Zukunft
03.11.2026


Kommentar

Was nun mit unseren Kirchen?

Die meisten Sakralgebäude wurden gebaut, als der Gottesdienstbesuch für weite Teile der Gesellschaft selbstverständlich war. Mittlerweile hat sich die Situation grundlegend geändert – dennoch sieht Maria Rammelmeier weiterhin viel Potenzial für Kirchenräume.
  

Die typische bayerische Dorfkirche – künftig auch ein Ort der Begegnung für Nichtchristen? Die typische bayerische Dorfkirche – künftig auch ein Ort der Begegnung für Nichtchristen? Foto: © imago/Westend61

Was passiert mit einer Kirche, wenn sie für Gottesdienste nicht mehr oder nur noch teilweise gebraucht wird? Diese Frage wird in den nächsten Jahren auch in Bayern immer häufiger gestellt werden. Auf der Tagung des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege unter dem Titel „Wie weiter mit unseren Kirchengebäuden und Klöstern?“ wurde deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als um Gebäude und Sanierungskosten.

Viele Menschen verbinden mit „ihrer“ Kirche Erinnerungen, Ortsgeschichte und Heimat – selbst dann, wenn sie längst nicht mehr regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Sinkende Mitgliederzahlen, weniger Personal und knapper werdende finanzielle Mittel verändern die Situation. Trotzdem muss der erste Schritt nicht Verkauf oder Profanierung heißen. Kirchen können ihre Nutzung auch erweitern: Gottesdienste bleiben bestehen, zugleich kommen Kultur, soziale Angebote oder neue Formen der Begegnung hinzu.
  

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Kultur unterm Kirchturm

In meinem Beitrag „Zwischen Tradition und Transformation. Kirchen als Kulturorte in ländlichen Räumen“ habe ich Ergebnisse meiner dreijährigen Forschung „Kultur unterm Kirchturm: Raumwissenschaftliche Zugänge“ am „VISTRA“ (Vechta Institute for Sustainability Transformation in Rural Areas) der Universität Vechta vorgestellt. 

Dabei zeigt sich: Entscheidend ist weniger, welches Veranstaltungsformat gewählt wird, sondern wer daran beteiligt ist. Wo Kirche weitgehend unter sich bleibt, erreicht auch ein Kulturprogramm häufig nur einen begrenzten Kreis. Wo dagegen Kirchengemeinde, Kommune, Kulturschaffende, Vereine und Menschen aus dem Ort zusammenarbeiten, kann aus dem Kirchenraum wieder ein Ort für viele werden.

Ideen in der „Phase null“

Besonders wichtig ist deshalb die „Phase null“ – die Zeit, in der noch nichts entschieden ist, aber bereits absehbar wird, dass sich etwas verändern muss. Dann sollte die Diskussion beginnen: Was braucht der Ort? Wer fühlt sich mit der Kirche verbunden? Welche Ideen gibt es? Und wer sollte mitentscheiden? Wer entscheidet letztlich? Solche Prozesse sind oft emotional und konfliktbeladen. Deshalb können eine gute Begleitung und eine Moderation von außen hilfreich sein, wenn die Beteiligten offen dafür sind.

Kirchen können durch Öffnungsprozesse in den Sozialraum hinein mehr sein als Veranstaltungsräume. Als Orte der Begegnung können sie Menschen zusammenbringen, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Darin liegt gerade für ländliche Räume eine große Chance – für Gemeinschaft, Kultur und demokratische Teilhabe. Ein Satz der Tagung, die vom Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat gefördert wurde, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Es geht nicht um Abwicklung, sondern um Entwicklung. Genau deshalb lohnt es sich, über die Zukunft dieser Gebäude zu sprechen, solange noch Gestaltungsspielraum da ist.

Maria Rammelmeier

Dr. Maria Rammelmeier ist Sozial- und Regionalwissenschaftlerin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind soziale Netzwerke, Regionalentwicklung, ländliche Räume sowie die Transformation von Sakralräumen. Dr. Maria Rammelmeier ist Sozial- und Regionalwissenschaftlerin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind soziale Netzwerke, Regionalentwicklung, ländliche Räume sowie die Transformation von Sakralräumen. Foto: © Schmidt