„Religion wird oft unterschätzt“
Carolin Hillenbrand hat in ihrer Doktorarbeit eine spannende Frage untersucht: Ist Religion Kitt oder Keil für die Gesellschaft? Im Interview erklärt sie, was sie herausgefunden hat – und was die Politik tun kann, damit die Religionen positiv wirken können.
Im Gebet vereint: Papst Leo mit Vertretern anderer Religionen beim Weltfriedenstreffen in Rom. Foto: © Vatican Media/Romano Siciliani/kna
Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Doktorarbeit gekommen?
Zum einen interessiere ich mich schon immer für die großen Fragen der Menschheit, deshalb habe ich auch Politik und Theologie studiert. Hinzu kommt, dass ich schon oft in Taizé war und dort erlebt habe, wie Weltfrieden im Kleinen funktioniert, und ich habe mich gefragt, warum das im Großen so schwierig ist. Und ob Religionen dazu beitragen könnten, dass es besser wird.
War das eine Forschungslücke?
Ja, in der Tat. Es gibt zwar viel soziologische Forschung über gesellschaftlichen Zusammenhalt und was dazu beiträgt, die inneren Kräfte zu stärken. Und es gibt auch Untersuchungen zur religiösen Situation in Gesellschaften. Aber beides zusammenzubringen – in einem empirischen Design für Länder weltweit – ist neu.
Welche Länder hatten Sie im Blick?
Insgesamt 89 auf allen Kontinenten.
Kurz zusammengefasst: Macht Religion einen Unterschied in Sachen gesellschaftlicher Zusammenhalt?
Ja, einen großen Unterschied sogar. Auch wenn man soziale und ökonomische Variablen berücksichtigt, können die religiösen Variablen vieles erklären. Religion wird oft unterschätzt.
Ist der Unterschied, den die Religion macht, positiv oder negativ?
Man muss leider sagen: beides. Es kommt unter anderem darauf an, wie die Religion sich versteht.
Was heißt das konkret?
Zwei Punkte; Der erste Punkt ist die Frage, ob eine Religion sich inklusiv oder exklusiv versteht. Sieht sie sich exklusiv als die einzig akzeptable Religion, stärkt sie zwar den Zusammenhalt unter ihren Mitgliedern, aber sie schwächt ihn im Blick auf die ganze Gesellschaft.
Da denke ich ganz klischeehaft sofort an islamistische Länder.
Nicht nur, auch im christlichen Spektrum gibt es Konfessionen und Nationalkirchen, die sich sehr exklusiv verstehen und zum Beispiel andere religiöse Gruppen oder Minderheiten abwerten – wie in manchen orthodoxen, evangelikalen oder auch katholischen Kontexten. Die zentrale Frage hierbei ist: Wer ist mein Nächster? Wie eng oder weit wird hier der Radius gefasst?
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Gibt es auch positive Beispiele?
In den skandinavischen Ländern ist der gesellschaftliche Zusammenhalt vergleichsweise am höchsten in meinen Analysen. Das protestantische Erbe, die lutherische (Staats-)Kirche scheinen sich hier sehr inklusiv und sozial zu verstehen, was Vertrauen und Engagement insgesamt fördert, auch gegenüber anderen Gruppen.
Soziales Engagement hilft also?
Ja – und damit sind wir beim zweiten Punkt: Manche Religionen oder Konfessionen verstehen sich eher privat und stellen in ihrer Praxis Gebet und Gottesdienst in den Vordergrund. Für andere gehört das soziale Engagement ganz eng zur religiösen Praxis hinzu. Die Zahlen zeigen: Je höher das Engagement in religiösen Organisationen in einem Land ist, desto höher ist auch das soziale Engagement – für die Gesellschaft insgesamt.
Übrigens geben die Zahlen eine Vermutung überhaupt nicht her.
Welche?
Dass Länder, die religiös diverser sind, einen geringeren gesellschaftlichen Zusammenhalt haben als Länder, in denen fast alle derselben Religion angehören. Das ist ein Vorurteil, das zumindest mit meiner empirischen Bestandsaufnahme nicht zu belegen ist.
Carolin Hillenbrand (32) hat mit der Doktorarbeit „Religion – Kitt oder Keil?“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster promoviert. Aktuell ist sie Referentin bei der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk in Bonn. Foto: © Cusanuswerk
Nun kann ein Staat oder eine Regierung ja nicht bestimmen, wie eine Religion sich selbst versteht. Haben Sie trotzdem eine Idee, was Politik tun kann?
Ja, zum Beispiel eine konstruktive
Religionspolitik und ein kooperatives Verhältnis mit allen
Religionsgemeinschaften in einem Land. Zum Beispiel: Religionsfreiheit,
keine Diskriminierung, fairer Zugang zu Bildung und Ressourcen. Sie
können auch interreligiöse Projekte fördern und Themen suchen, die allen
Religionen ein Anliegen sind, etwa der Umgang mit der Schöpfung oder
die Beseitigung von Armut. Auf jeden Fall wäre es klug, die Religionen
miteinzubeziehen, damit sie Teil der Lösung werden und nicht Teil des
Problems.



