Glaubenswelten
28.05.2025

Die spirituelle Kraft des Singens

Kann Musik trösten, Widerstand leisten und die Welt verändern? Die Journalistin und Musikerin Ulrike Zöller erzählt im Interview von bewegenden Momenten, der Kraft des Jodelns und ihrer Leidenschaft für bayerische Volksmusik.
    

"Die Musik hat mein Leben gelenkt", sagt Ulrike Zöller. Foto: © privat

Kann Musik die Welt verbessern?

Ob Musik die Welt wirklich verbessern kann, darüber lässt sich streiten. Für mich gilt jedoch: An dem Tag, an dem ich glaube, dass Musik die Welt nicht verbessern kann, habe ich all meine Prinzipien über Bord geworfen. Und ich hoffe, dass dieser Tag nie eintritt.

Du hast so viel gesungen in deinem Leben – für dich und für andere. Was waren die berührendsten Momente?

Puh, da gab es viele. Aber ich glaube, der berührendste Moment war ein Interview mit einer Frau am Ende der Welt, weit oben in den Bergen Nordthailands, wo ich auf einer Reportage-Reise hingewandert bin. Ihr Mann war im Gefängnis, sie wusste nichts von ihm, hatte Kinder zu versorgen und war verzweifelt. Eigentlich konnte ich sie nicht trösten. Da habe ich ganz spontan gesungen: „Gott hat alles recht gemacht.“ Es war für uns beide berührend, und ich glaube, sie hat für zwei Minuten ihr Unglück vergessen.

Ein anderer Moment: Das erste Mariensingen nach der Corona-Zeit bei uns in der Schlosskapelle von Jettenbach. Beim Lied „Maria, die schönste Schäferin“, das wir im Dreigesang gesungen haben, ist es mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen.

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Hat das Singen eine spirituelle Dimension für dich?

Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Aber ich kann sie so beantworten: Ich gehe sehr gern in kleine Kapellen, vor allem in eine mit einer „heiligen Quelle“ – was ja oft darauf hinweist, dass diese Orte schon in vorchristlicher Zeit spirituell aufgeladen waren. In diesen Kapellen oder auch an bestimmten Orten in der Natur fange ich unweigerlich an zu singen oder zu jodeln. Insofern merke ich gerade: Ja, ich kann die Frage bejahen.

Du hast dich viel mit Wiegenliedern beschäftigt. Ein reines Frauenthema?

Ich erinnere mich, wie der irische Schwiegervater meine kleine, bauchwehgeplagte Tochter gefühlt stundenlang herumgetragen und ihr ein Wiegenlied nach dem anderen gesungen hat. Und es gibt tatsächlich ein paar Kulturen auf der Welt, in denen Wiegenlieder reine Männersache sind.

Warum das Wiegenliedersingen trotzdem ein wichtiges Frauenthema ist: Früher hatten Frauen nicht die Möglichkeit, offen Kritik zu üben oder sich verbal gegen Männer oder die Gesellschaft zur Wehr zu setzen. Also haben sie all ihre Gefühle, ihre Kritik, auch ihre politische Haltung oder Gedanken über den Krieg in Wiegenlieder gepackt. Sie haben sich das von der Seele gesungen – an einem Ort, an dem keiner zugehört hat, der sie hätte belangen können.

Gibt es ein musikalisches Themengebiet im Bereich der traditionellen (bayerischen) Volksmusik, das du noch nicht bearbeitet hast, aber unbedingt angehen willst?

Was ich noch gern machen würde, ist zu untersuchen, wo in Bayern das Perkussive geblieben ist – jenseits vom Zwiefachen – und wo der unorthodoxe Rhythmus geblieben ist. Im Salzkammergut gibt es zum Beispiel die Fünferrhythmen, im Innviertel, das einst zu Bayern gehörte, einen verzögerten Taktanfang. Wir haben Körperperkussion (Paschen, Schuhplatteln) oder Löffel und Teufelsgeigen. Aber das sind derzeit nur Randformen. Ich glaube, die bayerische Musik war einmal viel rhythmusbetonter, und es interessiert mich, warum Perkussion heute bei uns kaum noch eine Rolle spielt. Hat das mit der Dreistimmigkeit oder dem vertikalen Denken in Harmonien zu tun?

