Zukunft
12.08.2025


Steichung eines Feiertags

Warum uns Feiertage guttun

Von Pfingstmontag bis Mariä Himmelfahrt: Immer wieder flammt die Debatte auf, ob Feiertage gestrichen werden sollen. Eine Gegenrede.
    

Familienausflug zum Chiemsee – nicht nur ein schönes Natur- und Kulturerlebnis, sondern wertvolle gemeinsam verbrachte Zeit Familienausflug zum Chiemsee – nicht nur ein schönes Natur- und Kulturerlebnis, sondern wertvolle gemeinsam verbrachte Zeit Foto: © imago/CHROMORANGE


Feiertage schlagen eine Schneise in den Alltag. „Am siebten Tag sollst du ruhen“, so heißt es in Anlehnung an den Schöpfungsbericht im Buch Genesis (2,2.3). Und nicht nur der christlich-jüdische Kalender ist davon geprägt, ebenso der islamische. Rhythmus ist etwas zutiefst Menschliches im Gegensatz zu Maschinen, die ohne Unterbrechung ihren Dienst verrichten. 

Aber es geht nicht nur um Unterbrechung, es geht auch um Gemeinschaft, um soziale Integration, um Resonanz. Jürgen Rinderspacher von der Uni Münster spricht von der Wichtigkeit des „kollektiven Moments“. „Seine Ruhe findet man nicht unabhängig von anderen“, so Rinderspacher. „Seelische Erhebung gibt es nur in der Gemeinschaft.“ Nicht nur religiös konnotierte Philosophen kommen zu dieser Erkenntnis. Auch ein Jürgen Habermas oder Émile Durkheim betonen, dass gemeinsame zeitliche Strukturen nötig sind, um eine funktionierende Öffentlichkeit zu schaffen. Die zunehmende Vereinzelung und Isolierung trennen uns von der Welt und vom Anderen. Die Religion – von religare – bedeutet binden, anbinden oder verbinden. Die religiösen Zeremonien bringen eine Gemeinschaft hervor, so der Philosoph Byung-Chul Han.
    

Anzeige

Forderung nach mehr Produktivität

Nun stehen Feiertage immer wieder zur Disposition. Hintergrund sind nicht nur sich verstärkende säkulare Tendenzen, sondern auch die Forderung der Wirtschaft nach mehr Produktivität. Interessant dabei ist nur, dass das wirtschaftlich erfolgreichste Land in Deutschland, nämlich Bayern, auch die meisten Feiertage hat. Der Philosoph Byung-Chul Han hat sich in seinem Werk „Vom Verschwinden der Rituale“ auch mit dieser Frage auseinandergesetzt und er stellt fest, dass wir sehr viel verlieren, wenn unsere Gesellschaft nur noch nüchtern, ziel- und zweckorientiert ist. Die schöne Verpackung, das Drumherum, das Feiern und das Spielen machen unser Menschsein aus.
   

[inne]halten - das Magazin 10/2026

Uralt und wunderschön

Eine einzigartige Lage, eine über tausendjährige Geschichte und eine romanische Kirche voller Schätze: Das ist Kloster Seeon.

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Wert und Sinn müssen sich erschließen

Es geht also nicht um weniger Feiertage. Der Wert scheint unstrittig. Aber die Frage ist, ob man seitens der Religionsgemeinschaften, insbesondere auch der katholischen Kirche, die Feiertage so nutzt, dass der Wert und der ursprüngliche Sinn sich noch erschließen. Die Dämme für unsere opulente Feiertagsregelung werden brechen, wenn wir nichts machen aus den Feiertagen. Feiertage sollen nicht nur der Familie, sondern überhaupt der Gemeinschaft dienen. 

Das wachsende Problem unserer Gesellschaft ist Vereinsamung – ob durch zu intensive Nutzung sozialer Medien, ob aufgrund der Entwicklung unserer Familien und der Situation älterer Menschen, aber auch aufgrund der Entwicklung in unseren Dörfern, wo Wirtshäuser, Geschäfte, Treffpunkte und gemeinsame Feste im Schwinden sind.

Wo findet noch Gemeinschaft statt? Sind das die Staus auf den Autobahnen oder finden wir neue Formen? Begegnungen, neue Rituale, die in unsere Zeit passen und die damit dieses Geschenk des Rhythmus, der Unterbrechung für unsere Zeit nicht nur retten, sondern neu aufladen. Auch die Kirchen sind gefragt, ihre Feiertagsliturgie und die Pastoral für die freien Tage weiterzuentwickeln.

Prof. Georg Steiner, Landesvorsitzender des KKV – Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung