Kultur und Wissen
22.10.2026

Gab es Graf Dracula wirklich?

Der irische Romancier Bram Stoker wurde durch ihn zur Erfindung des transsilvanischen Blutsaugers Graf Dracula inspiriert. Tatsächlich hatte Vlad III., ein „Sohn des Drachen“, ein anderes, wenn auch kein munteres Leben.
    

Szene aus einer Dracula-Inszenierung in New York im Jahr 1927. Szene aus einer Dracula-Inszenierung in New York im Jahr 1927. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive

Die einen sehen in ihm einen rumänischen Nationalhelden, andere gar ein Vorbild für einen starken osteuropäischen Anführer im 21. Jahrhundert. Noch andere nutzen ihn als Melkkuh für touristische Geschäftemacherei; und wieder andere als eine weitere Galionsfigur für Halloween: Fürst Vlad III. alias Graf Dracula. Allesamt haben sie eines gemeinsam: Sie hängen nur mehr einem Abziehbild der historischen Figur an. Ein Rückblick. 

Vlad III. (um 1431–1476/77), genannt „Tepes“ (der Pfähler), war Fürst der Walachei im heutigen Rumänien. Er folgte auf seinen Vater Vlad II., der dem Drachenorden zur Verteidigung des katholischen Glaubens angehörte; daher sein zweiter Beiname „Draculea“ (Sohn des Drachen). Vlad wurde vermutlich 1431 im siebenbürgischen Schäßburg (rumän. Sighișoara) geboren und soll dort seine ersten Lebensjahre verbracht haben. In drei Phasen seines Lebens (1448; 1456–1462; 1476) war er Woiwode (Heerführer/Herrscher) des halbautonomen Fürstentums Walachei. Als solcher stellte er sich gegen das Eindringen der Osmanen im Karpatenbogen. 

Vorliebe für Hinrichtungen?

Dabei sagten ihm seine Gegner – wohl auch aus politischen Gründen – in Schmähschriften größte Grausamkeit nach, etwa eine Vorliebe für Hinrichtungen. Machtpolitisch musste Vlad in seinem Territorium zwischen den Osmanen im Süden, dem eigenen Adel und dem ungarischen König schaukeln, zu dessen Grenzgebiet Siebenbürgen gehörte. 

Alle Parteien setzten ihn unter starken Druck. Zudem war die Walachei schon über Jahrzehnte Schauplatz bürgerkriegsartiger Zustände gewesen, mit entsprechend verbreiteter Unsicherheit und Kriminalität. Viele der dem Fürsten zugeschriebenen Gräueltaten erscheinen in diesem Licht als Exempel an Rivalen, aber auch an der Zivilbevölkerung; nach innen wie nach außen. Das Pfählen als Abschreckungsmethode hatte er selbst als Geisel in türkischer Haft kennengelernt.
    

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Verbündeter als Verräter

Nach zahllosen politischen Wechselfällen schlug der Woiwode in einem eigentlich aussichtslosen Kampf 1462 die Osmanen zurück, auf Kosten eines verwüsteten Landes. Zum Dank nahm ihn sein halbherziger Verbündeter, der ungarische König Matthias Corvinus, wegen angeblichen Verrats für zwölf Jahre in Haft; wohl um sich damit eines potenziellen politischen Rivalen zu entledigen. 

Noch einmal wendete sich das Blatt: 1476 konnte Vlad, gemeinsam mit dem moldauischen Woiwoden Stefan III., die Walachei von den Osmanen zurückerobern und für einige Wochen sein Amt zurückgewinnen. Doch Ende 1476 oder Anfang 1477 wurde er schließlich getötet, im Gefecht oder auf der Flucht. Sein Kopf soll, in Honig eingelegt, dem Sultan als Geschenk gebracht und in Konstantinopel auf einer Stange aufgespießt worden sein. 

Vorbild für die Gruselfigur Dracula

Den irischen Schriftsteller Bram Stoker (1847–1912) inspirierten Vlads Beiname „Draculea“ sowie Berichte über seine angebliche walachische Grausamkeit zu seinem 1897 erschienenen, weltberühmt gewordenen Gruselroman über einen untoten siebenbürgischen („transsilvanischen“) Grafen „Dracula“, der als Vampir in England aus dem Totenreich zurückkehrt und vom Blut seiner Opfer lebt. Mit dem historischen Vlad III. hat diese Romanfigur freilich nichts gemein. 

Stokers Setting ist das eigentlich friedlich-freundliche Hafenstädtchen Whitby an einer Steilküste im Nordosten Englands. In einer bösen Sturmnacht ging hier einer der schauerlichsten Schurken der europäischen Literaturgeschichte von Bord der „Demeter“ und hetzte als schwarzer Hund die 199 Stufen zur riesigen gotischen Abteiruine hinauf. Die Besatzung des Schiffes war ausgestorben. Ausgesaugt. Zumindest wenn es nach Bram Stoker geht.

Romantischer Grusel in Whitby

Stokers einwöchiger Besuch in Whitby im Juli 1890 muss den Schriftsteller tief beeindruckt haben: die Ruine oben auf dem Hügel, wüst romantisch und nachts ganz sicher nicht frei von Fledermäusen. Dazu der Friedhof der nahe gelegenen Pfarrkirche St. Mary’s. Steil an der Klippe; die Grabsteine verwittert, gruselschief und mit ganz viel Grünspan. Auf einem von ihnen steht der Name „Swales“. So wie das erste Opfer des siebenbürgischen Grafen Dracula auf englischem Boden.  

Fast sieben Jahre lang hat Stoker akribisch und detailversessen an seinem Roman gearbeitet. Er war fasziniert von der Idee von Untoten, die tagsüber im Sarg verharren müssen – und zwar aus mehr persönlicher Betroffenheit, als man ahnen mag. Bis zu seinem siebten Lebensjahr war er selbst quasi bewegungsunfähig gewesen, konnte weder gehen noch ohne Hilfe stehen. Das unbekannte Leiden verschwand, ebenso unerklärlich, wie es gekommen war; und Stoker legte sogar noch eine respektable Sportlerlaufbahn hin. 

Dracula-Vergnügungspark

2.008 Kilometer Luftlinie südöstlich von Whitby: Dracula-T-Shirts, Bieruntersetzer und jede Menge Selfies vor dem angeblichen Geburtshaus Draculas in Sighișoara (deutsch Schäßburg). Das „Rothenburg Siebenbürgens“, über Jahrhunderte Hort deutschsprachigen Humanismus, konnte sich in den 2000er Jahren nur knapp eines geplanten riesigen Dracula-Vergnügungsparks erwehren. 

Noch stärker mit dem Virus draculensis befallen ist die Törzburg in Bran in der Nähe von Brașov (Kronstadt). Am Durchbruch der Karpaten Ende des 14. Jahrhunderts errichtet, um die von Süden eindringenden Türken abzuwehren, hat die malerische Musterburg am Ende ebenso wenig standgehalten wie dem internationalen Touristenstrom von heute. Dabei ist auch hier ein Dracula-Bezug keineswegs gesichert. Blutleerer Plastik-Nippes beherrscht die Szenerie vor der Törzburg. Vampir-Equipment, wie es nun, zu Halloween, auch bei uns wieder die Straßen unsicher macht. Gestatten, Dracula – Süßes oder Saures! 

Alexander Brüggemann


KNA
Artikel von KNA
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