Persönlichkeitsentwicklung
26.06.2026

Ildikó von Kürthy: Warum sie ihren „Drachen der Angst“ nicht mehr bekämpft 

Ildikó von Kürthy kennt die Angst gut. Im Gespräch über ihr Buch „Alt genug“ und im Podcast „GANZ SCHÖN MUTIG“ spricht die Bestsellerautorin über Panikattacken, Leistungsdruck und den Wandel im Umgang mit Angst. Statt diese zu bekämpfen, lernt sie, diese anzunehmen.  
    

Ildikó von Kürthy. Ildikó von Kürthy. Foto: © copyright: IMAGO / Future Image

„Wenn die Angst niemals weggeht, kann man sie genauso gut mitnehmen und ihr die Welt zeigen.“ Als Ildikó von Kürthy dieses Zitat am Abend vor ihrem Flug nach New York im Theater hört, atmet sie befreit auf. Der Satz von Mariana Leki habe sie beflügelt, denn er besage zugleich: Die Angst sei nicht totzukriegen. Und genau darin, so erzählt die vielfache Bestsellerautorin im Podcast „GANZ SCHÖN MUTIG“, liege für sie eine befreiende Einsicht.

Wenn Angst als Schwäche gilt 

„Angst ist dafür da, dass sie überwunden wird.“ Mit diesem fordernden Satz ihres Vaters ist Ildikó von Kindesbeinen an aufgewachsen. Er flüstert ihr ein, dass Angst ein Makel sei, ein Zeichen von Schwäche. Doch das ist ein fataler Irrtum, der einen oft nur noch tiefer in die Spirale aus Panik und Selbstverurteilung treibt. Denn Angst lässt sich nicht einfach wegsperren oder totschlagen. Im Gegenteil: Sie klopft dann nur umso lauter an die Tür. Offen gesteht Ildikó von Kürthy: „Ich kenne genug Panikattacken, die mich überwältigt haben – und zwar bis heute, wo dann ganz klar ist, wer die Herrin im Haus ist: nämlich die Angst.“ 

Im Podcastgespräch über ihr aktuelles Buch „Altgenug“ erzählt Ildikó von Kürthy, wie sie mit dem familiären und gesellschaftlichen Leistungsdruck gebrochen hat, Angst beherrschen und überwinden zu müssen. Und sie berichtet, wie sie auf diesem bleibend herausforderndem Weg mehr und mehr bei sich selbst ankommt; ein verlässliches Zuhause für sich selbst wird. Ein Ort, an dem immer ein Licht brennt; an dem sie willkommen und geschätzt wird auch mit den eigenen Ängsten, Brüchen und Unvollkommenheiten. 

Wie man der Angst einen Platz im Leben gibt 

In der christlichen Kunst gibt es für den Umgang mit der Angst (oder mit anderen dunklen Gefühlen) zwei faszinierende Bilder. Da ist auf der einen Seite der heilige Georg, der Drachentöter. Mit erhobener Lanze ersticht er das Ungeheuer. Das ist der kämpferische Weg, doch dieser greift im Alltag oft zu kurz. Auf der anderen Seite steht eine weitgehend unbekannte Heilige: Margareta von Antiochia. Auch sie begegnet dem Drachen – doch sie ersticht ihn nicht. In den alten Darstellungen führt sie den Drachen an einer ganz dünnen Schnur wie ein Haustier spazieren oder trägt ihn sanft auf dem Arm. Sie nimmt das Ungeheuer mit und zeigt ihm die Welt. Sie gibt dem Drachen einen Platz, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen. 

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Darin liegt eine tiefe menschliche und spirituelle Weisheit. Wir müssen unsere Dämonen nicht vernichten, um frei(er) zu sein. Wir dürfen unseren Schatten als einen Teil unserer Realität annehmen und können der Angst sagen: „Ja, du bist da. Du gehörst zu mir. Aber die Herrin im Haus, die bleibe ich. Oder ich werde sie immer wieder neu.“ Wenn wir der Angst ihren Platz zugestehen, ohne uns von ihr beherrschen zu lassen, bekommt das ganze Leben plötzlich mehr Raum. Es wird weiter, atmet auf.

Mut ist Angst, die gebetet hat 

Doch: Ist meine Angst nicht ein Hindernis auf dem Weg zu Gott?! Ist sie nicht ein Zeichen dafür, dass ich zu wenig glaube und vertraue?! – Nein, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis! Dies zeigt schon ein Blick in die Bibel: Die Psalmen, das wichtigste biblische Gebetbuch, sind gewoben aus Klagerufen und angst­vollem Schreien zu Gott – wie auch aus Jubelliedern und dankbarem Ver­trauen. Glaube und Angst schließen einander nicht aus! Auch Jesus hat dieses erfahren. Als er ahnt, dass ihm ein gewaltsames Ende droht, packt ihn die Angst. Er schreit zu Gott. Er nimmt seine Angst ins Gebet, lässt sie zu, spricht sie aus. Durch all das wird Jesus nicht von seiner Angst befreit. Wohl aber, so erzählt das Lukas-Evan­gelium, wird er fähig, mit und trotz seiner Angst seinen Weg weiterzugehen (vgl. Lukas 22,39–46). Er bleibt sich und seinem Gott treu. 

Es gibt keinen spirituellen Abkürzungsweg an dunklen, schwierigen Gefühlen vorbei. Wohl aber kann sich im Beten das leise Ahnen einstellen, nicht allein zu sein. „Mut ist Angst, die gebetet hat“, formuliert Corrie ten Boom, eine niederländische Widerstandskämpferin im Dritten Reich. 

Alt genug, um sich selbst anzunehmen  

Ildikó von Kürthy war mit ihrem neuen SPIEGEL-Bestseller Alt genug in meinem Podcast GANZ SCHÖN MUTIG zu Gast. Neben der Angst geht es um den vielleicht wichtigsten Weg überhaupt: den Heimweg zu sich selbst. „Dorthin, wo ich für mich selber ein guter Ort bin; wo ich willkommen bin und geschätzt werde.“ Es geht ums Älterwerden. Ehrlich, ungeschönt und humorvoll spricht Ildikó von Kürthy über Selbstzweifel, Exzesse und Befreiungsmomenten, über äußere Erwartungen und wachsende innere Freiheit. Und sie erzählt davon, wie sie am Tag nach der Theateraufführung in Oldenburg trotz massiver Höhen- und Flugangst ins Flugzeug steigt – nicht, weil die Angst plötzlich verschwunden ist, sondern weil sie ihr die Welt zeigen will.  


Kürthy, Ildikó von Alt genug
Ullstein HC, 2026
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Melanie Wolfers
Artikel von Melanie Wolfers
Philosophin, Theologin und Mutmacherin
Melanie Wolfers gehört zur internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen, ist Bestseller-Autorin, betreibt den Podcast GANZ SCHÖN MUTIG. Sie ist freie Mitarbeiterin beim Michaelsbund und stellt als Host der ZDF-Serie "Die letzte Bank" Fragen an das Leben.