Glaubenswege
Die Frau an der Spitze
Mandy Adam wuchs in der säkularen DDR auf. Die Heilige Schrift führte sie als Erwachsene zur katholischen Kirche. Heute leitet sie als Gemeindereferentin neun Pfarreien in der Nähe von München.
Sie liebt ihre Arbeit: Gemeindereferentin Mandy Adam an ihrem Schreibtisch. Foto: © Burkner
Im Altarraum steht Mandy Adam gerne, besonders am Ambo – da, wo die Bibel gelesen und ausgelegt wird. „Die Predigt ist noch immer mein großes Herzensanliegen“, sagt die Gemeindereferentin, als sie in ihrem Büro im Pfarrhaus von Ampermoching sitzt, einem Dorf nördlich von München. Im Regal reihen sich Lektionare und theologische Bücher ordentlich aneinander – Literatur, die ihr „persönlicher Glaubenszugang“ war, wie sie heute sagt.
Adam wuchs in der DDR auf. „Ich komme aus der Nähe von Leipzig, wo ich eine wirklich schöne Kindheit hatte“, sagt sie. Glaube und Religion hätten damals keine Rolle gespielt – in ihrer Familie nicht und in der sozialistischen Gesellschaft schon gar nicht. Das blieb auch so, als sie kurz nach der Wiedervereinigung mit ihren Eltern in die Nähe von München zog, technische Zeichnerin wurde, ihren Mann kennenlernte, katholisch heiratete und die drei gemeinsamen Töchter taufen ließ. „Ich dachte mir: Das gehört in Bayern halt so dazu“, sagt sie und lacht darüber ein bisschen amüsiert. Eigentlich habe nichts in ihrem Leben gefehlt. Und doch habe sie irgendwann ein ungutes Gefühl bekommen: „Da waren Gedanken über die Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck und dem Konsumdenken. Und mit ihnen kamen Sinnfragen über das Leben und vor allem über den Tod.“
Berührt von der Heiligen Schrift
Als ihre älteste Tochter nach der Erstkommunion Ministrantin wurde, ging Adam regelmäßig in Gottesdienste. Die Heilige Schrift und die Predigten berührten sie damals sehr. „Ich war fasziniert, wie stark diese alten Texte in die heutige Zeit sprechen. Sie berührten mein Herz und meine Fragen“, sagt sie.
Deshalb nahm Adam Kontakt zum Pastoralreferenten der Gemeinde auf: „Wir haben uns dann alle zwei Wochen getroffen, denn ich brauchte Wissen und Gewissheit: Suche ich nach Gott oder sucht mich Gott?“
Eine neue geistliche Heimat
So wurde die katholische Kirche ihre Heimat. Sie begann, ehrenamtlich in der Gemeinde mitzuarbeiten, und das Engagement wurde ein wichtiger Teil ihres Lebens. „Ich fühlte so viel Frieden in mir, dass der Gedanke reifte, Gemeindereferentin zu werden“, erzählt sie. Deshalb studierte sie Theologie im Fernkurs und absolvierte die diözesane Ausbildung.
Am Heiligabend 2014 wurde Adam in ihrer Heimatkirche getauft. Ihren Eltern und ihrem Bruder erzählte sie erst am Tauftag selbst davon. „Wir haben wie immer zusammen Weihnachten gefeiert. Ich habe mich damals sehr gefreut, dass alle mit in den Gottesdienst gegangen sind. Auch sie waren berührt“, sagt sie.
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Seelsorge auf dem Land
Seit dem Jahr 2022 arbeitet Adam als Gemeindereferentin im Landkreis Dachau, einer ländlichen Region im Nordwesten von München, in der vieles noch ein bisschen wie früher zu sein scheint: Bauernhöfe, Maibäume und natürlich die Pfarrkirchen, die die Dorfzentren prägen. Nur den Dorfpfarrer, den gibt es auch hier nicht mehr.
Im Büro des früheren Pfarrers sitzt seit September stattdessen Mandy Adam. Als eine von wenigen Frauen im Erzbistum München und Freising ist sie sogenannte Pfarrverbandsbeauftragte und als solche leitende Seelsorgerin für neun Pfarreien mit etwa 10 000 Katholiken und knapp 30 Kirchen. Während ein Pater als priesterlicher Leiter vor allem die Sakramente spendet, kümmert sie sich hier um fast alles andere. „Mit einem tollen Team bin ich verantwortlich für Personal, Finanzen, die Gebäude und die Organisation der Seelsorge. Zudem bin ich meist die erste Ansprechperson für Haupt- und Ehrenamtliche und Gemeindemitglieder“, sagt sie.
Katholisch trotz tiefer Wunden
Sie weiß, dass sie in dieser Rolle von manchen als Lückenfüllerin gesehen wird, weil sich kein Priester auf die Stelle hier beworben hat. „Aber ich wollte einfach, dass es für die Gemeinden gut in die Zukunft geht. Ich spüre viel Rückendeckung und Wohlwollen“, sagt Adam, die an der Hierarchie der Amtskirche oft zweifelt. „Dass ich als Frau nicht geweiht werden darf und dem männlichen Priester untergeordnet werde, ist eine tiefe Wunde für mich. Ich bin überzeugt, dass Gott auch Frauen zu Priesterinnen beruft“, sagt sie, betont aber auch: „Ich bin trotzdem gerne katholisch. Das ist ja meine freie Entscheidung. Zum Glück gibt es Priester, die das Potenzial von Frauen erkennen und fördern.“ Dabei denkt sie zum Beispiel dankbar an Michael Bartmann, den vorerst letzten leitenden Pfarrer der Gemeinden.
Neben Bürokratie und Verwaltung möchte Adam auch zukünftig vor allem Seelsorgerin sein. „Ich feiere weiterhin unwahrscheinlich gerne Gottesdienste oder Beerdigungen. Da kann man ganz nah am Menschen sein“, sagt sie. Sie steht regelmäßig als Wortgottesdienst-Leiterin im Altarraum, liest das Evangelium, predigt und hofft, dass die Gläubigen wie einst sie selbst von der Heiligen Schrift berührt werden. „Ich glaube, dass viele Menschen Fragen haben und auf der Suche sind. Ich habe damals die richtigen Menschen getroffen, die mich begleitet haben“, sagt sie und lacht dann selbst ein wenig über ihren Glaubensweg. „Manchmal staune ich, was Gott mit mir und durch mich gemacht hat.“
Michael Burkner