Was kann ein bayerisches Volkslied besser als ein hochdeutsches? Gilt das auch für geistliche Lieder – oder ist es da anders?


Ich beginne mit den geistlichen Liedern: Diese wurden traditionell nicht im Dialekt gesungen, weil man mit „hohen Herrschaften“ – und der Herrgott ist nun einmal die höchste Herrschaft – nicht im Dialekt sprach. Es war eine Form der Ehrerbietung. Es gibt zwar einige neuere geistliche Lieder im Dialekt, aber da muss jemand schon unglaublich sensibel dichten können, um das ohne Kitsch hinzubekommen. Eine, die das konnte, war Kathi Greinsberger. Bei ihr hat jedes Wort gestimmt.

Und jetzt zu den profanen Liedern im Dialekt: Ich glaube, alles, was mit unserer Gefühlswelt zu tun hat – Trauer, Wut, Liebe, Lust – lässt sich im Dialekt bildhafter und glaubhafter ausdrücken. Der Dialekt hat einerseits die Fähigkeit, Dinge zu umschreiben, sodass jeder weiß, was gemeint ist, ohne dass man explizite Begriffe wie „Lust“ oder „Sex“ aussprechen muss. Andererseits geht man im Dialekt auch sehr direkt mit Themen wie Tod oder Trauer um. „Sie war a guade Hauserin“ ist ein bewegendes Lied eines Witwers. So etwas könnte ich mir in der Hochsprache kaum vorstellen.

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Was ist für dich die schönste Trostmusik? Und was ist deine größte Freudenmusik?


Komischerweise tröstet mich am meisten Renaissance- oder Barockmusik – John Dowland, Monteverdi oder auch Bach-Kantaten. Naja, der Mozart gehört da schon auch dazu. In seiner Musik steckt viel Seelenbalsam.

Die größte Freudenmusik: Das sind sicher Jodler, volksmusikalische Kammermusik oder auch Harfenlandler. Zu den Klängen, die mich am meisten berühren, gehören Holzbläsertrios oder -quartette. Da schmelze ich dahin.

Was ist anders am Jodeln im Vergleich zum gewöhnlichen Singen?

Ich antworte jetzt einfach aus dem Bauch heraus – so, wie man einen Jodler anstimmt: Es ist die Kraft. Beim Jodeln entsteht eine andere Energie als bei einem Liebeslied mit Text. Seit meinem Stimmbruch mit etwa zehn Jahren konnte ich nie mehr richtig laut singen – nur piepsig in der Kopfstimme. Als ich mit über 40 das kräftige Jodeln für mich entdeckte, fand ich auf einmal Vertrauen in meine Stimme.

Was hat die (bayerische) Volksmusik der klassischen Musik geschenkt, was sie ohne diese nicht hätte?

Alles. Die Volksmusik war einfach zuerst da – bevor jemand auf die Idee eines Tonsatzes oder einer Notenschrift kam. Ich kann mir kaum einen Komponisten vorstellen, der nicht irgendwie aus der Volksmusik schöpft – vielleicht sogar unbewusst. Die Kunst der Komponisten besteht darin, die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, aber auch die harmonischen oder rhythmischen Besonderheiten nicht als Fehler, sondern als Besonderheit wahrzunehmen. Vielen Komponisten ist das gelungen. Und bei der Volksmusik haben sie gestohlen wie die Raben, die Herren Komponisten – allerdings auch umgekehrt.

Ulrike Zöller ist eine langjährige Journalistin des Bayerischen Rundfunks mit über 40 Jahren Erfahrung, insbesondere in der Redaktion Volksmusik. Als studierte Volkskundlerin, Musikwissenschaftlerin, Amerikanistin und Historikerin bringt sie ein breites Fachwissen in ihre Arbeit ein. Zöller ist bekannt für ihre Beiträge in BR Heimat und ihre Leidenschaft für die kulturelle Vielfalt Bayerns. Sie lebt im Landkreis Mühldorf und engagiert sich weiterhin in Projekten rund um Volksmusik, Klassik und Erinnerungskultur.

