Kommentar
Berührt, irritiert, traurig
Die Fastenzeit steuert auf ihren Höhepunkt zu. Es ist nicht die Zeit für gedankenlose Routinen, sondern für Umkehr und Neuausrichtung. Da kommt ein Impuls aus ökumenischer Nachbarschaft gerade recht.
„Die Verkündigung“ (Ausschnitt), Meister von Liesborn, um 1485. Foto: © imago/UIG
Ehrlich gesagt finde ich es ganz cool, evangelische Pfarrerin im katholisch geprägten Oberbayern zu sein. Dass ich manches anders mache, als es vielleicht von der katholischen Geistlichkeit erwartet wird, muss ich hier gar nicht erklären: Die Protestantin, die Preußin, die läuft außer Konkurrenz und genießt Narrenfreiheit.
Manchmal find’ ich katholisch witzig, zum Beispiel die eingeübte Praxis der Weihe von Gebäuden und Gegenständen aus allen Lebensbereichen. Im Benediktionale gibt es sogar eine fertige Liturgie für die Einweihung einer Kläranlage mit passendem Bibeltext (2. Könige 2,19–22)!
„Manchmal bin ich irritiert“
Manchmal bin ich auch irritiert, zum Beispiel angesichts eines gläsernen Sargs in einer Wallfahrtskirche mit einem in Brokat und Gold bekleideten Skelett eines Heiligen. Auch die Anrufung von Heiligen, die für mich beten sollen, ist mir fremd. Hallo, was soll das denn? Ich bin doch groß und kann selber beten!
Aber dann stolpere ich über meine eigenen Gedanken und muss mich korrigieren, weil das nicht ganz stimmt. Manchmal kann ich eben nicht selber beten, da fehlen mir die Worte; vielleicht ist es für solche Momente großartig, mich an andere wenden zu können: „Heilige Maria, bitte für mich!“
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„Manchmal bin ich tief berührt“
Überhaupt die Maria und ihr dunkelblauer samtener Mantel, in den ich mich gerne hüllen würde – weit und breit nirgendwo in einer evangelischen Kirche zu finden, schade eigentlich! Außerdem finde ich ihr Magnifikat mutig, modern, gesellschaftskritisch und poetisch.
Manchmal bin ich auch einfach tief berührt: Ein Aschekreuz am Aschermittwoch bringt mich zum Weinen, eine sehr alte demente Dame empfängt die Hostie und ihr Gesicht wird in dem Moment sanft und weich. Ich spüre, atme und rieche Heiligkeit in alten katholischen Ritualen.
Hannah von Schroeders ist Pfarrerin in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Traunstein – Chieming – Waging. Foto: © Franz
„Manchmal bin ich traurig, wütend und verletzt“
Manchmal bin ich zusammen mit meinen katholischen Kolleginnen aber auch sehr traurig, wütend und verletzt. So viel Herzblut, Engagement, Nachdenklichkeit und Power legen sie in ihre Arbeit. Und dann werden sie, weil sie keine Männer und keine Priester sind, immer wieder in die zweite Reihe gesetzt, nicht nur von den Kirchenleitungen, Hierarchien, traditionellen Ausreden, nein, auch von Mitgliedern ihrer Pfarrgemeinden, nicht selten von Frauen: „Ja, kommt denn der Herr Pfarrer nicht?“, fragen sie enttäuscht, wenn die Gemeindereferentin zum Gottesdienst oder zur Segnung des neuen Feuerwehrautos kommt. Evangelische Theologinnen haben solches auch erlebt und sehr gekämpft. Vor 50 Jahren wurden die ersten Frauen in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern zu Pfarrerinnen ordiniert.Nun beginnt die Karwoche, die uns damit konfrontiert, wie grausam und menschenverachtend es enden kann, wenn das Engstirnige gewinnt. Meine Vision ist: Wir Konfessionen und Religionen sollten feiern, was uns verbindet, statt uns auf das zu fokussieren, was uns trennt. Dazu gehört beides: die Schätze alter Überlieferungen bewahren, genauso wie Offenheit für Neues und kreative Veränderungen mit Blick in eine Zukunft, in der wir hoffentlich Raum lassen werden für die Unverfügbarkeit alles Göttlichen, das sich noch nie in menschliche Strukturen hat einsperren lassen.
Hannah von Schroeders, Pfarrerin in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Traunstein – Chieming – Waging



