Nimm der Ohnmacht ihre Macht - Folge 7
Verzeihen: Ein Prozess
Ob es in Ihrem Leben Verletzungen gibt – Beziehungswunden, aber auch Wunden, die das Leben Ihnen geschlagen hat –, an denen Sie schwer tragen und die Sie loslassen wollen? Dann stehen Sie vor der Herausforderung, einen Weg der inneren Aussöhnung zu gehen. Doch wie geht Verzeihen? Im Folgenden nenne ich drei wichtige Aspekte.
Melanie Wolfers. Foto: © Kiderle
Sich den Schmerz eingestehen
Der Weg des Verzeihens beginnt damit, dass Sie sich der verletzenden Situation und den damit verbundenen Gefühlen stellen. Manche empfinden es in diesem Zusammenhang als hilfreich, sich in einem Brief – den sie nicht abschicken – vieles von der Seele zu schreiben. Wie sie die Situation damals erlebt haben und was sie jetzt im Augenblick bewegt. Anderen wiederum tut es gut, jemandem von dem zurückliegenden Ereignis zu erzählen und wie es heute noch in ihnen nachwirkt.
Gedanken und Gefühle neu ausrichten
Unsere Gefühle haben wichtige Funktionen, aber sie können unsere Sicht auf die Wirklichkeit und auf uns selbst auch verzerren. Daher tun Sie gut daran, wenn Sie Ihrer unmittelbaren Gefühls- und Gedankenwelt eine gewisse Vorsicht entgegenbringen und Ihren Verstand einschalten. Dazu gehört erstens, dass Sie versuchen, eine realistischere Sicht vom anderen wie von sich selbst und den eigenen Anteilen am Konflikt zu gewinnen. Denn im Schmerz der Kränkung neigen Menschen oft zu einseitigen Deutungen des Vorfalls, etwa: „Der andere ist das schwarze Schaf und ich bin das arme Unschuldslamm!“
Zweitens: Durch die innere Bestandsaufnahme gewinnen wir eine klarere Vorstellung von unseren – oft nur halb bewussten – Denkgewohnheiten und Überzeugungen. Etwa: „Ich wäre heute viel glücklicher, wenn mein Mann mich vor 13 Jahren nicht sitzen gelassen hätte!“ Oder: „Ich fühle mich von meiner Vergangenheit betrogen. Das Leben ist ein mieser Verräter!“
Ein wichtiger Schritt im Prozess der inneren Aussöhnung liegt – drittens – darin, anders denken zu lernen. Anders denken lernen bedeutet, dass ich lieb gewordene Meinungen über Bord werfe. Irrige Annahmen, die mich am eigentlich längst Vergangenen oder Schädlichen festhalten lassen. Anders denken lernen bedeutet aber auch, die rückwärtsgewandte Frage nach dem Warum („Warum hast du mir das angetan?“, oder: „Warum mutet das Leben mir das alles zu?“) zu verabschieden. Sind wir gekränkt, bewegen wir uns – auf lange Sicht gesehen – nur dann weiter, wenn wir einen Perspektivenwechsel vollziehen. Wenn wir nach vorne schauen und uns fragen: „Wozu fordert mich diese Situation persönlich heraus?“ Das Gehirn tatkräftig unterstützen
Rechnen Sie damit: All das bedeutet für Ihr Gehirn Schwerstarbeit! Manchmal legt es sich auch nahe, therapeutische Unterstützung zu suchen. Zugleich können Sie Ihr Gehirn in seinem Bemühen, die Seele zu entrümpeln, tatkräftig unterstützen.
In der nächsten Folge erläutert Melanie Wolfers, wie Sie inneren Halt finden.



