Heilige Schrift
Ein Jahr Bibellektüre: eine Bilanz
Ein Jahr lang hat unser Chefreporter Alois Bierl die Bibel gelesen, vom Anfang bis zur Apokalypse. Im Interview teilt er Einblicke in die Widersprüche und Herausforderungen, die er beim Lesen der Heiligen Schrift erlebte, und reflektiert über die komplexen moralischen Fragen, die die Bibel aufwirft.
Ein Mann mit Brille hält mehrere Bände der ""Die Bibel"" Einheitsübersetzung in fünf Bänden vor einem Bücherregal.
Herr Bierl, was hat dazu geführt, dass Sie ein Jahr lang die Bibel von vorne bis hinten gelesen haben?
Alois Bierl: Ich hatte immer den Wunsch, die Bibel nach meinem Studium der Religionspädagogik noch einmal komplett zu lesen. Meine erste Bibellektüre liegt gut 30 Jahre zurück, und ich kann ja nicht sicher sein, nochmal 30 Jahre zu leben. Also ich musste jetzt irgendwann mal anfangen und dann hat es sich im Gespräch mit der Redaktion so ergeben.
Wie gut ist es Ihnen gelungen, das Bibellesen in Ihren Alltag zu integrieren?
Bierl: Das war ein anspruchsvolles Vorhaben, rein organisatorisch. Ich habe immer schauen müssen, dass ich so meine Seiten abarbeite. Das Bibellesen war eigentlich überall dabei: manchmal beim Frühstück, manchmal in der U-Bahn, dann wieder ganz entspannt samstagnachmittags ein paar Stunden auf dem Kanapee. Das hat das Ganze vielfältiger gemacht, die Erlebnisweisen sind dann anders. Bei manchen Stellen, die man beim Frühstück liest, versinkt man plötzlich, der Tee wird kalt und die Bahn, die man eigentlich nehmen wollte, ist bereits weg. Da fällt einem auf, wie tief einen die Heilige Schrift treffen kann, sodass man den Alltag vergisst und ihn dann wieder einholen muss. Jede Woche darüber schreiben zu müssen, hat mir geholfen, bei der Stange zu bleiben. Ich bewundere diejenigen, die es auch ohne diesen Druck schaffen, die Bibel zu lesen.
Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken: Was nehmen Sie mit aus Ihrer Bibellektüre?
Bierl: Es war mir nicht neu, dass die Bibel ein äußerst vielgestaltiges Werk ist. Das ist ja nicht ein Buch, sondern es sind 73 Bücher, die über einen Zeitraum von 1500 Jahren entstanden sind. Und die mündliche Überlieferung geht vielleicht noch länger zurück. Mir sind die vielen Widersprüche deutlich geworden. Die vielen Stellen, die wir mit unserer heutigen moralischen Haltung ablehnen müssen. Wenn beispielsweise Samuel dem Saul quasi einen Auftrag zum Völkermord gibt. Mir ist aber auch deutlich geworden, dass es trotzdem gut ist, dass so etwas in der Bibel steht. Als Warnung, dass Religion nicht nur zum Liebesgebot führen kann, sondern auch zu einem Hassgebot. Das hat mich lange beschäftigt, weil es nicht so in unser harmonisches Schema hineinpasst.
Man wendet die Bibel auch automatisch auf die eigene Biografie und eigenes Erleben an. Ich glaube, da findet jeder Mensch etwas, wo er sagt: Ja, da wird etwas zur Sprache gebracht, was ich gespürt oder vielleicht erlebt habe, aber so selbst nicht hätte ausdrücken können. Ich sage es mal paradox: Die Bibel schildert die Erfahrung, ins Leere zu greifen und trotzdem einen sicheren Halt zu spüren. Da ist dieser unfassbare Gott, der dann doch anwesend ist und wirkt, selbst wenn man ihn nicht fassen kann. Das hat mich dann immer wieder beeindruckt.
Haben Sie eine Lieblingsstelle oder eine Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Bierl: Da gibt es viele, besonders natürlich die Psalmen. Großartig ist auch das ganze Buch Genesis, das ja voller Geschichten ist, die die Weltliteratur inspiriert haben. Thomas Mann hat zum Beispiel aus der kurzen Josephsgeschichte “Joseph und seine Brüder“ einen vierbändigen Roman gemacht. Dann aber auch das Buch Tobit oder das Buch Daniel. Das Lukasevangelium ist das meiner Meinung nach schönste Buch des Neuen Testaments mit diesen vielen Gleichnissen, die sehr konkret anzuwenden sind, wenn es um Arm und Reich geht. Und es gibt darüber hinaus die großartigen Paulusbriefe, die ich gerne lese.
Die Bibel verwendet oft einen sehr komplexen poetischen Sprachgebrauch. Wie hat die Sprache der Bibel Ihr Verständnis der Texte beeinflusst? Verstehen Sie alles, was in der Bibel steht?
