Seelsorge in „hochexplosiven Zeiten“
Seit 2011 ist Franz-Josef Overbeck nicht nur Bischof von Essen, sondern auch der katholische Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr. Exklusiv auf Innehalten.de erzählt er von der steigenden Kriegsgefahr, und wie sich Gewaltanwendung in einer christlichen Ethik rechtfertigen muss.
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Herr Bischof Overbeck, zum ersten Mal seit Jahrzehnten muss sich ein deutscher Militärbischof mit einer möglichen Kriegsgefahr im eigenen Land befassen. Welche Aufgabe haben Sie denn in dieser Situation?
Die wichtigste Aufgabe besteht darin, Verantwortungsträger, Soldatinnen und Soldaten ethisch und seelsorglich zu begleiten. Für Christen muss Frieden die Zielperspektive allen Handelns sein. Gemeinsam mit den Militärs sehen wir uns aber mit dem Paradox konfrontiert, dass einerseits möglichst keine Gewalt angewendet werden soll und sie gleichzeitig manchmal eingesetzt werden muss, um Unrecht zu bekämpfen und Frieden zu stiften. Die Militärseelsorge will die Soldatinnen und Soldaten bei den damit einhergehenden Gewissenentscheidungen unterstützen: Mit welchem Ziel darf welches Maß an Gewalt angewendet werden und welche Folgen sind dabei verantwortbar? Die Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Russland verschärft die Dringlichkeit dieser Fragen.
Inwiefern?
Ich verstehe den Konflikt als Systemkrieg. Es ist ein Krieg von Kräften, die Gesellschaft und Staat autoritär organisieren wollen, gegen diejenigen, die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verteidigen. Und diese Auseinandersetzung kann auch deutsches Territorium erreichen, wenn der Nato-Bündnisfall eintritt, etwa durch einen russischen Angriff auf Polen oder die Baltischen Staaten. Ich war kürzlich bei der in Litauen neu stationierten deutschen Panzerbrigade 45. Deren Mitglieder sind sich sehr bewusst, dass sie neuen Konflikten standhalten und möglicherweise auch entsprechend tätig werden müssen.
Was bedeutet diese Stationierung für die Militärseelsorge?
5.000 Soldatinnen und Soldaten werden fest in Litauen stationiert. Es ist zu erwarten, dass viele Familienangehörige hinzukommen, sodass eine große Gemeinde entsteht. Darum werden wir dort auf jeden Fall ein Militärpfarramt mit verlässlicher Präsenz von Seelsorgern installieren müssen, um die Soldatinnen und Soldaten in dieser herausfordernden und belastenden Situation begleiten zu können. Bisher war derartiges bei Auslandsstandorten nur in den USA, Italien und Belgien notwendig.
Das alles klingt nach großer Übereinstimmung mit der Bundeswehrspitze. Kann oder muss denn die Militärseelsorge nicht auch pazifistische Kritik, etwa an Forderungen nach Kriegstüchtigkeit anbringen?
Kriegstüchtigkeit ist in der Tat ein schwieriges Wort, weil eine Form von Bereitwilligkeit zur Kriegsführung mitklingt, die man nicht vorantreiben darf. Die wichtigen pazifistischen Stimmen sollten aber bedenken, dass Gewaltanwendung manchmal Unrecht verhindert. Das Militär ist vor ein Dilemma gestellt. Durch die Entwicklung scheinbar autonomer Waffensysteme steht es zudem vor neuartigen Herausforderungen, durch die sich in besonderer Weise Verantwortungsfragen stellen. Die Militärseelsorge muss die Soldatinnen und Soldaten als ausführende Organe bei der Klärung dieser Frage begleiten. Pazifistische Kritik kann helfen, das Ziel der Gewaltfreiheit hierbei nicht aus dem Blick zu verlieren. Während meiner Zeit als Militärbischof habe ich das Ethos des Soldatenberufs in der Bundesrepublik intensiver kennengelernt, dabei ist diese Zielperspektive besonders zu beachten. Die Militärs tun ihren Dienst, um in Treue zu ihrem Eid Schaden von den Menschen abzuwenden oder wenigstens zu begrenzen.
Wie kann denn ein Christ die gerade herrschende Situation „verdauen“: die Forderung nach Frieden und Gewaltlosigkeit im Evangelium und das Gewaltpotential, das scheinbar unverzichtbar ist, um Tyrannen in Zaum zu halten?
Eine spezifisch christliche Perspektive hat natürlich immer auch mit Spiritualität und Selbstbefragung zu tun. Bin ich mit dem Unrecht einverstanden, solange ich in Ruhe gelassen werde? In diesem Fall trüge Gewalt den Sieg über Recht davon, ein völlig unchristlicher Gedanke. Der notwendige Vorrang von Recht vor Gewalt bringt daher die unbedingte Verurteilung und Beendigung von Unrecht mit sich. Das ist eine Haltung, der ich in der Bundeswehr bei Christen wie Nichtchristen begegne.
Wie hat sich denn Ihr persönliches Gebet durch den Krieg in den vergangenen Jahren geändert?
Mein Gebet wird immer schlichter, weil die Welt immer komplizierter wird. Ich glaube, dass es das Klügste und das Beste ist, alles Gott anheimzustellen. Das tue ich auch jetzt, wobei sich mein Gebet um den Frieden natürlich intensiviert. Zu ihm gehören jeden Tag die Fürbitten, die ich persönlich spreche, die ich aber auch in der Heiligen Messe öffentlich mache.
Und was gibt Ihnen Zuversicht?
In meinem Glauben steht fest, dass Gott das Gute will und nicht das Böse und somit den Frieden und nicht den Krieg. Ich erlebe viele Menschen, gerade unter Militärs und Politikern, die alles tun, um diesem Ziel zu dienen. Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir uns den Herausforderungen auf verantwortungsvolle Weise stellen können. Dennoch treibt es mich um, dass es auch bei uns Krieg geben kann. Gerade jetzt, wo das Gefahren- und Gewaltpotential im Nahen Osten Konflikte entfacht, die drohen, kaum noch beherrscht werden zu können. Wir leben in hochexplosiven Zeiten!



