Glaubenswelten
24.12.2025

Weihnachtsbotschaft

Gott wird Mensch. Und nun? 

Wie gehen wir mit der geradezu unglaublichen Botschaft von Weihnachten um? Tun wir sie als Geschichte vom Kindlein in der Krippe ab oder lassen wir uns von ihr als existenzielle Glaubenswahrheit berühren? Drei Personen schildern, wie sie ihr Leben beeinflusst.
    

2017 hatte das Freisinger Diözesanmuseum zusammen mit den städtischen Meisterschulen München einen Wettbewerb zur Gestaltung zeitgenössischer Weihnachtskrippen ausgelobt. Wir zeigen den Siegerbeitrag „Stadtgeschehen“ von Hannah Lehleiter. 2017 hatte das Freisinger Diözesanmuseum zusammen mit den städtischen Meisterschulen München einen Wettbewerb zur Gestaltung zeitgenössischer Weihnachtskrippen ausgelobt. Wir zeigen den Siegerbeitrag „Stadtgeschehen“ von Hannah Lehleiter. Foto: © Diözesanmuseum Freising/Thomas Dashuber

Da sie keinen anderen Platz finden, müssen Maria und Josef ihr Quartier in einem Stall aufschlagen, wo die hochschwangere junge Frau mitten in der Nacht ihr Kind bekommt. Ähnliches passiert auch heute noch – in Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten oder Slumvierteln.

Das Einzigartige an der 2.000 Jahre alten Geschichte ist jedoch die existenzielle Glaubenslehre dahinter: In dem kleinen Kind, das „elend, nackt und bloß“ (vgl. Gotteslob Nr. 247) in der Futterkrippe liegt, in diesem Kind hat Gott selbst Menschengestalt angenommen.
 

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Das Geheimnis der Inkarnation

Bei Paulus liest sich das Geheimnis der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes, folgendermaßen: Jesus Christus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ (Phil 2,6–7) 

Für viele Menschen der Antike müssen diese Worte verstörend, ja empörend gewesen sein. Niemals zuvor hat man den Allmächtigen mit einem Menschen gleichgesetzt, geschweige denn mit einem Sklaven, dem damaligen gesellschaftlichen Bodensatz. Und Paulus mutet seinen Lesern nur einen Vers weiter mit dem „Tod am Kreuz“ (Phil 2,8) gleich den nächsten Tabubruch zu. Doch Krippe und Kreuz gehören untrennbar zusammen. Gott wird Mensch, um den Menschen aus Sünde und Tod zu retten und zu befreien. Alles aufgrund der übergroßen Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen. 

„Gott wird Mensch“ – was bedeutet das für uns hier und heute? Gehen wir wie die gesichtslosen Menschen auf unserer Krippendarstellung achtlos vorüber? Oder lassen wir uns berühren, so wie jene Menschen, die uns schildern, wie die Botschaft vom Kind in der Krippe ihr Leben beeinflusst?

Florian Ertl

[inne]halten - das Magazin 02/2026

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Staatsminister Dr. Florian Herrmann (CSU) ist Leiter der Bayerischen Staatskanzlei. Staatsminister Dr. Florian Herrmann (CSU) ist Leiter der Bayerischen Staatskanzlei. Foto: © Bayerische Staatskanzlei

Dienen statt fordern

Gott wird Mensch – nicht als strahlender König, sondern als hilfloses Kind, elend, nackt und bloß. Diese Selbstentäußerung ist radikal. Der Schöpfer, der Ursprung allen Lebens, kommt mitten in die Welt der Menschen und macht sich klein, wehrlos, bedürftig. Er geht den Weg der Ohnmacht – uns in allem gleich, außer der Sünde. Das ist kein romantisches Bild, kein warmes Kerzenlichtgefühl. Es ist Zumutung, Erschütterung, Fassungslosigkeit.

Wenn Gott sich so tief herablässt, stellt das meine Maßstäbe auf den Kopf. Ich kann Glauben nicht bequem als Stimmungspflege verstehen. Die Krippe fordert mich heraus: Wo mache ich selbst groß, was klein bleiben sollte? Wo verschließe ich mich vor dem Schwachen, Bedürftigen, weil es mich etwas kostet?

Selbst Mensch werden

Die Menschwerdung sagt: Gott sucht nicht Distanz, sondern Nähe. Er teilt Hunger, Kälte, Angst. Wenn ich das ernst nehme, kann ich nicht unverändert bleiben. Dann bin ich gerufen, selbst Mensch zu werden – empfangend statt herrschend, dienend statt fordernd. Mitfühlender, mutiger, entschiedener.

Vielleicht bedeutet Weihnachten, dass ich mich selbst entäußere –von Stolz, Eitelkeit, Bequemlichkeit. Dass ich das Kleine sehe, dem Schwachen begegne, ohne mich über es zu stellen. Wenn Gott den Weg in unsere Armut geht, dann wird mein Leben Auftrag: Liebe zu wählen, wo sie schwerfällt. Nähe zu wagen, wo es wehtut. Die Krippe verändert, wenn ich mich ihr aussetze.

