Theologie und Soziale Arbeit
Warum theologische Kenntnisse in der Sozialen Arbeit nützlich sind und die Erfahrungen aus dem realen menschlichen Leben umgekehrt die Theologie bereichern, erklärt Anna Noweck, Professorin für Theologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) München.
Beim Werkstattgespräch in der KSH wurden zwei zunächst sehr unterschiedlich wirkende Fachbereiche miteinander in einen Austausch gebracht. Foto: © Jens Bruchhaus/KSH München
Theologie in der Sozialen Arbeit – so lautet der Titel meiner Professur an der Katholischen Stiftungshochschule München (KSH). Während sich damit für mich „zwei Herzen in der Brust“ verbinden, nämlich die wissenschaftliche Theologie und die praktische Soziale Arbeit, gibt die Kombination anderen zu denken: Geht es hier um religiöse Instrumentalisierung, Überstülpung von Glauben durch Hilfehandeln oder um eine Einflussnahme der Kirche auf die Profession der Sozialen Arbeit?
Passgenau für die, um die es geht
Für mich geht es bei der Zusammenschau von Religion, Spiritualität, Theologie und Sozialer Arbeit vor allem darum, sozialarbeiterische Theorie und Praxis passgenau zuzuschneiden auf die, um die es geht: Menschen in Krisensituationen ihres Lebens, in Ängsten, Überforderung, Umbrüchen, die zu begleiten und in ihrer Entwicklung zu unterstützen sind. Denkt man dies umfassend, dann gehören ihre Religion und Spiritualität, ihr ganz persönlicher Glaube und ihre Weltanschauung unausweichlich mit dazu.
Gleichzeitig ist die Ambivalenz mitzubedenken, dass Religion und Glaube Menschen gerade in prekären Lebenslagen zwar stärken und ihre Lebensbewältigung stützen können, sie können aber auch als Motor von Abschottung und Entfremdung und sogar als Medium eines religiösen oder spirituellen Missbrauchs dienen. Soziale Arbeit kann also gar nicht umhin, sich mit Religion und Glaube, mit Spiritualität und der Theologie als deren wissenschaftlicher Reflexion auseinanderzusetzen.
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Gemeinsames, aber auch Konfliktives
Und trotzdem wird in Theologie und Sozialarbeit oft mehr über- als miteinander gesprochen. Das Werkstattgespräch „Crossing Perspectives. Theologie # Soziale Arbeit“, das am 18./19. Juni an der KSH stattfand, wollte diese Zweigleisigkeit brechen. Dafür konnten wir 22 Expertinnen und Experten beider Disziplinen gewinnen, um Gemeinsames, aber auch Konfliktives zu Themen wie Menschenbild, Macht, Nachhaltigkeit, Spiritualität und interreligiösem Dialog auszuloten.
Das Werkstattgespräch selbst bot dann die Möglichkeit zur offenen Diskussion mit gut 70 Teilnehmenden, vorwiegend aus der Praxis Sozialer Arbeit. So entstand eine lebendige Atmosphäre, in der es nicht um die Präsentation von vorgefertigten Ideen ging, sondern um den Austausch und das Lernen voneinander.
Psychische Gesundheit und Resilienz
So kann Soziale Arbeit aufmerksam werden für die Bedeutung von Glauben und Spiritualitätspraxen zum Beispiel bei Menschen, die aufgrund von Vertreibung und Flucht ihre – oftmals auch religiös stark geprägten – Herkunftsländer verlassen mussten. Religion und Spiritualität sind wichtige Faktoren für die psychische Gesundheit und die Entwicklung von Resilienz. Dafür muss Soziale Arbeit diese Faktoren kennen, einordnen und gelingend weiterführen können.
Zugleich profitiert die Theologie, die aus dem Elfenbeinturm in die Irrungen und Wirrungen realen menschlichen Lebens tritt. In der Verzahnung mit der Sozialen Arbeit ist sie dort, wo Menschen leiden, existenzielle Not erleben, an einem guten Leben gehindert sind. Als angewandte Wissenschaft wird sie lebenspraktisch.
Anna Noweck



