Dieses Wohnheim macht beim Münchner Mietenwahnsinn nicht mit
Günstigen Wohnraum in München zu finden ist fast unmöglich, gerade für Studienanfänger. Das katholische Newman-Haus bietet jungen Studierenden ein Zuhause und legt dabei großen Wert auf Gemeinschaft.
Daniela an ihrem Lieblingsort, der Wohnheimküche. Foto: © SMB/Rondot
Der 20-jährige VWL-Student Simon Reimer aus Heidelberg hat einen Platz im Newman-Haus ergattert. Jetzt wohnt er in der idyllischen Kaulbachstraße zwischen Englischem Garten und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Die meisten Münchnerinnen und Münchner würden das als Traumlage bezeichnen. Simon muss nicht die 500 Meter in die Schellingstraße spazieren, um etwas trinken zu gehen. Er hat eine Bar im Keller, ein „Fernsehkammerl“ und einen Garten, in dem im Sommer die Magnolien blühen. Nur wenige Schritte von seinem Zimmer entfernt befindet sich eine Bibliothek, die er sich mit seinen Mitbewohnern teilt.
Knapp 400 Euro Miete warm
für ein Zimmer in der Innenstadt
Es sind 130 Studierende, mit denen Simon zusammenlebt. Für knapp zwölf Quadratmeter mitten in München zahlt er 408 Euro warm. Die niedrigen Mieten sind jedoch nicht die einzige Besonderheit des Newman-Hauses. Das Haus in der Kaulbachstraße war das erste katholische Studentenwohnheim in München und bot ab 1951, mitten in der Trümmerzeit, Studierenden, die von Armut betroffen waren, ein Dach über dem Kopf.
Initiator war damals der Münchner Studentenseelsorger und Jesuitenpater Franz Josef Müller. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs von der Gestapo verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, war Pater Müller am Gründonnerstag 1945 freigekommen und hatte sich bald der Studentenseelsorge gewidmet. Das Wohnheim gründete er wenige Jahre später nicht nur aufgrund der prekären Situation vieler Studierender, sondern auch, weil er die Dringlichkeit einer geistigen und religiösen Neuorientierung der Gesellschaft sah. Über 75 Jahre nach der Gründung sieht es Heimleitung Dagmar Neukamm als ihre Hauptaufgabe, „dass die Menschen hier einen guten Start haben in München und dass es eine Gemeinschaft gibt".
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Studierende organisieren alles:
Vom Barabend bis zum Chorauftritt
Die 24-jährige Daniela Obermayer aus Teisendorf studiert Lehramt für Sonderpädagogik an der LMU und hat zuvor in Dachau gewohnt. Das Newman-Haus ermöglicht es ihr, mitten im studentischen Zentrum Münchens zu leben. Sie vermutet: „Meine Freunde zahlen in ihren WGs alle mehr als ich.“ Dafür gibt sie dem Wohnheim viel zurück. Denn die Organisation des Wohnheims, insbesondere das Freizeitprogramm, wird von den Studierenden selbst gestaltet.
Im letzten Jahr war Daniela Teil eines gewählten Tutoren-Teams, das die Hausfeste, Barabende, Vorträge und Konzerte im Wohnheim organisiert. „Wir haben einen Wohnheimchor, eine Uni-Liga-Fußballmannschaft, einen Tanzkurs ...“ Die Studierenden übernehmen auch administrative Aufgaben, zum Beispiel das Amt des Stockwerksprechers. Auf jedem Stockwerk sind es zehn Einzelzimmer, Männer und Frauen wohnen nach Stockwerken getrennt. Die Küchen nutzen je ein Frauen- und ein Männerstockwerk gemeinsam. Ehemaliger Stockwerksprecher Michael Kuhn erklärt: „Man ist oberster Ansprechpartner und wenn es Probleme gibt, dann sollte man vermitteln können.“ Jedes Stockwerk organisiert außerdem einen der Gottesdienste, die jede Woche von einem Jesuiten gefeiert werden. Daniela ist keine Frühaufsteherin, aber: „Die Morgengottesdienste sind für viele, die direkt danach eine Vorlesung haben, ein besinnlicher Start in den Tag.“
Glaube ist kein Muss
Laut Daniela spielt es im Alltag keine Rolle, welcher Kirche oder Religion man angehört. „Aber man merkt, dass viele typisch katholische Werte wie Nächstenliebe vertreten. Wenn es jemandem nicht gut geht, fragt man, wie man helfen kann.“ Außerdem verbindet die Bewohner des Wohnheims das Engagement für die Gemeinschaft. Leiterin Dagmar Neukamm legt großen Wert darauf, dass das Newman-Haus ein tolerantes Haus ist, in dem es keine Rolle spielt, wen man liebt oder woher man kommt. Eine gute Abiturnote ist weniger entscheidend als soziales Engagement. Jedes Semester gibt es etwa 100 Bewerbungen für die rund 20 Plätze.
Wohnheim kann günstige
Miete immer schwerer garantieren
Ohne die Zusage des Newman-Hauses wäre Simon gar nicht nach München gezogen. Er dachte: „Wenn ich jetzt keinen Wohnheimplatz finde, dann mache ich es nicht, denn den Wohnungsmarkt will ich mir hier nicht antun.“ Das Haus selbst wird nicht von der Kirche, sondern vom Newman-Verein finanziert. „Eigentlich können wir uns nicht leisten, die Zimmer so günstig anzubieten“, erklärt Neukamm. Das Haus ist stark renovierungsbedürftig und daher auf Spenden angewiesen. Architekten empfehlen aus Kostengründen, das Wohnheim zu schließen, zu renovieren und anschließend wieder Studierende einziehen zu lassen.
Um den Geist des Hauses zu bewahren, hat sich der Vorstand zusammen mit Dagmar Neukamm dagegen entschieden und renoviert stattdessen nach und nach. „Wir alle glauben, wenn alle neu einziehen, ist nichts Tragendes mehr da. Und so einen Teamgeist neu zu etablieren, ist richtig schwer.“ Simon, Daniela und Michael sind froh, dass das Haus nicht geräumt wird. Außerdem gibt es, anders als in anderen Wohnheimen, keine befristete Wohndauer. Solange sie in München studieren, ist das Newman-Haus ihr Zuhause.



