Leidensfähigkeit ist kein Wettkampf
Pater Benedikt Eble ist mit seinen 25 Jahren Bayerns jüngster Priester – und Passionist in München-Pasing. Ein zentrales Thema im Leben des Ordensmannes ist der Umgang mit menschlichem Leid. Ein Gespräch über die Spiritualität des Leidens mit Gott.
Pater Benedikt Eble. Foto: © SMB/Bauer
Pater Benedikt, das Leiden Jesu Christi ist der Dreh- und Angelpunkt der Spiritualität der Passionisten. Wieso gerade das Leiden?
Pater Benedikt Eble: Wir Passionisten sind zutiefst davon überzeugt, dass im Leiden Jesu Christi die Größe der Liebe Gottes für uns sichtbar wird. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nach verkehrter Welt, aber ich glaube, wenn man genauer darauf schaut, dann führt es uns in eine ganz tiefe Begegnung mit Gott. Wir sehen, dass Gott in Jesus Christus auf die Erde kommt, um uns zu erlösen, uns zu zeigen, wie ein gutes Leben geht, wie ein gottgefälliges Leben geht, und das macht er nicht einfach von oben herab, so dass er sich dabei nicht anstrengen müsste, sondern er wird wirklich Mensch.
Das heißt: Er teilt mit uns unsere Schwierigkeiten, unsere Krankheiten, unsere Leiden, unseren Schmerz. Wir wissen aus der Bibel, dass Jesus auch geweint hat, und er nimmt da wirklich alles mit, alles Menschliche, das ganze Leiden, weil er es ernst meint mit uns, weil er die Liebe ernst meint und in diesem Leiden, in diesem Kreuz Jesu Christi steckt der oberste Liebesbeweis Gottes an uns. Diese Liebe ist so mächtig, dass sie uns zum ewigen Leben, zum Leben in Fülle führt. Und das ist das Wunderbare am Leiden Jesu Christi, das wir als Passionisten besonders verehren dürfen.
Ist der Lebensweg eines Passionisten dann auch immer ein Leidensweg?
Eble: Leiden kommen ja nicht bewusst oder nicht gewollt. Das heißt, wir gehen jetzt nicht bewusst einen Leidensweg und suchen uns irgendwelche Leiden aus. Ich bin davon überzeugt, dass die Leiden kommen. Und manche Leiden können wir verhindern, das ist gut. Viele Leiden können wir aber nicht verhindern und ich glaube, gerade dann ist es wichtig so zu leben, dass ich sage, okay, ich sehe, dieses Leiden ist jetzt unabwendbar, das möchte oder muss getragen werden. Herr Jesus Christus, das trage ich jetzt mit dir zusammen. Dann wird der Alltag zu einem erlösten Leidensweg, weil ich versuche, die Leiden mit Jesus zusammenzutragen, und auf diese Weise mich wirklich mit ihm zu verbinden.
Sind sie damit als Passionist leidensfähiger als andere Christen?
Eble: Ich will mich davor hüten zu sagen, dass wir Passionisten besser oder erlöster leiden können als andere, weil es bewundernswerte Menschen gibt, die nicht Passionisten sind und ihr Leiden absolut vorbildlich tragen. Deswegen glaube ich, sind wir nicht automatisch die besseren Leidensüberwinder. Aber ich denke, wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, mit Jesus Christus zusammen Seite an Seite zu leiden und auch zur Auferstehung zu gelangen, dass dann schon die Gnade vom Herrn kommt, dass er uns dann führt. Er nimmt uns dabei auch ernst.
Und doch ist es so, dass auch gläubige Menschen oft Zweifel an der Existenz Gottes haben, wenn ein persönliches Leiden kommt. Dann stellt sich die große Frage: wieso lässt Gott das zu? Was würden Sie den Betroffenen antworten?
