Persönlichkeitsentwicklung
19.06.2026

Warum Yoga der Seele guttut 

Viel mehr als nur Bewegung: Wie Yoga zu innerer Ruhe und Wohlbefinden beiträgt.
    

Menschen bei einer Yogastunde unter Anleitung einer Yogalehrerin in der Apostelkirche in Hamburg. Menschen bei einer Yogastunde unter Anleitung einer Yogalehrerin in der Apostelkirche in Hamburg. Foto: © Michael Althaus/KNA

Die Augen sind geschlossen. Im Raum ist es still geworden. Leise ist ein Atemzug zu erahnen, dann noch einer. Einige Menschen liegen auf Matten, gestützt von Kissen und Decken. Niemand muss etwas leisten, niemand irgendwo ankommen. Für einen Moment scheint die Welt stehenzubleiben.  

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Yoga heute so viele Menschen anzieht. Während Yoga lange vor allem mit Beweglichkeit, Fitness oder Entspannung verbunden wurde, rückt zunehmend eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was macht die Praxis eigentlich mit der menschlichen Psyche?  

Die psychologische Psychotherapeutin und Yogatherapeutin Elisa Holderied erlebt in ihrer Arbeit, so berichtet sie, wie stark Körper und seelisches Erleben miteinander verbunden sind. Aus ihrer Sicht wird Yoga im Westen häufig auf Körperübungen reduziert. Tatsächlich gehe es aber um weit mehr: Das eigentliche Ziel sei, dass der Geist zur Ruhe komme und Menschen wieder in Verbindung mit sich selbst treten.

Der Körper als Zugang zur Seele 

Dass dieser Zugang oft über Bewegung gelingt, überrascht viele Menschen zunächst. Für Holderied ist das jedoch logisch: In westlichen Gesellschaften würden Körper und Geist häufig getrennt betrachtet. Tatsächlich sei das Gehirn selbst Teil des Körpers und ständig mit Informationen aus Muskeln, Organen und Nervensystem beschäftigt.  

Wer den Körper bewusst wahrnehme, bekomme deshalb oft auch leichter Zugang zu seinem psychischen Zustand. „Wenn wir uns wieder dem Körper zuwenden und überhaupt wahrnehmen, wie es uns geht, dann merken wir oft auch besser, wie unser psychischer Zustand gerade ist“, sagt die Expertin. 
    

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Positive Effekte von Yoga nachgewiesen

Die Forschung bestätigt, dass Yoga nicht nur subjektiv als wohltuend erlebt wird. Mehrere internationale Übersichtsarbeiten der vergangenen Jahre kommen zu dem Ergebnis, dass regelmäßige Yoga-Praxis Stress reduzieren sowie depressive Symptome und Angsterleben lindern kann.  

Untersuchungen zum autonomen Nervensystem zeigen zudem, dass Atemübungen und meditative Elemente die Aktivität des Parasympathikus fördern können – jenes Teils des Nervensystems, der für Regeneration, Erholung und innere Ruhe zuständig ist. Auch Holderied beobachtet das in ihrer Praxis: Wenn Menschen wieder lernen, ihren Körper wahrzunehmen, verändert sich häufig ihr psychisches Erleben. 

Eine Gesellschaft im „Kopfmodus“

Warum vielen Menschen dieser Zugang heute schwerfällt, hat nach Ansicht der Therapeutin viel mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Menschen arbeiten zunehmend sitzend, verbringen viel Zeit vor Bildschirmen und sind permanent von Informationen umgeben. Freie Momente werden häufig sofort mit Nachrichten, sozialen Medien oder anderen digitalen Reizen gefüllt. „Wir sitzen kaum noch einfach in der Bahn und schauen aus dem Fenster“, sagt die Psychotherapeutin.  

Die Folge: Die Aufmerksamkeit richte sich immer stärker nach außen, während die Wahrnehmung für den eigenen Körper verloren gehe. Auch das Erleben von Einsamkeit nehme zu, obwohl Menschen über digitale Netzwerke ständig miteinander verbunden seien. Für Holderied ist das kein Widerspruch: Verbindung entstehe nicht allein durch Kommunikation, erklärt sie, sondern durch Präsenz und Wahrnehmung. 

Das Nervensystem als Schlüssel

Eine besondere Rolle spielt dabei die Atmung. Sie sei das einzige Werkzeug, mit dem Menschen bewusst Einfluss auf ihr autonomes Nervensystem nehmen könnten, erklärt die Yogatherapeutin.  

Eine verlängerte Ausatmung aktiviere den Parasympathikus, jenen Teil des Nervensystems, der für Erholung und Regeneration zuständig ist. Schnellere oder aktivierende Atemtechniken könnten dagegen Energie mobilisieren. „Viele Menschen sind heute dauerhaft im Modus des Vorwärtsgehens“, sagt die Therapeutin. Das bewusste Ausatmen und Innehalten müssten sie oft erst wieder lernen.  

Wie wertvoll solche Räume sein können, erlebt auch Yogalehrerin Jessica Megow seit Jahren. Besonders Yin Yoga hat für sie an Bedeutung gewonnen: Anders als dynamische Yogastile setzt diese ruhige Praxis auf lang gehaltene Positionen, meist im Sitzen oder Liegen. Es gehe weniger um Leistung als um Wahrnehmung. „Viele Menschen merken dabei erstmals, wie angespannt sie eigentlich die ganze Zeit sind – körperlich, emotional und mental“, sagt Megow. Nicht selten würden Menschen dann erstmals bei sich selbst ankommen.

Verbindung mit sich selbst finden

Für Holderied ist Verbindung statt Perfektion die eigentliche Stärke des Yoga. Nicht die optimale Haltung, nicht besondere Beweglichkeit und auch nicht sportliche Leistung stünden im Mittelpunkt. Der weit verbreitete Irrtum, man müsse für Yoga besonders beweglich sein, halte viele Menschen unnötig davon ab, überhaupt damit anzufangen.  

Entscheidend sei etwas anderes – in einer Zeit permanenter Ablenkung die wertvollste Übung überhaupt: „Die eigentliche Stärke von Yoga ist, diese Aufmerksamkeit wieder nach innen zu richten“, sagt Holderied. „Und genau das haben wir in unserer Gesellschaft ein Stück weit verlernt.“  

Sabine Schüller

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Artikel von KNA
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