Einsamer Tod
Ein einsames Sterben, das schmerzt
Eigentlich hat unser Autor der Verkäuferin aus dem Zweitwarenladen nur oberflächlich gekannt. Als er von ihrem Tod erfuhr, hat es ihm trotzdem einen Stich gegeben und die Nachricht hat ihn beschäftigt.
Gerade ist mir wieder ein Buch in die Hände gefallen, das mir Frau D.
vor ein paar Jahren verkauft hat. Frau D. war die Seele des
Zweitwarenladens, in den Menschen unterkommen, die aus dem ersten
Arbeitsmarkt gefallen sind, wie das so unschön heißt. Ein bisschen
fühlte sie sich auch als Chefin, wies neue Mitarbeiter ein, manchmal
auch zurecht. Frau D. zählte, ob gebrauchte 1000-Teile-Puzzles auch
wirklich tausend Teile hatten, packte Geschirrteile beim Verkauf
sorgfältig in Zeitungspapier, ordnete die Bücher nach Sachgebieten und
schrieb die Preise hinein. Immer trug sie weite schwarze Gewänder, weil
sie seit der Pubertät mit ihrem Übergewicht kämpfte und diese Kleider
ein wenig davon verbargen und das hartnäckige Hüftleiden gleich dazu.
Das hat sie mir einmal beiläufig und munter erzählt, ebenso, dass es mit
ihrer Psyche „manchmal nicht einfach ist“.
Den Laden mit Leben erfüllt
Besonders religiös war sie wohl nicht. Immer wenn ich ein
theologisches Buch ausgesucht hatte, zog sie skeptisch die linke Braue
nach oben, sagte aber nichts. Mir gefiel es, wie sie das Geschäft im
Griff hatte, das ihr Leben ausfüllte und das sie mit Leben erfüllte.
Nach fast einem Jahr bin ich wieder einmal in den Zweitwarenladen
gekommen. Und es gab mir einen Stich, als ich ihre Kollegen davon
sprechen hörte, wie wenig Frau D. doch von ihrer gerade erst
angetretenen Rente gehabt habe. Jetzt sei sie doch so schnell gestorben.
Habe nach ihrem Abschied auch nichts mehr von sich hören lassen. Sie
sei großartig engagiert, aber eben schwierig gewesen, „doch wir alle
mochten sie irgendwie“. Der Vermieter habe sie tot aufgefunden und im
Laden angerufen, weil er wusste, dass die Kollegen ihre einzigen
Bezugspersonen waren, die sich für die Nachricht von ihrem Tod
interessieren könnten. Der letzte Angehörige von Frau D. hatte sich
geweigert für die Begräbniskosten aufzukommen und meldete sich nicht
wieder. „Dann gab´s ganz schnell eine Sozialbeerdigung und wir können
nur noch im Nachhinein ein Gesteck für das Grab bestellen“, seufzte eine
Kollegin. Mir war weh ums Herz, als ich das alles so zufällig mithörte.
Ich stellte mir vor, wie die Urne mit Frau D.s Asche, vielleicht nur
von einem einzigen Friedhofsangestellten ins Grab gelegt wurde. Ich habe
so etwas schon einmal in einem Berliner Friedhof erlebt, es war
bedrückend.
[inne]halten - das Magazin 25/2025
Suche nach Einheit
Papst Leo beschwört am Ort des Konzils von Nizäa die Gemeinschaft der Christen.
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Bestattungen brauchen Würde
Vielleicht war bei Frau D. aber doch jemand dabei. Ich erinnere mich an den Aufruf eines Pfarrers im Stadtviertel. Der suchte Menschen, die alleinstehende Verstorbene aus seinem Sprengel auf ihrem letzten Gang begleiteten: „Sie helfen mit, dass ein Mensch die ihm zustehende Würde bekommt.“ Und ich hatte schwer mit meiner Rührung zu kämpfen, als ich vor zwei Jahren las, dass ein Mann mit Down-Syndrom und sein Vater das Bundesverdienstkreuz verliehen bekamen: weil sie als Ministranten Bestattungen begleiten, zu denen sonst niemand gekommen wäre. Frau D. hätte das zu schätzen gewusst, glaube ich. Als ich einmal einen Roman von Charles Dickens bei ihr kaufte, sagte sie: „Das war endlich einmal ein Schriftsteller, der gewusst hat, dass Menschen immer Zuwendung und Liebe brauchen.“ Ich hoffe, dass Frau D. sie nun an dem Ort bekommt, an dem sie jetzt ist. Und dort spürt, dass ihre Kollegen sie gemocht haben, die ihr wenigstens noch ein Gesteck nachschicken wollen, wenn sie schon nicht bei der Beerdigung dabei sein konnten.



