Religion und Gewalt
„Zerbrich ihnen die Zähne im Mund!“
Egal, ob im Judentum, im Christentum oder im Islam – produziert der Glaube an einen Gott den Terror oder bändigt er ihn? Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt in der Menschheitsgeschichte ist uralt.
Religiös-fanatische Selbstmordattentate sind keine Seltenheit, hier 2025 in Somalia – nur mehr die Schuhe der Opfer zeugen von der blutigen Gewalttat. Foto: © imago/Anadolu Agency
Es dürften wohl mehrere hundert Kriege sein, die derzeit auf der Erde geführt werden. Bei den grausamsten von ihnen spielt die Religion eine Rolle – oder das, was die Kriegstreiber und die Vordenker der Gewalt für Religion halten. Auch scheinbar aufgeklärte Nationen mit christlichem Background üben grauenhaften Terror aus, wie die Vorgänge in den Lagern Abu Ghraib und Guantanamo gezeigt haben. Religionskriege führen alle, sogar die scheinbar so friedliebenden Buddhisten: In Sri Lanka haben die buddhistischen Singhalesen die andersgläubige tamilische Minderheit massakriert. Buddhistische Extremisten greifen immer öfter religiöse Minderheiten an, Christen, Muslime, Hindus.
Religion ist nicht von sich aus gut
Warum ist gerade die Religion derart mit Gewalt verbunden? Die Religion, in der doch meist von einem guten Schöpfergott und der Veredelung der Menschen die Rede ist, von Liebe und Frieden? Warum lehnt der Koran religiösen Zwang ab und erlaubt gleichzeitig den Krieg gegen solche, die den Islam partout nicht annehmen wollen? Warum beschreibt die Bibel die Entstehung und Durchsetzung des Glaubens an den einen Gott in Bildern, die bisweilen an einen blutigen Thriller erinnern?
Natürlich ist Religion eine mehrschichtige Sache. Wie zärtliche Liebe in zerstörerische Eifersucht umschlagen kann und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in blinden Terrorismus, so kann auch der Glaube an Gott oder die Götter entarten. Der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger fragte 2004 in der Münchner Katholischen Akademie im Gespräch mit dem linksliberalen Philosophen Jürgen Habermas gnadenlos: „Wenn Terrorismus auch durch religiösen Fanatismus gespeist wird – und er wird es –, ist dann Religion eine heilende und rettende oder nicht eher eine archaische und gefährliche Macht, die falsche Universalismen aufbaut und dadurch zu Intoleranz und Terror verleitet? Muss da nicht Religion unter das Kuratel der Vernunft gestellt und sorgsam eingegrenzt werden?“
Die Skepsis des bald darauf zum Papst Gewählten galt allerdings nicht nur muslimischen Fanatikern vom Schlag eines Osama bin Laden. Auch der Glaube der Christen, warnte er an anderer Stelle, könne zum Aberglauben entarten und müsse immer wieder „von der Wahrheit her“ gereinigt werden. Ratzinger: „Religion birgt sozusagen die kostbare Perle der Wahrheit, aber sie versteckt sie auch immer wieder, und sie ist immer wieder in Gefahr, ihr eigenes Wesen zu verfehlen. Religion kann erkranken und kann zu einem zerstörerischen Phänomen werden.“
Religion kann Märtyrer und Mörder hervorbringen
Religion ist nicht von sich aus gut. Sie kann in den Himmel und in die Hölle führen, Menschen zur Liebe und zum Hass bringen, Märtyrer und Mörder aus ihnen machen. Die Front der Auseinandersetzung verläuft nicht zwischen den Religionen, wie es so gern heißt, etwa zwischen den friedlich-aufgeklärten Christen und den fanatisch-gewaltbereiten Muslimen, sondern zwischen den Fundamentalisten hier und dort.
Jede umfassende Weltanschauung erhebt Anspruch auf die Wahrheit, es kann gar nicht anders sein. Aber Wahrheitsanspruch und Toleranz schließen sich nicht aus. Es kommt darauf an, wie man mit der Wahrheit umgeht: Sieht man in ihr einen Besitz, den man mit der Waffe in der Hand verteidigen und den „Ungläubigen“ gewaltsam einbläuen soll? Oder betrachtet man die eigene Überzeugung als Geschenk, das man gern teilen möchte, für das man werben, das man aber niemandem aufzwingen darf, weil es freie Entscheidung voraussetzt?
Wie ist Gott wirklich?
