Glaubenswelten
09.03.2026

Die Orgelbank als Kraftort

Seit 58 Jahren ist Michael Bauer Organist in Utting am Ammersee. Der frühere Lehrer und Schulleiter spricht im Interview über Musik in der Kirche, den Glauben und die inspirierende Atmosphäre am Ammersee-Westufer.
    

Michael Bauer: Michael Bauer: "Man kann die Menschen mit der Orgel trösten, stützen, erheben, erfreuen, ihnen guttun". Foto: © privat

Fast sechs Jahrzehnte Organist in Utting am Ammersee, Lehrer, Schulleiter der Carl-Orff-Grund- und Mittelschule in Dießen. Kannst du einen besonderen „Spirit“ am Ammersee-Westufer benennen?  

Ja, 58 Jahre bin ich jetzt Organist in Utting am Ammersee. 45 Jahre war ich Lehrer, davon die letzten 28 Jahre in der Schulleitung tätig. Sieben Jahre war ich als Konrektor in Geltendorf tätig, wo ich die Außenstelle Walleshausen leitete. Die letzten 21 Jahre war ich Schulleiter der Carl-Orff-Schule in Dießen am Ammersee, der ich mit Unterstützung von interessierten Kolleginnen und Kollegen einen Schwerpunkt im Bereich Musik gab.  

Ich bin in Utting direkt am See aufgewachsen. Wir hatten eine Pension, und man musste nur über die Straße gehen, saß auf dem Steg, konnte gleich ins Wasser oder auch nur dasitzen, genießen, beobachten und träumen. Als Kind und Jugendlicher wirkte diese besondere Atmosphäre eher unbewusst auf mich ein.   

Als Erwachsener ließ man sich von der besonderen Ausstrahlung unseres Ammersees und seiner Landschaft bewusster erfassen und wurde und wird ja sicher davon geprägt. Und dieser „Spirit“ zog viele berühmte, nicht so berühmte und ganz „normale“ Menschen besonders an und prägte, inspirierte und erfüllte sie mit Kreativität und Engagement.  

Magst du den Satz fortführen: Utting ist ein ganz besonderer Ort, weil ...  

Für mich ist Utting sicher ein ganz besonderer Ort, weil er mir Heimat war und ist. Ein Ort mit Menschen, Orten und Plätzen, zu denen ich immer wieder zurückgekehrt bin, um Ruhe, Gemeinschaft, Freundschaften, Ideen und Projekte zu finden, anzuregen, mitzugestalten.  

Gibt es musikalische Gedanken, die dir zuweilen auch der Ammersee als besonderer spiritueller Ort schenkt?  

Ja. Der Blick in die Weite über die Wasserfläche öffnet einem Herz und Seele. Man kann Gefühle und Gedanken frei geben, und daraus entstehen innere Ruhe und so mancher kreative Anstoß. Und doch fühlt man sich nicht verloren, sondern kann sich an den Bergen und am „heiligen Berg Andechs“ gegenüber festhalten, sich geborgen fühlen.       


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Ist die Orgelbank für Dich ein besonders spiritueller Ort?  

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Orgelbank, also das Orgelspielen, eine ganz besondere Art des Musizierens ist. Man musiziert für Menschen in besonderen Lebenssituationen: Freude über die Geburt eines Kindes, eine Hochzeitsfeier, ein Trauergottesdienst, bei dem man Abschied nimmt von Menschen, ein Festgottesdienst, vielleicht sogar mit Chor und Orchester, oder ein einfacher Sonntagsgottesdienst, bei dem man Freud und Leid der Woche in die Kirche mitnimmt. Man kann die Menschen mit der Orgel trösten, stützen, erheben, erfreuen, ihnen guttun.  

Oft ist das Orgelspielen auch eigenes Gebet, eigene Stimmungen können auch einfließen. Auf jeden Fall vergisst man meist alle Sorgen, und es verfliegt aktueller Ärger, wenn ich an unserer traumhaften Orgel sitze, die wir seit guten 30 Jahren haben.  

Unsere Orgel ist für mich fast wie ein Lebewesen. Man kennt sich, man spürt zum Beispiel den Einfluss der Jahreszeiten.  

Wie spürt man über die große räumliche Distanz die Zuhörer? Man will sie ja erreichen und berühren.  

Ich höre die Leute deutlich singen, manche Stimmen erkenne ich auch sofort. Man ist zwar weit von den Kirchenbesuchern weg, doch der Kontakt ist da. Man spürt, wie viele ungefähr da sind, wie die Gemütslage der Menschen ist, man erkennt an Geräuschen, was gerade unten geschieht. Und man stellt sich flexibel darauf ein. Und sei es, die vorbereiteten Noten nicht zu benutzen, sondern einen musikalischen Gedanken zu verfolgen, der einem in den Sinn kommt.  

