Glaubenswelten
03.05.2025


Einsamer Tod

Ein einsames Sterben, das schmerzt

Eigentlich hat unser Autor der Verkäuferin aus dem Zweitwarenladen nur oberflächlich gekannt. Als er von ihrem Tod erfuhr, hat es ihm trotzdem einen Stich gegeben und die Nachricht hat ihn beschäftigt.
    

Gerade ist mir wieder ein Buch in die Hände gefallen, das mir Frau D. vor ein paar Jahren verkauft hat. Frau D. war die Seele des Zweitwarenladens, in den Menschen unterkommen, die aus dem ersten Arbeitsmarkt gefallen sind, wie das so unschön heißt. Ein bisschen fühlte sie sich auch als Chefin, wies neue Mitarbeiter ein, manchmal auch zurecht. Frau D. zählte, ob gebrauchte 1000-Teile-Puzzles auch wirklich tausend Teile hatten, packte Geschirrteile beim Verkauf sorgfältig in Zeitungspapier, ordnete die Bücher nach Sachgebieten und schrieb die Preise hinein. Immer trug sie weite schwarze Gewänder, weil sie seit der Pubertät mit ihrem Übergewicht kämpfte und diese Kleider ein wenig davon verbargen und das hartnäckige Hüftleiden gleich dazu. Das hat sie mir einmal beiläufig und munter erzählt, ebenso, dass es mit ihrer Psyche „manchmal nicht einfach ist“.
    

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Den Laden mit Leben erfüllt

Besonders religiös war sie wohl nicht. Immer wenn ich ein theologisches Buch ausgesucht hatte, zog sie skeptisch die linke Braue nach oben, sagte aber nichts. Mir gefiel es, wie sie das Geschäft im Griff hatte, das ihr Leben ausfüllte und das sie mit Leben erfüllte. Nach fast einem Jahr bin ich wieder einmal in den Zweitwarenladen gekommen. Und es gab mir einen Stich, als ich ihre Kollegen davon sprechen hörte, wie wenig Frau D. doch von ihrer gerade erst angetretenen Rente gehabt habe. Jetzt sei sie doch so schnell gestorben. Habe nach ihrem Abschied auch nichts mehr von sich hören lassen. Sie sei großartig engagiert, aber eben schwierig gewesen, „doch wir alle mochten sie irgendwie“. Der Vermieter habe sie tot aufgefunden und im Laden angerufen, weil er wusste, dass die Kollegen ihre einzigen Bezugspersonen waren, die sich für die Nachricht von ihrem Tod interessieren könnten. Der letzte Angehörige von Frau D. hatte sich geweigert für die Begräbniskosten aufzukommen und meldete sich nicht wieder. „Dann gab´s ganz schnell eine Sozialbeerdigung und wir können nur noch im Nachhinein ein Gesteck für das Grab bestellen“, seufzte eine Kollegin. Mir war weh ums Herz, als ich das alles so zufällig mithörte. Ich stellte mir vor, wie die Urne mit Frau D.s Asche, vielleicht nur von einem einzigen Friedhofsangestellten ins Grab gelegt wurde. Ich habe so etwas schon einmal in einem Berliner Friedhof erlebt, es war bedrückend.
  

[inne]halten - das Magazin 25/2025

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Bestattungen brauchen Würde

Vielleicht war bei Frau D. aber doch jemand dabei. Ich erinnere mich an den Aufruf eines Pfarrers im Stadtviertel. Der suchte Menschen, die alleinstehende Verstorbene aus seinem Sprengel auf ihrem letzten Gang begleiteten: „Sie helfen mit, dass ein Mensch die ihm zustehende Würde bekommt.“ Und ich hatte schwer mit meiner Rührung zu kämpfen, als ich vor zwei Jahren las, dass ein Mann mit Down-Syndrom und sein Vater das Bundesverdienstkreuz verliehen bekamen: weil sie als Ministranten Bestattungen begleiten, zu denen sonst niemand gekommen wäre. Frau D. hätte das zu schätzen gewusst, glaube ich. Als ich einmal einen Roman von Charles Dickens bei ihr kaufte, sagte sie: „Das war endlich einmal ein Schriftsteller, der gewusst hat, dass Menschen immer Zuwendung und Liebe brauchen.“ Ich hoffe, dass Frau D. sie nun an dem Ort bekommt, an dem sie jetzt ist. Und dort spürt, dass ihre Kollegen sie gemocht haben, die ihr wenigstens noch ein Gesteck nachschicken wollen, wenn sie schon nicht bei der Beerdigung dabei sein konnten.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter und Kolumnenautor
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.