Kultur und Wissen
30.10.2026

„Ohne Musik kann kein Mensch leben“

Musik kann Menschen verbinden. Doch gerade an Bayerns Grundschulen kommt sie nach Ansicht von Bernd Sibler zu kurz. Der Deggendorfer Landrat und Präsident des Bayerischen Musikrats spricht im Interview außerdem über die kulturelle Vielfalt Niederbayerns und seinen Musikgeschmack: Warum ihm AC/DC ebenso viel bedeutet wie Dvořák.
    

Einst Bayerischer Staatsminister, jetzt Landrat im Landkreis Deggendorf und Präsident des Bayerischen Musikrats: Bernd Sibler. Einst Bayerischer Staatsminister, jetzt Landrat im Landkreis Deggendorf und Präsident des Bayerischen Musikrats: Bernd Sibler. Foto: © StMWK-Axel-König


Herr Sibler, braucht der Mensch Musik? Vielleicht sogar mehr als Literatur?  

Ohne Musik kann kein Mensch leben, davon bin ich wirklich überzeugt. Das sieht man schon daran, dass Babys sehr positiv auf Melodien reagieren und später als Kleinkinder ganz von selbst viel singen. In guten Zeiten feiert man mit Musik, in schlechten Zeiten kann sie trösten. Musik gehört einfach zum Leben dazu.  

Literatur öffnet ebenso wie Musik eine Welt, in die man tief eintauchen kann. Das ist wichtig, um immer wieder neue Anregungen zum Nachdenken zu bekommen oder auch, um nur im Kopf auf fantastische Reisen zu gehen.  

Aber um Musik zu erleben, braucht es keine besonderen Voraussetzungen oder Vorkenntnisse. Man muss nicht lesen können, sondern einfach nur zuhören.  

Als Präsident des Bayerischen Musikrats setzen Sie sich für die Musik ein. Braucht Bayern noch mehr davon – gerade auch an den Schulen? 

In Bayern haben wir schon sehr viel Musik, mehr als in den anderen Bundesländern. Das liegt an unserer langen und bedeutenden Musiktradition mit Blasorchestern, Chören und vielen anderen Musikensembles, mit Musikschulen und Musikhochschulen, Opernhäusern und Konzertorchestern.  

In den Schulen allerdings gibt es definitiv zu wenig Musikunterricht. Dass mit der Einführung der neuen Stundentafel der Musikunterricht an 80 Prozent der Grundschulen in der dritten und vierten Klasse halbiert wurde, ist nicht akzeptabel. Das habe ich als Präsident des Bayerischen Musikrats immer wieder betont. Nun scheint sich diese Einsicht auch in der Landespolitik durchzusetzen. Wir können hoffen, dass es in Zukunft wieder mehr Musikunterricht an den Schulen geben wird. 


[inne]halten - das Magazin 22/2026

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Als Landrat sind Sie viel unterwegs und hören von den Sorgen und Nöten der Menschen. Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Aufgaben? 

Tatsächlich höre ich viele bedrückende und auch wirklich schlimme Berichte über die persönliche Situation von Menschen im Landkreis, über gesellschaftliche Entwicklungen, bei denen Gemeinschaften durch Extremismus zerbrechen, oder über wirtschaftliche Nöte, die die Grundversorgung in Städten und Gemeinden gefährden.  

Natürlich bedrücken mich solche Berichte. Aber ich versuche immer, mit Zuversicht und neuen Ideen zu helfen und eine gute Zukunft zu gestalten.  

Gerade in der Politik stößt man immer wieder an Grenzen und auf Widerstände. Hilft Ihnen Musik in besonders schwierigen Situationen?  

Natürlich nicht unmittelbar in konkreten Situationen wie Sitzungen, Anhörungen oder Verhandlungen. Aber Musik kann dabei helfen, nach einem stressigen Arbeitstag herunterzukommen, um dann frisch in den nächsten Tag zu starten.  

Hilft Ihnen Musik auch dabei, den Glauben an das Gute im Menschen zu bewahren?  

Ja, unbedingt. Solange es Menschen gibt, die so wunderbare Musik komponieren und spielen, wie wir sie kennen, und die uns damit tief im Inneren berühren, gibt es das Gute im Menschen.  

Während der Corona-Pandemie waren Sie Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Was hat Sie durch diese aufreibende Zeit getragen?  

Zum einen mein Glaube an Gott – daran, dass es jemanden gibt, der die Hand über uns hält. 

Und dann haben mich tatsächlich die unglaublich kreativen Ideen, die Künstlerinnen und Künstler in ganz Bayern während dieser Zeit entwickelt und umgesetzt haben, immer wieder ermutigt, inspiriert und in meiner Arbeit bestärkt.  

Sie haben den Kulturpreis des Landkreises Deggendorf ins Leben gerufen. Hat Musik dabei einen besonderen Stellenwert?  

Mit dem Kulturpreis des Landkreises Deggendorf wollen wir besondere Leistungen auf kulturellem und künstlerischem Gebiet würdigen, unsere Künstlerinnen und Künstler sowie den kulturellen Nachwuchs in der Region unterstützen und das kulturelle Leben im Landkreis in seiner ganzen Vielfalt fördern.  

Dabei schauen wir auf die gesamte Kunst- und Kulturszene im Landkreis. Oft inspirieren sich Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Bereichen gegenseitig. Und auch ich werde von einem wunderbaren Gemälde, einer schönen Skulptur oder einem besonderen Theaterabend genauso berührt wie von Musik in all ihren Facetten.  

Gibt es für Sie so etwas wie einen besonderen niederbayerischen Spirit? Was zeichnet die Menschen und die Kultur der Region aus?  

Bodenständig, aber offen für kreative Visionen. Manchmal unterschätzt, kann nie überschätzt werden.  

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welche Musik hören Sie besonders gerne? 

  • Antonín Dvořák: 9. Sinfonie e-Moll, „Aus der Neuen Welt“
  • AC/DC: „Back in Black“
  • Pjotr Tschaikowski: „Der Nussknacker“ (Ballettmusik)
  • U2: „Sunday Bloody Sunday“
  • „Böhmischer Traum“ (Blasmusik-Polka) 


Monika Drasch
Artikel von Monika Drasch
Musikerin, Podcasterin
Alpenrock-Fans kennen sie als die Frau mit der Grünen Geige. "Lieder zwischen Himmel und Erde" heißt ihr monatlich erscheinender Podcast auf innehalten.de.