Auch die inzwischen langjährige Tradition des Friedensgebetes in Schondorf im bezaubernden Annakircherl begleitest du treu. Was macht den Geist dieser Gemeinschaft aus?  

Am 19. jeden Monats treffen wir uns zu einem Friedensgebet in der Annakirche in Schondorf. Zur gleichen Stunde findet in Boves im Piemont ein Friedensgebet statt. Eine Freundschaft und Partnerschaft, die aus schrecklichen Ereignissen dort im Zweiten Weltkrieg entstanden ist, die zu einem Wunder von Versöhnung und persönlichen Freundschaften führte.  

Da spiele ich auf einem E-Piano. Ich habe nur das Gotteslob für die Lieder dabei, ansonsten keine Noten. Es ist ein kleiner, besonderer Kreis von Personen, die sich hier treffen, alle Texte vorbereiten – eine Offenheit, Vertrautheit und Gemeinschaft, die ich über die Jahre noch fast in keinem Gottesdienst erleben durfte. Ich lasse mich in diesem Fall bei den Instrumentalstücken nur von meinen Gedanken und Gefühlen leiten.  

Und so prägt das Musizieren in der Kirche auch den eigenen Glauben und lässt so manches Gebet ohne Worte entstehen.



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Wie groß ist die Freiheit bei der Auswahl der Stücke in den Gottesdiensten? Hat sich das in den letzten Jahrzehnten verändert? 

Ich suche die Lieder gerne selbst aus, wenn der Pfarrer diesbezüglich offen ist und mich mitgestalten lässt. Die Leute sollen ja auch Spaß haben. Und die wunderbaren, bekannten alten Lieder wie „Lobe den Herren“ erfreuen doch die gläubigen Sänger nach wie vor. Oder einmal „Großer Gott, wir loben dich“, zusammen mit Dudelsack angestimmt, ist schon ein recht erhebendes klangliches Ereignis.  

Musik als prägendes Element im Gottesdienst ist absolut wichtig. Vielleicht sogar noch mehr in Andachten. Und die Mitwirkungsmöglichkeit für uns Laien ist doch eine riesige und völlig unverzichtbare Chance für die Kirche.  

Ist Musik unabdingbar für dein Leben?  

Die Musik war für mich von Kindheit an wichtig und bestimmend. Von einem fahrenden Musiklehrer wurden mir die ersten Töne beigebracht, zuerst auf einer Melodica, dann auf einem Akkordeon. Die ersten besonderen musikalischen Erinnerungen sind noch heute die Konzerte des Akkordeonorchesters im Saal des Café Forster in Schondorf. Auch die Gäste unserer Pension unterhielt ich gerne musikalisch, zusammen mit einem Freund aus der Nachbarschaft.  

Und so wuchs ich, vor allem durch die Musik, in die Gemeinschaft hinein. Im Bereich der Volksmusik in vielfältiger Weise auf allerlei Instrumenten, die ich mir größtenteils selbst erarbeitete. Als erste Gruppe leitete ich einige Jahre den Uttinger Männerchor, der durch den Tod des langjährigen Leiters vor der Auflösung stand. Es gibt ihn heute immer noch. Ein Freund, der bei der Blaskapelle spielte, lieh mir eine Trompete: „Lern mal ein gescheites Instrument“, meinte er. 

Mein Hauptinstrument ist und war jedoch immer die Kirchenorgel. Als Ministrant half ich unserem damaligen Mesner immer beim Abschmieren des Orgelmotors. Mit meinen Akkordeonkenntnissen durfte ich dann immer wieder auf der Orgel herumprobieren und suchte mir einige Kirchenlieder zusammen.   

Die Orgel hat mich von Anfang an fasziniert. Als ich 14 Jahre alt war, starb die Organistin. Sie war eine betagte Grundschullehrerin, wie es in diesen Zeiten üblich war. Ein Nachfolger war nicht in Sicht. So traute ich mich, mit den sieben oder acht Kirchenliedern, die ich beherrschte, die Gottesdienste zu gestalten.   

Irgendwann wurde ich dann schon angesprochen, ob ich nicht mehr Lieder spielen könne. Da packte mich der Ehrgeiz, und ich begann noch intensiver zu üben. Inzwischen bekam ich auf dem Gymnasium in Landsberg von einem Gymnasiallehrer Klavier- und Orgelunterricht. Da in diesem Lebensalter die Übungsintensität schwankte, musste ich in so mancher Orgelstunde massiv improvisieren. Beim Orgelspielen sollte man das aber sowieso können. Das kommt mir bis heute zugute. 

Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.