn auch ein gesellschaftskritisches Abenteuer.
Eigentlich ist der jüdische Maler Marc Chagall schuld. Seine Bilder, auch seine Kirchenfenster berühren mich tief. Seit langem steht die von ihm illustrierte alte Bibel in meinem Regal. Auf meinem kleinen Hausaltar liegt eine von Eva Jung gestaltete Basis-Bibel, ebenfalls eine wunderschöne Ausgabe. Ein Jesuitenpater schenkte mir die aktuelle Einheitsübersetzung, und in Hamburg in einem christlichen Buchladen habe ich mir eine Luther-Bibel gekauft. Die Heilige Schrift ist das Grundbuch der Religion, der ich angehöre, aber auch literarisch gehört sie zum Weltkulturerbe. Mein Doktorvater sagte: Ohne Kenntnis der antiken Traditionen von Griechenland und Rom und ohne die der jüdisch-christlichen Geschichte lässt sich unsere gegenwärtige Kultur nicht verstehen.
Sammeln statt lesen
Meine Vorliebe für die Bibel hat zu Käufen geführt, aber seltener dazu, dass ich sie auch tatsächlich lese. Ich schlage nach, was mir begegnet – im Gottesdienst oder in Romanen, in Filmen oder durch Hinweise. Aber so richtig lesen, chronologisch und etwas kontinuierlicher, dazu brachte mich erst mein Lieblingsautor Julien Green. Sein umfassendes Tagebuch dokumentiert auch seine permanente Bibellektüre. Er äußert sich eher mitleidig, wenn Kollegen den Wert des Buches unterschätzen. Dann war der Tag da, eher zufällig: Ich begann mit etwas, was mich nun jeden Morgen begleitet.
Meine persönliche Bibelstunde
Beinah täglich von 7 bis 8 Uhr am Morgen, meine Frau schläft noch und unsere Katzen freuen sich über ihr Frühstück, sitze ich mit einer Bibel, Kaffee, Kladde und Bleistift im Lesesessel an der Heizung, eingewickelt in eine Decke – und lese nun das Neue Testament. Man kann manche Bücher nur lesen, wenn man dranbleibt. Erst dann werden sie spannend, und nur so lassen sie sich bewältigen. Zurzeit begegne ich Paulus, der allerdings noch Saulus heißt und die frühen Christen verfolgt. Der Mensch ist wandlungsfähig.
Ich habe die Evangelien gelesen, also vier Mal die gleiche Geschichte, von vier verschiedenen Autoren auf ungleiche Weise erzählt. Mir geht plötzlich auf, dass der amerikanische Autor Paul Auster, der in seinem großen Roman „4 3 2 1“ auch vier Mal die Geschichte seines Protagonisten erzählt – jeweils anders und doch ähnlich. Seit ich in der Heiligen Schrift lese, entdecke ich täglich, dass seit Jahrhunderten andere sich hier bedienen, klauen, sich inspirieren lassen, sich darauf beziehen und aus diesem Buch heraus zu dem kommen, was sie tun. Manchmal sogar, obwohl sie es selbst kaum wissen – weil die kulturelle Prägung der langen Tradition durch unsere Kultur einfach hindurch strahlt. Viele moderne Geschichten sind getarnte Passionen.
Ein Buch öffnet die Augen
Erwartet hatte ich von der Bibel-Lektüre nichts Bestimmtes. Einen Klassiker, zudem einen heiligen, geht man einfach an. So viel wurde darüber gesagt und geschrieben, aber ohne die eigene Ansicht fehlt etwas. Ich will nun endlich selbst lesen. Bei Heinrich Böll fand ich den Hinweis, dass die Bibel immer ein gefährliches Buch bleibe. Und dieser gesellschaftskritischen „Gefahr“, aber auch der spirituellen Tiefe begegne ich nun jeden Morgen im Originalton.
Die Heilige Schrift ist bis heute eine starke Aufforderung, Zumutung und auch Überforderung. Und sie lässt überhaupt keinen Zweifel darüber, was man lieber vermeiden sollte – ungerechten Reichtum zum Beispiel oder auch Hartherzigkeit, Schuldzuweisung oder Besitzgier, Nationalismus oder Hass ... Hier lese ich schwarz auf weiß, was zu tun ist: Armen helfen, Kranke besuchen, zu den Außenseitern gehen, Unwissende lehren, sich um die ganz unten kümmern. Flüchtende aufnehmen, Gefangene besuchen. Seine Nächsten lieben, auf der Seite der Schwachen sein.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
Suche nach Einheit
Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Mein täglicher Lektüreeindruck ist: All das lässt sich aus christlicher Sicht weder relativieren noch ins Gegenteil umdeuten. Man kann an Gott glauben oder an den Mammon. Dort steht nicht: Glaube an deinen Profit, behalte alles für dich, deportiere die Schwachen. In vielen Gleichnissen wird die bedingungslose Liebe immer wieder neu erzählt – mich wundert, was manche daraus machen; mich wundert, wie das vielen völlig gleichgültig werden konnte. Ich habe dafür nur eine Erklärung: Sie schauen nicht selbst in die Bibel! Wenn Börsenkurse und Bitcoins an deren Stelle treten, dann mag das so sein, aber christlich ist das in keiner Weise. Wer Ohren hat, der höre – und wer Augen hat, die lese die Heilige Schrift.
Es ist ein tatsächlich aufklärerischer Akt, selbst hinzuschauen und selbst zu denken, auch in Glaubensfragen. Jeden Morgen öffnen mir diese Geschichten die Augen mit der Kraft des Originaltons.