Volksmusik im Nationalsozialismus war immer wieder dein Forschungsgegenstand. Gab es „hörbaren“ Widerstand gegen das Regime bei Vertretern der Volksmusik?


Es kommt darauf an, wie man „hörbar“ definiert: Wenn man darunter versteht, dass eine Annette Thoma in Riedering sich entgegen dem NS-Geist so vehement für das geistliche Lied einsetzte, oder dass eine Erna Schützenberger in Passau quasi unter dem Radar ihre Haltung bewahrte, oder dass der Lehrer Hans Kammerer in Burghausen keinen Hehl aus seiner Meinung machte – dann gibt es Zwischentöne zu hören, wenn man sie erkennt. Direkt politisch gesungen haben die wenigsten, und wenn, dann heimlich oder verschlüsselt.

Der Kiem Pauli stand in Verbindung mit den Wittelsbachern, die selbst im Visier der Nazis standen und die Zeit bis zum Krieg in Ungarn im Exil bzw. später als Sonderhäftlinge in Flossenbürg verbrachten. Natürlich ist auch Prof. Kurt Huber zu nennen – einer, der klar zu seiner Meinung stand, die Widerstandsgruppe Weiße Rose unterstützte und 1943 dafür zum Tode verurteilt und ermordet wurde.

Musik kann verführen – auch zum Besseren?

Vielleicht kann man Musik mit einem Küchenmesser vergleichen: Du kannst damit wunderbare Gerichte zubereiten – oder es als tödliche Waffe benutzen. Ja, Musik hat eine Kraft, der sich viele nicht entziehen können. Aber um diese Kraft positiv zu nutzen, braucht es Menschen, die die Musik umsetzen. Ich verwahre mich auch immer dagegen, Märschen oder deutschen Volksliedern eine Schuld zuzuweisen, nur weil sie missbraucht worden sind. Wer missbraucht wird, ist das Opfer, nicht der Täter. Das gilt für Musik genauso wie für Opfer sexuellen Missbrauchs.

Kann Musik ein Leben verändern?


Naja – mein Leben hat die Musik verändert. Es war mir nicht „in die Wiege gesungen“ worden, dass Musik eines meiner Lebensthemen werden würde. Aber die Musik hat den Weg zu mir gefunden und mein Leben irgendwie gelenkt. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass jede Person selbstbestimmt leben sollte. Man muss das eigene Leben selbst lenken – und sich nicht von anderen bestimmen lassen.

Du bist in Pension, aber aktiver denn je. Wie kommt das?

Sagen wir mal so: Ich bin anders aktiv – und nicht mehr darauf angewiesen, mit meiner Arbeit Geld zu verdienen. Das heißt: Ich spaziere über die große Spielwiese der späten Jahre und überlege: Was tut mir gut? Was tut anderen gut? Wo kann ich mich einbringen, jetzt, wo ich ein bisschen mehr Zeit habe?

Ich habe mich entschieden, nach über 30 Jahren Pause wieder selbst aktiv Musik zu machen und zu singen, Gedanken zu Papier und auf die Bühne zu bringen – und dabei mit Musikerinnen und Musikern zusammenzuarbeiten, die mir viel bedeuten.

Und dann ist da noch mein Engagement in der regionalen Kultur- und Erinnerungsarbeit. Ich möchte den Menschen im Dorf und in der Region etwas zurückgeben. Andere sind bei der Feuerwehr oder Bergwacht und schenken ihre Zeit und Hilfe – ich tue halt das, was ich ein bisschen kann: Historisches aufarbeiten (zum Beispiel die Nachkriegszeit), Veranstaltungen und Vorträge organisieren, Interviews mit Zeitzeugen führen, Podcasts produzieren. Gott sei Dank hat mir mein Beruf als Journalistin so viele „Skills“ mitgegeben, dass ich heute relativ viel selbst umsetzen kann.
Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.