Parasoziale Beziehungen: Warum digitale Nähe echte Begegnungen nicht ersetzt
Parasoziale Beziehungen zu Influencern, Podcasterinnen und KI-Chatbots gewinnen zunehmend an Bedeutung. Warum fühlen sich diese digitalen Beziehungen oft so echt an, welche Chancen und Risiken bergen sie – und warum können sie menschliche Begegnungen nicht ersetzen? Psychologin Anke Heublein erklärt die psychologischen Hintergründe.
Foto: © MUNTHITA – stock.adobe.com
Beziehungen zu Influencern, Podcasterinnen, Medienfiguren oder sogar zu Künstlicher Intelligenz gehören längst zum Alltag vieler Menschen. In der Psychologie werden solche Bindungen als „parasoziale Beziehungen“ bezeichnet – einseitige emotionale Beziehungen zu Personen oder digitalen Gegenübern, die einen selbst gar nicht kennen.
Warum sich diese Beziehungen oft so echt anfühlen, erklärt Psychologin Anke Heublein von der Erdinger Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Erzdiözese München und Freising mit einem Blick auf die Funktionsweise unseres Gehirns: „Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, zwischen medial vermittelter Nähe und echter menschlicher Nähe zu unterscheiden.“ Wiederkehrende Stimmen, vertraute Gesichter und regelmäßige Kontakte würden ähnliche Bindungs- und Resonanzsysteme aktivieren wie persönliche Begegnungen, so Heublein.
Wenn Influencer zu vertrauten Begleitern werden
Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube leben von persönlicher Ansprache und Einblicken in den Alltag. Nutzerinnen und Nutzer begleiten Influencer beim Frühstück, im Urlaub oder durch persönliche Krisen. Dadurch entsteht leicht das Gefühl, die betreffende Person wirklich zu kennen. Gerade weil Inhalte aus dem privaten Umfeld gezeigt werden, fühle man sich als Teil des Lebens der anderen Person. Diese Nähe bleibt jedoch einseitig. „Es entsteht die Illusion von Nähe“, sagt Heublein.
[inne]halten - das Magazin 14/2026
Seit 1901 am Puls der Zeit
Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Chancen und Risiken parasozialer Beziehungen
Chancen sieht die Psychologin dennoch: Wissen sei leichter zugänglich als früher, digitale Angebote könnten inspirieren und in schwierigen Lebenssituationen kurzfristig Unterstützung bieten. Gleichzeitig bestehe jedoch die Gefahr der Idealisierung. Vor allem Jugendliche orientierten sich häufig an Vorbildern aus sozialen Netzwerken und könnten deren Lebensstil, Schönheitsideale oder Einstellungen unkritisch übernehmen, warnt Heublein.
KI-Chatbots als neue Beziehungspartner
Mit KI-Chatbots entsteht eine neue Form parasozialer Beziehung. Anders als Influencer reagieren sie direkt auf Fragen, sind jederzeit verfügbar und wirken oft erstaunlich empathisch. „Dann fühlen wir uns verstanden, gesehen und ernst genommen“, beschreibt Heublein die psychologische Wirkung. Genau deshalb könnten KI-Systeme kurzfristig entlasten – etwa in Krisensituationen oder Momenten der Einsamkeit.
Warum Gegenseitigkeit für
Beziehungen unverzichtbar ist
Gleichzeitig sieht sie Risiken. KI sei geduldig, widerspreche selten und habe keine eigenen Bedürfnisse. „Das ist sehr bequem“, sagt die Psychologin. Reale Beziehungen dagegen verlangten Kompromisse, Aushandlung und die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen.
Wer sich dauerhaft an reibungslose und kontrollierbare Interaktionen gewöhne, könne Schwierigkeiten bekommen, die Komplexität echter Beziehungen auszuhalten. „Eine Beziehung bedeutet, einem Gegenüber zu begegnen, das eigene Bedürfnisse hat und nicht vollständig kalkulierbar ist.“
Parasoziale Beziehungen betreffen alle Altersgruppen. Jugendliche suchen Orientierung und Zugehörigkeit, Erwachsene nutzen digitale Angebote zur Information oder Unterstützung, ältere Menschen greifen mitunter aus Einsamkeit auf digitale Gesprächspartner zurück.
Gerade für alleinlebende Menschen könne eine KI kurzfristig hilfreich sein, betont Heublein, allerdings immer mit dem Bewusstsein, dass sie kein Ersatz ist für reale Beziehungen seien, sondern lediglich eine Ergänzung.
Das menschliche Bedürfnis nach Nähe
Denn trotz aller technologischen Entwicklungen bleibt etwas bestehen, das digitale Systeme nicht leisten können: echte menschliche Begegnung. „Eine KI kann keine körperliche Nähe geben, sie kann niemanden in den Arm nehmen und keine echte emotionale Gegenseitigkeit herstellen“, sagt Heublein.
Ihr Fazit fällt daher klar aus: Parasoziale Beziehungen und KI können unterstützen, inspirieren und entlasten. Doch sie ersetzen nicht das, was Menschen für ein erfülltes Leben brauchen: echte Begegnungen.