Staatsminister Dr. Florian Herrmann (CSU) ist Leiter der Bayerischen Staatskanzlei.

Bruder Hans Eigner aus der Diözese Eichstätt ist Bauingenieur und Comboni-Missionar in der Diözese Bentiu. Bruder Hans Eigner aus der Diözese Eichstätt ist Bauingenieur und Comboni-Missionar in der Diözese Bentiu. Foto: © privat

Vielerorts die Hand reichen

Nach meiner zweiten Berufung in den Südsudan vor einigen Monaten habe ich mich an Hitze, Schwüle und magere Verpflegung gewöhnt. Ich lebe einfach, aber nicht schlecht hier in Bentiu bei Bischof Christian Carlassare. Unsere Unterkunft wird langsam fertig und hat einen Boden, der mit Mist, Blättern und Lehm von Frauen gestampft und geschmiert wurde. So riecht unsere einfache Behausung vielleicht ein wenig wie der Stall von Bethlehem? 

Gewöhnt habe ich mich noch nicht an die Perspektivlosigkeit, mit der die Menschen hier tagtäglich zu kämpfen haben. Es sind nicht nur die üblichen Themen wie Bürgerkrieg, Korruption, Hunger und Vertreibung. Hier haben wir es noch dazu mit der Abhängigkeit von nicht garantierter humanitärer Hilfe, regelmäßigen zerstörerischen Überflutungen und der Willkür des Militärs beziehungsweise der „Autoritäten“ zu tun. Alles, so kann man sagen, ist defizitär, mangelhaft und anstrengend. 

Und doch haben die Menschen ihre Würde und Hoffnung nicht verloren. Auch ein Lachen ist nicht selten. Im Krankenhaus habe ich einen kleinen Jungen ganz lässig auf einem Stuhl sitzen sehen. Er hatte Verbrennungswunden, hat aber über das ganze Gesicht gestrahlt mit einer Freude, die ich von Kindergesichtern zu Weihnachten kenne. Diese Freude im Gesicht des Jungen spricht von innerer Freiheit. Das bewegt mich und motiviert mich, nicht nur eine Schule für die vielen Kinder ohne Schulbildung zu bauen, sondern vielerorts die Hand zu reichen. 

Bruder Hans Eigner aus der Diözese Eichstätt ist Bauingenieur und Comboni-Missionar in der Diözese Bentiu.

Dr. Andreas Rößlein ist Leiter der Sektion Neonatologie am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg. Dr. Andreas Rößlein ist Leiter der Sektion Neonatologie am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg. Foto: © Peter Braun

Hoffnung über das Diesseits

Advent ist eine Zeit der Hoffnung und des Wartens, in der wir in der Dunkelheit des Winters auf das Licht warten. In dieser Zeit erinnern wir uns daran – Gott wurde Mensch, dieses Licht kommt zu uns. 

Gerade in meiner Arbeit als Kinderarzt auf einer Kinderintensivstation ist die Dunkelheit unserer Welt oft zum Greifen nah. In der Neonatologie am Klinikum Dritter Orden begleiten wir mit großer fachlicher Tiefe und menschlicher Hingabe jedes Jahr mehr als 3.000 Neugeborene auf ihren ersten Lebensschritten – darunter auch die allerkleinsten, die mit unter 1.000 Gramm ins Leben starten. In enger Verbundenheit mit der Kinderchirurgie sorgen wir dafür, dass auch Kinder mit angeborenen Fehlbildungen behutsam und kompetent in ein gelingendes Leben geführt werden.

Gott kennt Leid am eigenen Leib

Das Wort „Gott wurde Mensch“ hat für mich zwei Bedeutungen: In der Menschwerdung Jesu Christi, die an Weihnachten ihren Anfang und in der Auferstehung an Ostern ihren Höhepunkt hatte, bekommen wir eine Hoffnung über das Diesseits, das manchmal voller Leid und Tod ist, hinaus. Gott ist involviert, er kennt Leid am eigenen Leib.

Zum anderen fordert es mich jeden Tag heraus, wie ich meinem Nächsten begegne. Dietrich Bonhoeffer fasste das sehr treffend in einer Adventsandacht zusammen: „Christus wandelt auf der Erde, so lange es den Menschen gibt, als dein Nächster, als der, durch den Gott dich anruft, anspricht, Ansprüche stellt. Das ist der größte Ernst und die größte Seligkeit der Adventsbotschaft. Christus lebt in der Gestalt des Menschen unter uns.“

Dr. Andreas Rößlein ist Leiter der Sektion Neonatologie am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg.

Florian Ertl
Artikel von Florian Ertl
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