Glaubenswelten
21.02.2025

Die Gnade des Lachens

„Nichts zu lachen?“ ist das diesjährige Faschingstriduum in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael überschrieben. Angesichts der weltpolitischen Lage und des persönlichen Lebens schildert Professor Jürgen Werbick das Lachen als Gabe Gottes, die hoffen lässt.

Foto: © IMAGO/STPP

„Nichts zu lachen?“ lautet das Thema Ihrer Predigten beim diesjährigen Faschingstriduum in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael. Warum haben Sie dieses Motto gewählt?

Mit Blick auf die weltpolitische Situation, aber auch auf die Situation eines älteren Menschen, wie ich es mit 78 Jahren bin, wo man sich immer wieder die Frage stellt: Habe ich nichts zu lachen?

In Ihrer ersten Predigt am Faschingssonntag gehen Sie auf Psalm 37 ein, in dem es heißt: „Der Frevler sinnt auf Ränke gegen den Gerechten, knirscht gegen ihn mit seinen Zähnen. Der HERR verlacht ihn, denn er hat gesehen: Sein Tag wird kommen.“ Wird Gott in diesem Psalmvers als schadenfroh dargestellt?

Das ist eine gute Frage. Ich habe zunächst an die Geschichte über den Turmbau zu Babel gedacht, also wie Gott sich gewissermaßen über diese Himmelsstürmer lustig macht und sie mit einem eher lustigen Vorgang an ihre Grenzen verweist, indem er ihre Sprachen verwirrt. Ähnlich lese ich diesen Psalmvers auch. Es ist ein Vers, in dem Israel sich darüber freut, dass die Unterdrücker nicht das letzte Wort haben. Gott lacht, er relativiert sie, er verweist sie in ihre Schranken, das ist die Botschaft dieses Psalms. Das ist keine Schadenfreude, sondern ein befreiendes Lachen.

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Am Rosenmontag sprechen Sie über das Lachen von Abrahams Frau Sara, der Gott in hohem Alter noch einen Nachkommen in Aussicht stellt. Lacht also nicht nur Gott über menschliche Vorhaben, sondern nehmen umgekehrt auch Menschen Gottes Pläne nicht ernst?

Saras Lachen interpretiere ich jetzt nicht als ein Verlachen Gottes, sondern als ein Lachen über etwas, was eigentlich unmöglich ist. Dann ist die Frage an mich, an uns: Kann Gott uns brauchen, obwohl wir so unfruchtbar sind, obwohl wir so alt geworden sind, obwohl wir so wenig vorzuweisen haben? Kann der was mit uns anfangen? Das ist gewissermaßen die Frage, die diese Predigt stellt.

Am Faschingsdienst schließlich geht es – mit Blick auf Psalm 126 – um das Lachen als Erlösung. Wie kann dieses erlöste Lachen gelingen?


Lachen ist im normalen Sprachgebrauch etwas Lautes und oft Provokantes. Da habe ich eher Lächeln im Blick. Mein Dasein, die Welt insgesamt ist kein Null-Summen-Spiel, keine Vergeblichkeit. Es gibt immer wieder die Erfahrung und die Hoffnung, dass es gut ausgeht, nicht dass es zwecklos ist. Darüber lacht man nicht laut. Obwohl, es gibt ein Auferstehungslachen, diese alte kirchliche Tradition des risus paschalis, also des Osterlachens, kommt uns heute fast etwas komisch vor. Wir lachen nicht mehr laut über den Tod, wir versuchen, es mit ihm aufzunehmen, und wenn es gutgeht, dann sagen wir: Ach ja, Tod, du bist nicht das Letzte. Das ist kein lautes Lachen, das ist ein Hoffnungslächeln. Das ist die Gegenperspektive zum Aschermittwoch, die man nicht verlieren darf, auch wenn der Aschermittwoch so sicher kommt wie das Amen in der Kirche.

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Prof. Jürgen Werbick ist emeritierter Fundamentaltheologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Prof. Jürgen Werbick ist emeritierter Fundamentaltheologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Foto: © privat
Glauben Sie, dass Lachen auch als göttliche Gabe betrachtet werden kann, die hilft, auf das Leben mit seinen Schwierigkeiten in guter Weise zu reagieren?

Klar, die kirchliche Überlieferung nennt das Gnade. Ich bin nicht rettungslos hineingezogen in das Unglück. Es gibt eine Perspektive darüber hinaus. Das ist ein Geschenk, das ist theologisch Gottes Offenbarung, das ist seine Gabe, dass ich mich ein wenig herausnehmen kann aus der Resignation, aus dem Unglück, dass ich nicht identisch bin mit dem, was mir widerfährt. Die Gnade des Lachens könnte man sagen. Sie ist keine billige Gnade, um mit Bonhoeffer zu sprechen. Nichts, was einem leichtfällt oder immer zur Verfügung steht.

Was hoffen Sie, dass die Zuhörer aus Ihren Predigten für ihr persönliches Leben mitnehmen?

Ich möchte ihnen verschiedene Aspekte des Lachens vor Augen führen und ihren Blick darauf lenken, dass sie sich behaupten können gegen den Absolutismus derer, bei denen Lachen verboten ist, die die Herrschaft über alles haben wollen – auch über die Gefühle, auch über das Leben der Menschen. Das Lachen ist Schutzbehauptung und es ist Gottbehauptung, also: Gott ist da und deshalb gibt es etwas zu lachen. Und ihr, die ihr uns das Lachen miesmachen und verbieten wollt, die ihr absolut ernst genommen werden wollt, ihr seid nicht die letzte Instanz, ihr seid aufgeblasene Wichtigtuer. Zu dieser Zuversicht oder Hoffnung will ich ein wenig versuchen zu ermutigen.
Professor Jürgen Werbick hält die Predigten am Faschingssonntag, 2. März, am Rosenmontag, 3. März, und am Faschingsdienstag, 4. März, jeweils in der Abendmesse um 18 Uhr in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael (Neuhauser Straße 6).
Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.