Zukunft
08.10.2024

„Wir sind Schöpfung“ – ist so Frieden möglich?

Eine Fotoausstellung von Hans-Günther Kaufmann nimmt die gemeinsame Schöpfungsspiritualität in den Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam in den Blick. Das betrifft weit mehr als „nur“ die Bewahrung der Natur und führt zur Frage, ob über den Umweltschutz auch ein Weg zum Frieden offen wird.

Ein Anblick, der an Abrahams Zeiten erinnert: nomadische Szenerie im Orient. Ein Anblick, der an Abrahams Zeiten erinnert: nomadische Szenerie im Orient. Foto: © Hans-Günther Kaufmann

Es ist ein Anblick, der an Abrahams Zeiten erinnert: ein großer, kahl aussehender Baum, rundherum einige saftig grüne Gehölze. Einige schwarze und weiße Ziegen spazieren herum. Und im Hintergrund erhebt sich ein gewaltiges, karges Gebirgsmassiv. Eine Szenerie, wie sie in den Ländern des Nahen und Mittleren Orients vielerorts anzutreffen ist – damals wie heute. Wenn man sich Menschen in dieser Landschaft vorstellen möchte, könnte man an Nomaden wie Abraham denken, an einen oft schwierigen Existenzkampf inmitten einer wilden Natur, an ein Leben, in dem das eigene Vieh oder die nächstgelegene Quelle unschätzbar viel wert sind. 

Der bekannte und international renommierte Fotograf Hans-Günther Kaufmann hat dieses Bild aufgenommen, und es ist aktuell in der Fotoausstellung „Wir sind Schöpfung“ in München zu bewundern. Wie Kaufmann bei der Eröffnung gegenüber innehalten.de erklärt, geht es ihm bei diesem wie auch bei weiteren Aufnahmen aber weniger um schöne Landschaftsfotografie oder ethnologische Fragestellungen, sondern darum, „das Göttliche in der Natur“ zu erkennen. Göttlich in einem Sinne, der für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen verständlich und zugänglich ist, denn alle drei Weltreligionen teilten die Schöpfung als gemeinsames Erbe und deren Bewahrung als gemeinsame Verpflichtung.

Die Grenzen der Religionen überschreiten

Für einen verbindenden Ansatz zwischen den monotheistischen Religionen macht sich auch Armin Laschet, ehemaliger Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, stark. Vor zwei Jahren gründete er das Abrahams Accords Institute mit dem Kernanliegen der arabisch-israelischen Aussöhnung und beauftragte Kaufmann mit der fotografischen Umsetzung des Mottos „Wir sind Schöpfung“, das der Ausstellung zugrunde liegt. Es geht um ein Bewusstsein, das die Grenzen der Religionen überschreitet und den Weg zu Dialog und Aussöhnung ebnet.  

„Wir atmen alle die gleiche Luft, daher haben wir alle das Interesse, dass die Luft rein wird“, sagt der Fotograf und erinnert daran, wie extrem umweltschädlich nicht nur unsere moderne, konsumorientierte Lebensweise im Allgemeinen, sondern gerade auch die derzeit stattfindenden Kriege sind. „Wir sollten demütig sein und das Wirken Gottes in der Schöpfung erkennen“, lädt Kaufmann ein.

„Die Schöpfung gehört uns nicht“

Auch Kardinal Reinhard Marx sieht ein gemeinsames Schöpfungsbewusstsein als wichtiges Thema des interreligiösen Dialogs: „Als religiöse Menschen, Christen, Juden, Muslime, sind wir davon überzeugt, dass Gott, der Schöpfer von allem, uns die Verantwortung aufgetragen hat, nachhaltig zu leben, verantwortlich mit den Ressourcen umzugehen.“ Er mahnt, dass Menschen zwar Teil der Schöpfung seien, aber: „Die Schöpfung gehört uns nicht. Vielmehr ist sie uns anvertraut; sie ist nicht einfach nur ein Gebrauchsgegenstand, sie ist kein Objekt unserer Herrschaft.“

Gönül Yerli vom Münchner Forum für Islam bekennt sich im Rahmen der Ausstellungseröffnung zu einem bedingungslosen, beständigen Einsatz für den Frieden. Angesichts der jüngsten Entwicklungen im Nahost-Konflikt äußert die Muslima allerdings die Vermutung, dass die Politik kaum noch in der Lage sei, Lösungen für die nun wieder zum Krieg entflammte Krise zu finden. Sie sieht stattdessen alle Menschen in der Pflicht, aufeinander zuzugehen, Dialog zu führen und zum Frieden zu stehen – und setzt auf ein gemeinsames spirituelles Bewusstsein aller Beteiligten und Betroffenen.

Mit Bildern berühren

„Mit den Augen der Seele schauen und mit dem Ohr des Herzens hören“ – das empfiehlt auch Fotograf Hans-Günther Kaufmann, dem bewusst ist, dass er nicht viel mehr tun kann als „mit Bildern berühren und hoffen, dass dieses Berührtsein im Leben Niederschlag findet“. Ob er angesichts des Krieges Hoffnung hat? „Die Hoffnung bleibt. Ich bin voller Hoffnung“, sagt er. Was Panzer und Kampfflugzeuge, Spitzenpolitiker und Top-Diplomaten bislang nicht vermögen, vielleicht gelingt es ja – zumindest ein Stück weit – mit Bildern: ein gemeinsames Verständnis dafür zu schaffen, dass die Erde allen Menschen gemeinsam anvertraut ist und dass sie gut daran tun, sich in Frieden und Gemeinschaft an diese große Aufgabe zu machen.

Die Ausstellung „Wir sind Schöpfung“ mit großformatigen Fotografien des Künstlers Hans-Günther Kaufmann wurde erstmals bei der Weltklimakonferenz in Dubai gezeigt. Sie ist bis Sonntag, 13. Oktober in der ehemaligen Karmeliterkirche (Karmeliterstraße 1) in München täglich von 12 bis 18 Uhr zu sehen, der Eintritt ist frei.
Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
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