Psychologie
Zukunftsangst bei der jungen Generation
Ursachen wie Unsicherheiten durch globale Krisen und gesellschaftlichen Wandel führen gerade bei jungen Menschen zu Stress und Überforderung. Psychologin Anjeli Goldrian erklärt, warum diese Generation besonders betroffen ist, und gibt hilfreiche Strategien, um Ängste zu bewältigen und innere Ruhe zu finden.
Foto: © Ruwad Al Karem/Pixabay
„Wir hören ständig von zwei großen und schrecklichen Kriegen und wir haben die Corona-Krise hinter uns, die uns in eine völlig andere Situation katapultiert hat und wo erst jetzt vieles aufgearbeitet wird.“ Nur zwei Szenarios, die die Psychologin Anjeli Goldrian als Gründe für die Zukunftsangst vieler Menschen anführt. Der Klimawandel, der Rechtsruck in Deutschland, die Inflation sind weitere Probleme, die den Menschen Angst machen. Gerade junge Leute leiden unter Zukunftsangst, beispielsweise hat eine Studie ergeben, dass bei 68 % der 14- bis 29-jährigen Krieg die größte Zukunftsangst ist. Die Finanzkrise und die stark gestiegene Inflationsrate der vergangenen beiden Jahre lösen bei vielen auch Existenzängste aus: die Münchner Opernsängerin und Poetry Slamerin Felicia Brembeck (30) macht sich als freiberufliche Künstlerin erhebliche Sorgen um ihre Altersvorsorge.
Krisenmodus der Psyche
Warum gerade die junge Generation sich vor der Zukunft fürchtet, hat mehrere Gründe, erklärt Anjeli Goldrian, die Menschen in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum München und Freising berät: „Junge Leute sind stark medial unterwegs und mehr oder weniger immer online. Sie werden überflutet mit negativen Nachrichten. Da ist es kein Wunder, dass die Sicht der Welt negativ verzerrt wahrgenommen wird.“ Das kann sich auch hochschaukeln, und die Psyche ist dann ständig im Krisenmodus. Gründe für Zukunftsangst können aber auch die Herkunft aus einer ängstlichen Familie oder eine unsichere Lebenssituation sein. Die 20-jährige Studentin Laura aus München befindet sich in genau so einer Situation. Sie steht kurz vor den Prüfungen zum Bachelor. Ihr macht Angst, dass von ihr erwartet wird, danach im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und erfolgreich zu sein. Beunruhigt ist sie außerdem vom unsicheren weltpolitischen Klima.
Die junge Frau steht mit ihren Sorgen nicht allein da. Anjeli Goldrian führt das auch darauf zurück, dass ihre Altersgruppe in Berufsausbildung und Studium im Allgemeinen noch nicht die Erfahrung bei der Bewältigung von Krisensituationen wie die Eltern- und Großelterngeneration haben. Die Konfrontation mit Kriegen, Naturkatastrophen und Unglücksfällen in den Medien überfährt sie regelrecht. Verstärkend kommt dazu, dass diese Generation in eine Welt geboren wurde, die immer mehr an Fahrt aufnimmt, immer komplexer und verwirrender wird – eine Seite der Globalisierung, die vielen Menschen, jung wie alt, zu schaffen macht. Deshalb der Rat von Psychologin Anjeli Goldrian gerade an junge Menschen: den Medienkonsum bewusst gestalten oder auch reduzieren.
Tipps zur Stärkung der psychischen Resilienz
Wer sich seiner Zukunftsangst bewusst ist, sollte handeln: das Gespräch mit Freunden oder Verwandten kann eine erste Hilfe sein, auch der Kontakt zu Fachleuten hilft dabei, festzustellen, wie viel Reales an der eigenen Angst ist, also ein Realitätscheck. Psychologin Goldrian empfiehlt auch, sich nicht weiter negativen Schlagzeilen auszusetzen, sondern stattdessen einen Ausgleich zum Beispiel im Sport, im politischen Engagement oder im Hobby zu suchen. Der Blick über den eigenen Tellerrand kann auch helfen, die eigene Resilienz, die psychische Widerstandskraft, zu stärken. Wie gehen andere mit belastenden Situationen um, was kann ich mir „abschauen“? Und nicht zu vergessen ist die Aktivierung der eigenen Möglichkeiten, sich wieder zu erden. Manchmal sind das ganz schlichte Dinge, die aber einen großen Effekt haben: wie das „Zurückkehren zur Einfachheit“, wie Anjeli Goldrian das nennt. Also, im Hier und Jetzt leben, sich fragen, was im Augenblick getan werden soll und sich ganz auf eine Tätigkeit konzentrieren, ohne mediale Ablenkung: jetzt die Arbeit erledigen, dann zu Mittag essen, dann einen Freund besuchen.
Zukunftsangst verstehen und überwinden
Nicht nur weil sie im kirchlichen Dienst steht, integriert die Psychologin in ihre therapeutische Arbeit Achtsamkeitsübungen, Gebete und Meditation. Sie hat schon oft erlebt, wie sehr der Glaube vermag, Ängste zu reduzieren und Trost zu spenden. Aber auch für Nicht-Kirchgänger und Menschen, die dem Glauben nichts abgewinnen können, empfiehlt sie den Besuch einer Kapelle oder Kirche, um sich an diesem stillen Ort in Ruhe zu überlegen, was Halt gibt, was im Leben wichtig ist. Der Münchner Student Benedikt Breil gibt Anjeli Goldrian recht: er ist sich sicher, dass der Glaube dabei helfen kann, eine innere Sicherheit zu finden. Und die, sagt der 25-jährige, brauchen die Menschen, um mit Problemen wie Klimawandel oder Krieg umzugehen. Also: Zu sich kommen und Ruhe finden ist bei allen Methoden, die man gegen die Angst vor der Zukunft einsetzen kann, vielleicht die einfachste und wichtigste.
Episode vom 17.10. Kapitelmarke "Jugendliche über ihre Zukunftsängste" ab 00:18 min



