Erdendinge tun
Im Oktober leuchten die Blätter und im Dezember die Lichterketten. Dazwischen liegt ein Monat im Dunkeln: Der November ist für Viele eine echte Herausforderung. Doch manche Worte und Bilder wirken wie großes Kino, die zu leben helfen.
Joachim mag den November nicht. Alles steht auf Abschied. Die Sonne schafft es nicht mehr über das Nachbardach. Die Biergärten verschwinden unter einer dicken Schicht Laub. Die ganzen Gedenktage erinnern daran, dass alles vergänglich ist und man im Großen und Ganzen irgendwann rausgeschmissen wird aus dem Leben. „Naja“, sagt Jesus, und es kann sein, dass er sich auf die Zunge beißt, um nicht so was zu sagen wie: „Doch nicht rausgeschmissen, sondern eingeladen in ein neues Sein, eine andere Welt.“ Weil er merkt, dass Joachim das nicht hören will. Weil es wie eine Schallplatte klingt, die im Laufe einer Ewigkeit Kratzer bekommen hat.
Ewigkeit ist ein Wort, dass Joachim schaudern lässt.
Kein gutes Schaudern, sondern eines voller Grusel. Es erinnert Joachim an eine Woche im Krankenhaus. Da wurde er in Narkose versetzt, und das Gefühl, plötzlich ins Nichts zu fallen, kann er seitdem nicht wieder vergessen. Es war fürchterlich. So muss es sein zu sterben. Nicht mal ein Traum fängt einen auf, da ist nur die unendliche Verlassenheit des Universums. Nichts als Schwärze und wieder Schwärze. Das Bewusstsein ausgelöscht, ein für alle Mal. Aus der Narkose war er wieder erwacht, langsam und schwerfällig, als müsste sein Körper einen dunklen Fluss überqueren. Aber der Tod kennt kein Erwachen.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
Suche nach Einheit
Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.
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Jesus berührt Joachim, um ihn auf den Boden zu holen.
„Noch bist du hier“, sagt er und lässt die Worte sich ausbreiten. „Was, wenn der Tod Gottes Westentasche wäre?“
Joachim überlegt, ob das was ändern würde, er ist nämlich durchaus empfänglich für gute Bilder. Großes Kino ist sein Ding. Man muss sich Dinge vorstellen können, findet er. Selbst das Unvorstellbare. Jesus nickt, weil das seine Kernkompetenz ist. Dann verschwindet er, als würde er in diesem Moment nicht länger gebraucht. Daran hat sich Joachim schon gewöhnt, es ist ein Kommen und Gehen. Aber jedes Mal bleibt etwas zurück, und damit kann er leben.
Er zieht Schuhe und Jacke an. Geht raus, ein paar Bälle kicken, Erdendinge tun. Auch bei neun Grad und Nieselregen.