Eble: Die Leidensfrage ist vielleicht die fundamentalste Frage für uns Menschen überhaupt. Und auch die Frage, an der sich viele von Gott verabschieden. Ich glaube, dass wir keine Lehrsätze haben, die wir da als Patentrezept nennen können. Was mir hilft, wenn ich kleinere Leiden zu tragen habe, ist der Blick auf Menschen, die schon vor mir gelitten haben. Heiligen zum Beispiel, die ein unfassbares Leiden durchgemacht, sich aber dafür entschieden haben, es zusammen mit Gott durchzustehen. Das ist eine großartige Inspiration für mich, und ich denke mir: okay, ich möchte auch mein Leiden zusammen mit Gott durchmachen. C.S. Lewis, der anglikanische Theologe, hat einmal einen ziemlich flapsigen Satz gesagt: „Wir können mit Gott leiden oder wir können ohne Gott leiden“. Wenn das die Entscheidung ist, dann würde ich gerne lieber mit Gott leiden.
Der Passionisten-Orden
Die Kongregation vom Leiden Jesu Christi, kurz Passionisten, wurde 1720 vom heiligen Paul vom Kreuz gegründet. Sie besteht aus Priestern und Laienbrüdern und verehrt besonders das Leiden Christi. Neben den drei Evangelischen Räten Armut, Keuschheit und Gehorsam legen die Mitglieder ein viertes Gelübde ab: die Verehrung des Leidens Jesu zu fördern. Ihr Ordenskleid ist schwarz mit Passionszeichen, Rosenkranz und Ledergürtel.
Die Passionisten wollen mithelfen, die Ursachen menschlichen Leidens zu überwinden. Wie gehen Sie dabei vor?
Eble: Wichtig in unserer passionistischen Spiritualität ist es, die Unterscheidung zu treffen zwischen Leiden, das abwendbar ist und unabwendbarem Leiden. Das heißt, wenn wir uns durchs Leiden enger mit Gott verbinden wollen, dann ist der erste Schritt natürlich zu schauen, ob es möglich ist, das Leiden abzuwenden. Da geht es nicht darum, sich mehr oder weniger aus Spaß in das Leiden hineinzubegeben, auch wenn es abwendbar wäre. Diesen Schritt müssen wir auf jeden Fall gehen, schauen, ob ein bestimmtes menschliches Leiden abstellbar ist. Hier ist bei körperlichen Leiden die Medizin gefragt. Also, dass man auf jeden Fall in Behandlung geht, auch bei einem psychischen Leiden, das ist völlig klar.
Ich glaube aber, dass wenn zum Beispiel die endgültige Diagnose gestellt ist, unheilbar krank zu sein, dass es dann sinnvoll ist - und das wünsche ich mir auch für mein Leben, falls ich einmal an so einen Punkt komme - zu sagen: okay Gott, ich habe jetzt alles versucht, aber ich komme hier mit meiner menschlichen Weisheit irgendwie nicht weiter. Bitte hilf mir und sei bei mir. Vielleicht schenkt er Heilung, vielleicht auch nicht, aber ich will versuchen, mit Gott zusammen dieses Leiden zu tragen. Aber der erste Schritt ist immer zu prüfen, ob es sich um unabwendbares oder abwendbares Leiden handelt.
Auf welcher Stufe würden Sie sich selbst gerade sehen, wenn Sie an Ihre persönliche Leidensfähigkeit denken?
Eble: Das Leben hier auf der Erde ist natürlich ein Prozess. Wir schreiten voran, machen vielleicht auch Schritte zurück. Wir sind auf einem Weg. Ich weiß nicht, auf welchem Level ich zurzeit bin. Ich habe immer das Gefühl, dass ich noch nicht so weit bin, wie ich es gerne sein würde. Aber die Leidensfähigkeit ist schließlich kein Wettkampf. Da hat jeder sein Tempo mit Gott.
Solange wir hier auf Erden sind, wird es Leiden geben. Und wird es auch Zweifel geben in der Glaubensbiografie. Gerade wenn schweres Leid auf einen persönlich zukommt, wo man sich vielleicht denkt: Wieso jetzt ich? Wieso nicht andere? Aber ich glaube, und das ist meine Überzeugung, dass im Endeffekt Gott uns vor allem dann hilft, wenn wir geduldig mit uns sind. Ich glaube, dass es manchmal daran scheitert, dass wir uns selbst nicht genug Zeit geben, Leid in einem längeren Prozess zu bewältigen. Gott aber hat alle Zeit der Welt! Wenn wir unsere Ungeduld überwinden, dann glaube ich, dass wir zusammen mit Gott gut leiden können.