Bierl: Das gelingt ja nicht mal den Experten. Und ich muss mir immer bewusst sein: Ich lese oftmals die Übersetzung einer Übersetzung. Natürlich ist da vieles sprachlich geglättet, was in den überlieferten Textzeugnissen unvollständig und immer wieder unverständlich ist. Aber eines wird auch in der Übersetzung deutlich: dass die Bibel eine ganz enorme Sprachleistung ist und Bilder wiedergibt, die ihren Widerhall in der menschlichen Seele finden, weil sie aus der menschlichen Seele kommen.
Dabei muss sich die Bibel oft von der Alltagssprache abheben, weil sie eben Dinge schildert, die über den Alltag so weit hinausreichen. Wenn etwas in den Alltag einbricht, dann lässt es sich auch nicht immer mit der alltäglichen Sprache ausformulieren. Mit der kommt man ins Stammeln oder benutzt abgedroschene Sätze. Und in der Bibel ist es dagegen immer wieder so ausdrucksstark, dass man merkt: Ja, genauso kannst du das sagen. So lässt sich eine existenzielle Lebenssituation, Angst oder über Freude ins Wort heben. Das leistet sogar die Bibelübersetzung. Wie jedes andere literarische oder poetische Werk liest sich die Bibel halt nicht einfach so runter. Eine derart poetische Sprache setzt einem bewusst Widerstände entgegen, damit man eben nicht so einfach drüber weg liest.
Auf Instagram haben Sie jede Woche im Rahmen des Formats #AloisLiest über ihre Bibellektüre berichtet. Einmal sagten Sie da in Bezug auf viele Stellen im Alten Testament, dass Ihnen die dort vorherrschende Unduldsamkeit gegen andere Religionen und Völker auf die Nerven gehe. Können Sie das ausführen?
Bierl: Man muss das sicher im historischen Kontext betrachten: Da muss sich ein kleines und freiheitsliebendes Volk ständig behaupten. Krieg war damals etwas völlig Normales, das gehörte zum Leben dazu. Dieser historische Prozess der Landnahme wird in der Bibel sehr ausführlich dargestellt, weil er eben so wichtig war für das Volk Israel. Und ja, wenn man das in der aktuellen Situation liest, findet man da natürlich auch Rechtfertigungsmuster, die zum Beispiel jemand wie Wladimir Putin verwendet. Das hat mich schon beschäftigt und ist mir dann auch auf die Nerven gegangen. Aber ich weiß natürlich, besonders das Alte Testament besteht aus vielen Chroniken und Geschichtsbüchern, die aus der Perspektive des Volkes Israel erzählt sind.
Auf der anderen Seite werden Krieg und menschenfeindliche Politik deutlich verurteilt. Da kommen plötzlich Stellen, an denen es heißt: Behandle Fremde nicht schlecht, denn du warst in Ägypten selbst ein Fremder und weißt, wie das ist. Dieser Widerspruch lässt sich schlecht auflösen, aber allein, dass er da ist, nicht unterdrückt oder schöngeredet wird, ist schon mal gut.
In einem anderen Reel haben Sie über Wundergeschichten im Neuen Testament gesagt: „Mir gefällt es nicht, wenn mir jemand beweisen will, dass das alles nicht so gewesen sein kann, weil das Naturgesetzen widerspricht. Da soll Gott nur nach Vorschrift handeln, sich gefälligst an die von ihm eingerichteten Naturgesetze halten. Zum anderen bin ich ebenso misstrauisch, wenn Hochleistungsgläubige mich dazu verpflichten wollen, die Geschichte wie eine platte Tatsachenbehauptung zu verstehen, nur weil sie in der Heiligen Schrift steht.“ Glauben Sie auch als Nicht-Hochleistungsgläubiger an Wunder?
Bierl: Ich möchte es mir nicht anmaßen, darüber ein Tatsachenurteil zu fällen. Die Welt ist viel unfassbarer und wunderbarer, als wir uns das lange Zeit vorgestellt haben. Ich möchte es mir heute nicht anmaßen, zu sagen, dass etwas ja gar nicht so gewesen sein kann, weil es den augenscheinlichen Naturgesetzen widerspricht. Damit macht man Gott kleiner, als er ist.
In der Bibel gibt es einige Passagen, die unseren heutigen moralischen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Also solche, die man als gewaltverherrlichend, frauenfeindlich oder homophob interpretieren könnte. Wie gehen Sie mit solchen Stellen um?
Bierl: Die fordern mich natürlich heraus, als Gläubigen im 21. Jahrhundert. Ich bin da sehr dankbar für die historisch-kritische Methode, dass man heute auch den sogenannten „Sitz im Leben“ sehen muss, also den Zusammenhang, in dem das gesagt wurde. Die Bibel stellt ja selbst vieles immer wieder in Frage. Ich finde es ganz sehr nachvollziehbar, wenn es bei Paulus heißt: „Die Sünde hassen, aber den Sünder lieben.“ Ich glaube in der geschichtlichen Entwicklung darf man dann auch sehen, dass biblische Aussagen ihren Sinn in einen damaligen Kontext hatten. Um es an einem Beispiel festzumachen: Homosexualität hieß im Alten Testament, dass sich diese Menschen nicht vermehren. Aber Vermehrung war existenziell für dieses Volk, die mussten genug Leute sein, damit sie sich behaupten konnten. Das macht es für einen homosexuellen Menschen heute nicht leichter, diese Stellen ohne Vorbehalte zu lesen, aber das Verständnis dafür ist dann doch ein anderes.
