Persönlichkeitsentwicklung
17.07.2026

Vom Segen, die eigenen Narben zu vergolden

Was geschieht, wenn wir unsere Wunden nicht länger als Makel betrachten? Juliane 
Klüß erzählt, wie aus Scham Selbstannahme wurde und warum ihre Narben heute für 
sie nicht mehr nur Schmerz, sondern auch Leben bedeuten.
    

Juliane Klüß Juliane Klüß Foto: © Juliane Klüß

Es gibt Begegnungen, die wirken nach – so wie die mit Juliane Klüß. Ich habe Juliane für die ZDFSendung „die letzte Bank“ interviewt. Berührt von ihrer Ausstrahlung und Geschichte wusste ich: Dieses Gespräch will ich im Podcast GANZ SCHÖN MUTIG weiterführen. Denn Juliane Klüß, die als Fotografin mit ihrer Familie an der Ostsee lebt, bringt eine Geschichte mit, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.

Der Tag, an dem das Leben explodierte

Ein kühler Junitag im Jahr 2000. Juliane, 16 Jahre alt, wollte den alten gusseisernen DDR-Ofen anheizen, weil ihr kalt war. Sie wusste nichts vom verschlossenen Sicherheitsventil. Der Ofen explodierte, Metallsplitter flogen durch die Luft und kochendes Wasser schoss hervor.

„Das ganze Ding hat sich in alle Einzelteile zersplittert und ich habe das heiße Wasser abbekommen“, erinnert sich Juliane.


Als sie schreiend aus dem Haus rannte, sah sie ihre freigelegte Kniescheibe und spürte jede einzelne Faser ihres Wollpullovers auf ihrem rohem Fleisch. Mit ihren Verbrennungen dritten Grades, die fast ihren gesamten Oberkörper und ihre Arme betrafen, wurde sie erst einmal ins künstliche Koma gelegt. Die Zeit nach dem Aufwachen beschreibt sie als „Hölle“. Und sie erzählt, dass sie damals lieber beim Unfall gestorben wäre als all das ertragen zu müssen.
    

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Der Weg aus der Scham zurück ins Leben

Doch Juliane überlebte. Aus dem Krankenhaus entlassen, ging die 16-Jährige stundenlang am Ostseestrand spazieren, führte Selbstgespräche und kam zu dem Entschluss: „Ich will meine Narben nicht verstecken, sondern so viel Normalität herstellen wie möglich!“ – Was für eine innere Stärke und Mut gerade im Teenageralter, wo schon ein Pickel im Gesicht einen unglücklich machen kann ...
Scham zieht ihre Macht aus der Geheimhaltung: Je mehr wir unsere „Makel“, unsere seelischen oder körperlichen Wunden verstecken, desto mächtiger wird sie. Juliane durchbrach diesen Teufelskreis, zeigte sich und trug, wie jede andere junge Frau, wieder Bikinis. Wurde sie von Menschen angestarrt, spiegelte sie das Starren trotzig zurück, doch im Laufe der Zeit wurde sie gegenüber anderen milder.
Juliane lernte, mit den sichtbaren Narben zu leben und baute sich ein „normales Leben“ auf: Abitur, Studium der Chemieingenieurtechnik, Hochzeit, Kinder, der Schritt in die Selbstständigkeit als Fotografin. Doch die traumatische Erfahrung und den Schmerz über ihren versehrten Körper trug sie nach wie vor in sich. Eine tiefe Traurigkeit und eine Härte gegen sich selbst hausten in ihrem Innern.

Wenn die Seele nachreift: Die Heilung der eigenen Geschichte

Die entscheidende Wende kam bei einem Fotoshooting. Ihre Freundin Stefanie Blochwitz, eine Fotografin aus der Schweiz, schlug Juliane vor: „Wie wär’s, wenn du deine Narben mit Goldstaub bemalst und ich dich fotografiere?“ Dieser Satz traf sie wie ein Blitz – und sie reiste zu ihrer Freundin in die Schweiz.
Juliane erzählt, wie sie ihren Oberkörper mit Creme vorbereitet und die Linien ihrer Verbrennungsnarben wie auf einer Landkarte nachzieht. Während sie Pinselstrich für Pinselstrich ihre Narben mit Gold berührt, kommt alles gleichzeitig hoch: eine tiefe Dankbarkeit für das geschenkte Leben, die Trauer über den Verlust ihrer Unversehrtheit und bislang tief vergrabene Emotionen beginnen auf einmal zu fließen. Und sie erlebt: „Also jetzt ist es plötzlich… es ist gar nicht mehr so hässlich.“
Juliane erfährt durch dieses Ritual eine tiefgehende Heilung: Sie kann sich und ihre Geschichte in einer neuen Weise annehmen, wird weicher im Umgang mit sich selbst und ihre Beziehungen gewinnen an Nähe.

Kintsugi und die Wunden des Auferstandenen

Wir alle tragen Narben – manche sichtbar auf der Haut, andere verborgen in der Seele. Heilung geschieht nicht, wenn wir auf Dauer unsere Wunden verbergen. Sie wächst, wenn wir uns ihnen zuwenden und das Gebrochene ein Teil unseres Lebens sein darf. Wenn wir eine neue, versöhnte Beziehung zu den Brüchen der eigenen Biografie finden.
Die japanische Kintsugi-Kunst macht das sichtbar: Kintsugi ist eine traditionelle japanische Handwerkskunst, bei der zerbrochene Keramik nicht weggeworfen, sondern mit einem Goldlack geklebt wird. Die Bruchstellen werden nicht versteckt; sie werden mit Gold gefügt. Und so gewinnt das Gefäß an Kostbarkeit: Aus dem Riss leuchtet das Licht.

In der christlichen Bildwelt leuchten die Wunden des Auferstandenen.


Das Johannesevangelium erzählt, dass sich die Jünger, geschockt vom gewaltsamen Tod Jesu, vor Angst eingeschlossen hatten. Der vom Tod Auferstandene aber findet trotz der verrammelten Türen einen Zugang in ihre Mitte und sagt: „Friede sei mit euch!“ Dann zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite und wünscht ihnen erneut Frieden (vgl. Johannes 20, 19-21). Jesus kann seine Wunden und Verletzungen zeigen und zugleich ein Wort der Versöhnung sagen. Er macht seinen Jüngern, die durch Feigheit und Verrat an seinem Todesschicksal nicht ganz unbeteiligt gewesen sind, keine Vorhaltungen, sondern wünscht ihnen Frieden.

Für mich persönlich ist das ein wunderbares Bild für Auferstehung mitten im Leben: Frieden schließen mit erlittenen Wunden, mit eigenen Grenzen, und auch mit eigener Schuld. 

Mit der Kamera Heilung sichtbar machen

Heute gibt Juliane Klüß diese heilsame Ritual in ihrem Rostocker Studio an andere Menschen weiter. Bei ihrem zwei- bis dreistündigen Goldene Narben-Shootings bemalen Menschen ihre Narben mit goldener Farbe – Strich für Strich. Sie hält die Momente mit der Kamera fest. Was dabei passiert, geht weit über Fotografieren hinaus. Es ist der Moment, in dem jemand erkennst: „Ich bin nicht das, was mir passiert ist – ich bin so viel mehr.“

Juliane Klüß und Melanie Wolfers Juliane Klüß und Melanie Wolfers Foto: © privat
Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.