In den Gottesbildern aller Religionen finden sich Gewaltanteile, und das hat vielfältige Gründe: Zum einen sehnt sich der Mensch nicht nur nach einem gütigen, verzeihenden, barmherzigen, sondern auch nach einem gerechten Gott, nach einer Instanz, die all die Ungerechtigkeiten und Gemeinheiten in der Welt sühnt, ausgleicht, ins Lot bringt. Elemente der Vergeltung, Bestrafung, Rache kommen ins Spiel.
Zum andern hat Religion seit Urzeiten auch eine verunsichernde, furchtbesetzte Seite. Ihre heiligen Schriften, Philosophen und Priester erzählen zwar von einem liebevollen Weltenschöpfer, der das Glück aller Lebewesen will – aber weil man ihn nur vom Hörensagen kennt, mischen sich in die Sehnsucht nach einer ewig tragenden Liebe auch Angst und Zweifel: Wie ist Gott wirklich? Wie wird das sein, wenn ich ihm nach dem Tod gegenüberstehe? Wer sich von Gott in die Verantwortung genommen weiß und immer wieder das eigene Versagen erlebt, kennt bei allem Vertrauen auf Gottes Güte auch die Angst vor dem Gericht.
Einst waren Gottesbilder aller
Religionen gewaltgeprägt
Und schließlich: Unsere Vorstellungen von Gott haben eine Jahrtausende alte Geschichte. In grauer Vorzeit waren die Gottesbilder aller Religionen von Gewalt, Furcht und Schrecken geprägt. Im Lauf der Jahrhunderte haben sie sich verändert, das religiöse Bewusstsein der Menschheit ist gereift, doch in den Abgründen der Seele sind die alten Bilder noch da.
Auch bei den Christen: Christliche Fanatiker meinen sich zu Recht auf die Bibel berufen zu können, denn sie ist prallvoll mit Gewaltgeschichten. Der Gott der Bibel kann ziemlich ungerecht und brutal sein, wenn es um die Interessen seiner Auserwählten geht. Ein Gott, der töten lässt und selbst tötet. Musste er wirklich jeden Erstgeborenen in Ägypten erschlagen, um die Kinder Israels aus der Knechtschaft zu befreien? Was haben die schrecklichen „Fluchpsalmen“ – „Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund!“ heißt es da, und über Babylon: „Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ – in der Bibel zu suchen?
Religiöser Reifungsprozess
Bibelwissenschaftler verweisen darauf, dass es in der Bibel eine Entwicklung gibt. Die Bibel bildet einen religiösen Reifungsprozess der Menschheit ab, der Jahrtausende gedauert hat und vermutlich noch längst nicht zu Ende ist. In den frühen Schichten der Bibel dominiert der „Raubtiergott“, wie ihn der Aachener Theologe Georg Baudler nennt, El-Schaddai, wie er auf Hebräisch heißt. Eine Schicksalsmacht, die brutal handelt und Furcht einflößt. Gewalt wird in dieser Epoche – in den Mythen des ganzen alten Orients ist das so – noch nicht ethisch-moralisch gedeutet, sondern als Ausdruck heldenhafter Stärke; das Schicksal der Opfer wird dabei verdrängt.
Doch im Lauf der Entwicklung bildet sich ein Bewusstsein, dass Gewalt Sünde ist. Schritt für Schritt verliert die archaische göttliche Macht ihr gewalttätiges Antlitz. Die berühmte Regel „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ markiert einen wichtigen Schritt auf diesem Weg: statt blindwütiger Rache maßvolle Sühne, die auf den angerichteten Schaden begrenzt bleibt.
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Jesus verkündet einen Gott, der
keine Feinde kennt
Mehr und mehr wird der Mensch fähig, mit dieser Gottesmacht in ein Gespräch zu treten – bis am Ende Jesus von Nazaret einen Gott verkündet, der ganz Güte ist, ganz verzeihende Liebe, und keine Feinde kennt. Nicht mehr der Verbündete einer Gruppe, sondern der Vater aller Menschen, die deshalb wie Geschwister miteinander umgehen sollen. Dieses zähe Ringen des biblischen Menschen um einen befreienden Gott spiegelt sich in dessen neuen Namen: Jahwe und schließlich Abba, „lieber Vater“.
Ansätze zur Gewaltbegrenzung gibt es schon in den frühen Geschichten: Als Kain Abel erschlägt, ist das Paradies endgültig verloren. Gott verflucht den Mörder, schützt ihn aber mit dem so genannten Kainsmal vor Blutrache. Der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt soll gar nicht erst in Gang kommen.