Gleichzeitig macht die Liebe Gottes zu den Menschen, und das ist ja die Grundmelodie der Bibel, eines deutlich: Auch Menschen, die anders handeln, als es die Schrift fordert, werden letztlich doch geliebt und aufgefangen, wie der Verbrecher am Kreuz, der sich in seinen letzten Atemzügen an Jesus Christus wendet. Das müssen auch Menschen akzeptieren, die etwa homophobe Äußerungen wörtlich nehmen, dass für Homosexuelle selbstverständlich das Tor zum Himmel offensteht. Ich fühle mich also als Katholik nicht verpflichtet, diese Äußerungen wortwörtlich anzunehmen, sondern ich kann sie weiterdenken.
Wenn ich Ihnen jetzt den provokanten Vorschlag unterbreiten würde, solche Stellen zum Schutz heutiger Betroffener zu zensieren, was würden Sie sagen?
Bierl: Ich glaube, da würden wir die Glaubens- und Entstehungsgeschichte der Heiligen Schrift nicht ernst nehmen und uns vor Debatten drücken. Ich würde jedem Leser, dem das nicht guttut, raten, zuerst einmal darüber hinwegzulesen. Später es dann ein zweites Mal zu lesen, ohne es unwidersprochen zu akzeptieren. Aber ich glaube, wir würden uns betrügen, wenn wir das zensierten, weil – darauf komme ich immer wieder zurück – es macht auch klar, wohin Religion führen kann. Natürlich produziert jede Religion zeitgebundene soziale Normen, die das Zusammenleben regeln. Im ganzen Verlauf der Bibel wird aber auch immer wieder deutlich, dass sich diese sozialen oder sexuellen Normen entwickeln. Beispiel: Viel-Ehe oder Leihmutterschaft. Und im Verlauf der Bibellektüre im vergangenen Jahr habe ich immer wieder gemerkt: Starre Moralbegriffe ändern sich und treten in der Bibel in den Hintergrund, wenn es um das Leben geht. Und es gibt immer wieder neue Erkenntnisse und Forschungen, die meine Lektüre beeinflussen. Mittlerweile sagen etwa Exegeten, dass homosexuelle Handlungen in der Antike oft eingesetzt wurden, um Kriegsgefangene zu demütigen. Das waren brutale Vergewaltigungen, die Menschen und Familien kaputtmachen, und davor warnt die Bibel.
Für Sie ist es also kein Widerspruch, dass Christen die Bibel als Grundlage ihres Glaubens hernehmen, obwohl sie gewaltverherrlichende, homophobe und frauenfeindliche Stellen enthält, sondern es ist eher gut, dass die Bibel diese Stellen enthält, weil damit auch Warnungen einhergehen, was passieren kann, wenn Religion falsch auslegt wird?
Bierl: Ja, so kann man es vielleicht zusammenfassen. Die Bibel erzählt uns ja immer, wie wir Menschen sind. Und wir sind eben nicht nur lieb, brav, gut. Wir wollen es vielleicht sein, können es aber nicht. Und sowas unter den Tisch fallen zu lassen, wäre letztlich unredlich, weil es ein Menschenbild und auch ein geschichtliches Bild zeichnen würde, das so nicht standhält. Es kommt Schlimmes vor und es wird vieles religiös gerechtfertigt. Und dafür macht mich die Bibel wach, so wie Sie es gesagt haben. Ich weiß durch die Bibel, dass sich Religion auch missbrauchen lässt und dass es sich in dem Moment, in dem das formuliert wird, vielleicht vollkommen richtig anhört und auch anfühlt, dass es aber nicht in Erz gegossen sein kann, selbst wenn es so klingt. Und vieles wird zudem missverstanden, weil der damalige Kontext nicht klar ist. So versuche ich, damit zurechtzukommen.
Sie haben schon angeführt, was aus Ihrer Sicht gegen eine Zensur spricht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Stellen drinbleiben, aber im Werk stets mit einer historischen Einordnung, Kommentierung, oder einem Warnhinweis einhergehen.
Bierl: Triggerwarnungen, wie ich sie manchmal in Podcasts höre, wirken auf mich oft ein bisschen oberlehrerhaft. Letztlich sind solche Stellen ja auch dazu da, dass ich mich damit auseinandersetze und eine Haltung dazu gewinne, die vielleicht dieser Stelle sogar widerspricht. Das ist immer ein hermeneutischer Prozess. Ein Mensch im 10. Jahrhundert hat die Bibel mit den Erfahrungen seiner Zeit gelesen, und ich lese sie mit den Erfahrungen und Vorprägungen meiner Zeit. In der Einheitsübersetzung gibt es sinnvollerweise immer wieder Hinweise, wie dieses oder jenes zu verstehen sei. Und Kommentare können neue Blickweisen eröffnen. Aber ich brauche als Leser nicht bei jedem gefährlichen Wort gleich eine rote Markierung.



