Krisen und Chancen
06.07.2026

Sterbende sind Lehrmeister

Elisabeth Kübler-Ross gilt als eine der Gründungsfiguren der weltweiten Hospiz- und Palliativbewegung. Thomas Sitte ist Hausarzt, Palliativmediziner und Mitgründer der Deutschen PalliativStiftung. Im Interview erzählt er, was er der vor genau 100 Jahren geborenen Kübler-Ross verdankt. Und wie es um Palliativversorgung und Hospizbewegung heutzutage bestellt ist.
    

Foto: © AdobeStock/inews77

Herr Sitte, vor 100 Jahren, am 8. Juli 1926, wurde die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross in Zürich geboren. Was verbindet einen Palliativmediziner von heute mit ihr?  

Sie war eine der wichtigsten Wegbereiterinnen der Palliativversorgung und der Hospizarbeit. Ich habe schon als junger Pfleger ihre Bücher verschlungen; sie war wichtig für meinen weiteren Berufsweg.  

Was war so wichtig an ihrem Werk?  

Sie ist berühmt für die Beschreibung des Modells der fünf Sterbephasen, die das Verhalten sterbenskranker Menschen besser verständlich machen sollen. Die Phasen reichen von Nicht-Wahrhaben-Wollen über Zorn, Verhandeln und Depressionen bis zur Zustimmung. Wichtig dabei ist, dass diese Phasen nicht zwangsläufig und nicht immer in dieser Reihenfolge auftreten. Menschen können Phasen überspringen, eine Phase nicht durchleben oder in eine Phase zurückfallen. Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. 
    

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Warum war dieses Modell trotzdem wichtig?  

Es kann mir als Arzt, Pflegekraft oder Angehörigem das Handwerkszeug geben, den Sterbenskranken besser zu verstehen. Übrigens verhalten sich auch viele Angehörige und Freunde am Sterbebett ähnlich.  

Wird das Modell von Kübler-Ross denn noch gelehrt?  

Ihre Beobachtungen sind weiter wichtig, aber der Ablauf spielt kaum noch eine Rolle. Viel wichtiger ist aber, dass die später in den USA lehrende Sterbeforscherin einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Sterbenden herbeigeführt hat. Vor Kübler-Ross hat man Sterbende aus den Zimmern der Krankenhäuser herausgeschoben; sie sind einsam im Bad gestorben. Ärzte waren angesichts des nahen Todes mut- und hilflos. Man hat davon gesprochen, dass ein Sterbender austherapiert sei …  

… Und heute?  

Kübler-Ross hat die Sterbenden als ihre Lehrmeister begriffen. Zwar bleibt die medizinische Behandlung weiter wichtig. Aber die Begleitung der Sterbenden hat stark an Bedeutung gewonnen. Kein Sterbender ist austherapiert. Es gibt viele Möglichkeiten, Leiden zu lindern, zuzuhören und das Sterben zu erleichtern. Und wenn es nur so ist, dass man am Bett des Sterbenden sitzt und die Situation aushält.  

Ist das Sterben damit leichter geworden?  

Jeder Mensch stirbt anders. Man kann sich zwar bemühen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Wie man dann aber in der konkreten Situation reagiert, kann man vorher kaum abschätzen. 


Thomas Sitte, Palliativmediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Thomas Sitte, Palliativmediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Foto: © Volker Hasenauer/KNA



Es gibt Studien darüber, wie Sterbende auf ihr Leben zurückschauen und was sie anders machen würden. Wie erleben Sie das?  

Ich schaue mit den Patienten nur sehr selten zurück. Es soll nicht darum gehen, was sie im Leben verpasst haben. Ich frage sie eher, was sie sich für die verbleibende Zeit noch wünschen. Und dann kommt oft, dass sie sich mit Angehörigen versöhnen oder die Enkel noch einmal sehen wollen. Ich habe schon erlebt, dass Eltern und Kinder sich nach 20 Jahren erstmals wieder am Sterbebett begegnen. Es gibt natürlich auch schreckliche Dinge: dass Versöhnung misslingt, beispielsweise.  

Palliativmedizin ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgebaut worden. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Gesundheitsreformen?  

Die Krankenhausreform ist eine verpasste Chance, die Begleitung von Sterbenden zu verbessern. Die für das Wohlbefinden auch von sterbenden Menschen so wichtige Schmerztherapie ist bislang nicht enthalten. Die Qualität der Arbeit der Palliativstationen und Palliativberatungsdienste droht zu verwässern, weil es keine klaren Vorgaben mehr für Qualifikation und Personalausstattung gibt. Die Finanzierung ist gefährdet. Es gibt auf der anderen Seite viel zu viele falsche finanzielle Anreize, um Patienten am Lebensende mit High-Tech-Medizin zu behandeln, obwohl es oft viel sinnvoller wäre, sie palliativ zu betreuen und ihnen noch möglichst viel Lebensqualität zu ermöglichen.  

Und wie sieht es mit der Sterbebegleitung in Alten- und Pflegeheimen aus?  

Ich möchte es noch erleben, dass sich die Versorgung in Alten- und Pflegeheimen deutlich verbessert. Die Pflegekräfte haben beispielsweise keine Hausapotheke, aus der sie Aspirin oder ein Antibiotikum nachts verabreichen könnten, oder auch keinen Blasenkatheter. Das müsste dringend gesetzlich geändert werden, damit die Bewohner besser versorgt werden.  

Wenn Sie auf die Sterbebegleitung in Deutschland blicken: Reicht die Zahl der Hospize und ambulanten Palliativ- und Hospizdienste aus?  

Kurz gesagt: Das Angebot kann die Nachfrage sehr gut bedienen. Das liegt daran, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass es gute Angebote der medizinischen und psychologischen Sterbebegleitung gibt. Viele Menschen wollen sich nicht mit ihrem Sterben befassen, leiden sehr und sehen dann im Suizid den schnellen Ausweg. Ich habe den Eindruck, dass die gesellschaftliche Nachfrage nach Förderung der Suizide gerade stark wächst. Die sogenannten Sterbehilfevereine verzeichnen einen Mitgliederboom und eine steigende Zahl an begleiteten Suiziden. Währenddessen dümpeln Hospizdienste und Hospize vor sich hin.  

Was wollen Sie dagegen tun?  

Wir müssen das Angebot der Hospize, Palliativversorgung und der Sterbe- und Trauerbegleitung bekannter machen. Wir geben beispielsweise vierteljährlich das Magazin „schöner leben ..." heraus, das sich mit allen Facetten des Lebens – besonders dem wertvollen Lebensabschnitt bis zum letzten Atemzug – befasst und kostenfrei bestellt oder als PDF heruntergeladen werden kann. Auch von Kirchen und Religionsgemeinschaften erhoffen wir uns mehr Unterstützung, um die Arbeit von Hospizen, ambulanten Palliativ- und Hospizdiensten und Sterbebegleitung bekannter zu machen. 
 
Christoph Arens

KNA
Artikel von KNA
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