Alternative zur Gewaltspirale
Unüberbietbar deutlich klagen dann die Propheten die Bereitschaft zur Gewalt an. Sie entwerfen eine Gegengesellschaft, die auf Gerechtigkeit und Mitgefühl mit den Schwachen beruht. Langsam wächst die Einsicht, dass es besser ist, unschuldiges Opfer zu sein als gewalttätiger Sieger.
Die Bibel vibriert von einem ständigen Konflikt: Sie schildert die Gewalt massiv und nicht selten mit lustvoller Faszination – aber sie wird auch immer sensibler für die Folgen, entlarvt Ausreden und Sündenbockmechanismen, klagt Gewalttäter und Kriegstreiber an. Im sogenannten Gottesknechtlied im Buch Jesaja wird eine Alternative zur Gewaltspirale entwickelt: Versöhnung, die alle einbezieht. „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. (...) Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Allah als barmherziger Vater
Ganz anders sieht es im Islam aus – aber nur auf den ersten Blick. Denn die große Mehrheit der Muslime wertet zwar jedes Wort des Koran als unmittelbar von Gott stammend – schon vor Erschaffung der Welt habe Allah den Koran fix und fertig auf einer Tafel verwahrt – und weigert sich, die lange und verwickelte Entstehungsgeschichte des Koran so kritisch zu analysieren, wie es christliche Theologen längst ganz selbstverständlich mit der Bibel tun. Doch in der Auslegungsgeschichte dieser oft nach Art sturer Fundamentalisten behandelten heiligen Schrift tut sich eine große Vielfalt auf, wie in anderen Religionen auch. Schnell zeigt sich, dass der Islam nicht das auf ewig unveränderliche politisch-religiöse System ist, das Gegner und Anhänger so oft im Munde führen. Auch in der islamischen Tradition und Gegenwart gibt es eine große Bandbreite an Ansichten und Denkweisen über Mensch, Welt und Gott.
Mit Terroranschlägen wie am 11. September 2001 in New York hat „der Islam“ nach Meinung vieler im Westen oft sein hässliches, blutrünstiges Gesicht gezeigt: Glaubensverbreitung mit Feuer und Schwert, Ausrottung der „Ungläubigen“, Hass und Gewalt unter dem Deckmantel der Religion. Heißt es nicht im Koran „Bekämpft für Allahs Sache diejenigen, die euch bekämpfen (...), und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt“ (Sure 2, 190f)?
Dabei wird gern unterschlagen, dass das Zitat eine Momentaufnahme aus einer ganz bestimmten Etappe von Mohammeds Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern darstellt, dass in derselben Koransure (Sure 2, 190) gegen überschäumende kriegerische Gewalt Partei ergriffen wird („Allah liebt nicht die Maßlosen“) und dass die aggressiven Tendenzen der Anfangszeit bereits im Koran wieder in Frage gestellt werden: Der „Heilige Krieg“, dschihad, ist in erster Linie als Kampf gegen die Trägheit des eigenen Herzens zu verstehen, als Anstrengung für die Sache Gottes bis zum Einsatz des Lebens.
Es liegt allein am Menschen
Wie könnte es auch anders sein: Der Gott der Muslime, gern als rachsüchtiger, mitleidloser Tyrann verketzert – das Schicksal teilt er mit dem Gott der Juden –, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als barmherziger Vater, „dem Menschen näher als dessen eigene Halsschlagader“ (Koran), Majestät und Wärme vereinend, gewiss ein unbestechlicher Richter, aber auch zärtlich um seine Kinder besorgt.
Wenn Gott allein mächtig ist und der gute Vater aller Menschen, dann hat jeder die gleiche Würde, und eine Herrschaft von Menschen über Menschen ist unmöglich. Der authentische Islam, soweit er sich heute rekonstruieren lässt, vertritt einen zum fruchtbaren Wettstreit anspornenden Pluralismus der Religionen. Torah, Evangelium und Koran sind verschiedene Wege zu Gott; rechtschaffene, gläubige Christen und Juden wird der gemeinsame Gott retten, verspricht der Koran mit der entwaffnenden Begründung: „Wenn es Allah nur gewollt hätte, so hätte er euch allen nur einen Glauben gegeben; so aber will er euch prüfen in dem, was euch geworden. Wetteifert daher in guten Werken, denn zu Allah werdet ihr alle heimkehren, und dann wird er euch aufklären über das, worüber ihr uneinig wart“ (Sure 5, 48).
Wenn es um Gott, um eine spirituelle Grundlegung des Lebens und die religiös motivierte Arbeit an einer besseren Welt geht, kommt es letztlich immer auf Menschen an und weniger auf Programmschriften – auch wenn es heilige Bücher sind – und Ideologien.
Christian Feldmann



