Rituale
23.05.2025

Erl 2025: Die Passion lebt neu auf

Alle sechs Jahre schauen Südbayern und Tirol nach Erl an der deutsch-österreichischen Grenze. Hier bringen die Einwohner das Spiel vom Leben und Tod Jesu auf die Bühne. Mit über 400 Jahren ist die Passion in Erl die älteste im deutschsprachigen Raum.
    

Stefan Pfisterer als Jesus (vorne links) in der Generalprobe für die Erler Passion 2025. Stefan Pfisterer als Jesus (vorne links) in der Generalprobe für die Erler Passion 2025. Foto: © SMB/Witte


Mit bis zu 500 Laien-Darstellern gleichzeitig auf der Bühne ist die Erler Passion für den Zuschauer ein Fest für die Augen, voll prallem Leben. Jesus zieht in Jerusalem ein, die Menge feiert den Messias. Kaum zu glauben, dass er ein paar Tage später am Kreuz sterben wird.

Erler Passionsspiele 2025: Neue Inszenierung mit moderner Musik, Technik und tiefem Glauben

Komponist und musikalischer Leiter Christian Kolonovits hat für die Einzugsszene jüdisch-hebräische Musikelemente verwendet. Ein Detail, das für Spielleiter Peter Esterl unter anderem das Besondere an der Erler Passion ausmacht: „Was uns auszeichnet in Erl, ist die stetige Weiterentwicklung“. Man habe immer den gleichen Rhythmus. 2013 sei eine neue Passion inszeniert worden, die man dann 2019 überarbeitet und nur einmal auf die Bühne gebracht habe. Und jetzt 2025 schaue man wieder, dass eine komplett neue Inszenierung auf die Bühne kommt. Das bedeute: neuer Regisseur, neuer Text, neue Kostüme, neue Musik und neues Bühnenbild, erklärt Esterl.

„Ich glaube, dass das Erl auszeichnet: sich immer wieder neu zu erfinden“.

Bei der Sprache kommt die Wandlungsfähigkeit besonders zum Ausdruck. Immer wieder wird der Text an Sprachgewohnheiten der Menschen angepasst. Das Publikum soll hören und verstehen, sagt Esterl.

„Wenn der Pilatus zum Beispiel davon spricht, seine Stadt ist beim Pessachfest voll mit Menschen, es riecht nach Kot und Pisse, dann ist das ein Wort, das vielleicht ein Zuschauer in einer Passion nicht erwarten würde“.

Aber jeder könne sich darunter etwas vorstellen, was Pilatus meint, wenn zum Pessachfest viele Pilger in Jerusalem sind.

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Stichwort neue Technik: Spielleiter Peter Esterl ist der Herr über bis zu 200 Leuchtmittel über der Bühne. Die Hauptdarsteller sind mit Headsets ausgestattet, um auch bei Hintergrundmusik gut hörbar zu sein. Und hinter halbdurchsichtigen Elementen am Bühnenhintergrund verbergen sich Chor und Orchester.

Tradition trifft Zeitgeist: Wie die Erler Passion 2025 biblische Geschichte neu erzählt

Auf der 400 Quadratmeter großen Bühne sind die Personengruppen durch ihre Kleidungsfarbe gut zu unterscheiden. Die Jünger etwa in weiß-beige, der Hohe Rat in kanariengelben Roben. Auch den Text hat Regisseur Martin Leutgeb neu verfasst. Natürlich hat er sich dabei an die Vorgaben der vier Evangelien gehalten, aber nicht nur. „Wir wollen mit dieser Passion auch Leute erreichen, die nicht katholisch-gläubig sind, wir wollen einen Zugang zu jedem Menschen finden. Es geht ja um Nächstenliebe. Egal ob man ein gläubiger Mensch ist oder nicht“. Natürlich sei die Bibel die Grundlage für das Passionsspiel, aber auch Situationen und Szenen, die so vorgekommen sein könnten, aber trotzdem einen christlichen Hintergrund haben. „Nur aus einem Bibeltext alone wird noch kein Theaterstück“, findet Leutgeb.

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Als Beispiel nennt er eine Szene mit den Jüngern, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, wenn der Chef nicht mehr da ist. Sie schlagen Judas zusammen. Und sie wollen fliehen, um sich zu verstecken. Johannes sei dabei der Einzige, der sagt: Wir wussten doch, was uns erwartet. Und sie sind nicht mehr da. Nur allzu menschlich sind die Jünger in dieser Situation, voller Angst und Zweifel.

Als verletzbare Menschen erscheinen auch die anderen Hauptdarsteller. Der hohe Rat in seiner Sorge, dass der Scharlatan Jesus die Leute verführt und an der Macht der hohen Priester kratzt. Pontius Pilatus, der einen Aufstand befürchtet. Und auch die verzweifelte Maria, die genau weiß, was kommen wird.

In der Rolle des Jesus wechseln sich Christoph Esterl und Stefan Pfisterer ab. Für beide ist es eine Ehre und Aufgabe, die ihr Leben stark beeinflusst. Stefan Pfisterer ist von der Jesus-Figur fasziniert:

„Unser Regisseur Martin Leutgeb hat das so inszeniert, dass Jesus einfach Mensch war. Und dass er auch selbst sich die Frage stellt: Bin ich der Messias? Das ist eine ganz zentrale Frage der Passion. Das macht Jesus einfach menschlich. Und das versuchen wir so gut wie möglich umzusetzen“.

Und so ist das Passionsspiel in Erl eine bunte, lautstarke Inszenierung. Sehr modern, aber trotzdem genährt von einem tiefen Glauben.

Spielzeit der Passion in Erl/Tirol
Bis Oktober führt das Ensemble samstags und sonntags jeweils um 13.30 Uhr das Spiel des Leidens und Sterbens Jesu Christi auf. Die letzte Aufführung ist am 04. Oktober zu sehen. Hier geht es zu den Online-Tickets.

Innehalten-Hörtipp
Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management