Sozialarbeit im Netz
Suizidprävention am Bildschirm
Heute finden große Teile des Lebens im Internet statt. Daran hat sich auch die Sozialarbeit angepasst: Im Netz suchen „Digital Streetworker“ Menschen, die Hilfe brauchen, und stellen Kontakt zu Beratungsstellen der Caritas her.
Digital-Streetworkerin Jessica Pätz Foto: © BJR/Scheßl
Ein Grüner Kreis leuchtet auf dem Bildschirm. Ein gutes Zeichen für jeden, der auf der Homepage von „U25“ landet. Er zeigt: Ein Berater steht zur Verfügung. Neue Klienten können sich anmelden und per Mail Kontakt aufnehmen. Alles anonym und digital. Das Internet ist der zentrale Ort, an dem das Leben junger Menschen stattfindet. Freunde treffen, Spiele spielen, Spaß haben auf der einen Seite – aber auch Selbstzweifel, Mobbing und Leistungsdruck auf der anderen. Rund ein Drittel aller Jugendlichen in Deutschland hatte schon einmal Selbstmordgedanken. Bei U25 können sie darüber reden. Die Onlineberatung für suizidgefährdete Menschen ist ein Angebot von Jugendlichen für Jugendliche, betrieben von der Caritas.
Suizide häufigste Todesursache unter 25
Leticia ist eine von über 300 ehrenamtlichen Beraterinnen und Beratern, die sich hier an elf Standorten in ganz Deutschland engagieren. „Zuerst geht es darum, einzuschätzen, wie stark die Suizidgedanken sind“, erklärt die 25-Jährige. Dabei versucht sie eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Gefühle und Gedanken herauskommen können. Ein „antwortendes Tagebuch“ will U25 sein.
Jugendliche, denen es schlecht geht und die Selbstmordgedanken haben, sind kein Randgruppenphänomen. Suizide sind in Deutschland die häufigste Todesursache der unter 25-Jährigen. 486 waren es im Jahr 2023. Männliche Jugendliche machen dabei rund drei Viertel aus. Außerdem unternehmen Jugendliche die häufigsten Suizidversuche. „Es gibt viele junge Menschen, die sehr verzweifelt sind“, fasst Isabelle Dulleck zusammen, Teamleiterin beim U25-Standort Nürnberg, „und die profitieren davon, dass sie sich online und anonym bei uns melden können.“
„Sie denken, sie seien absolute Loser“
Die Gründe für die Suizidgedanken kommen dabei meist erst im Laufe der Beratung ans Licht: prekäre Lebenssituationen, psychische Erkrankungen, soziale Schwierigkeiten, Mobbing, Einsamkeit. Bekannte Probleme aus der analogen Welt existieren genauso in der digitalen – dort fallen sie aber besonders wenig auf.
Heute verbringen Jugendliche im Schnitt über 70 Stunden pro Woche im Netz. Dort bewundern sie das vermeintliche Traumleben von Influencern, vergleichen sich mit Menschen, die sie kennen – oder mit völlig Fremden, wetteifern um Follower und Likes. Zusätzlicher Leistungsdruck, der zu den normalen Herausforderungen des Erwachsenwerdens hinzukommt. Im Vergleich empfinden sich viele als nicht erfolgreich, nicht beliebt und ohne großen Freundeskreis. Daraus ziehen manche die falschen Schlüsse, warnt Dulleck: „Sie denken, sie seien absolute Loser und könnten sich auch gleich umbringen.“ Dem setzt U25 ein einfaches Motto entgegen: Du bist mir wichtig.
Streetworkerin am digitalen Brennpunkt
„Jeder Mensch ist wertvoll, egal wie leistungsfähig oder erfolgreich er oder sie gerade ist!“ – Diese Botschaft will die Caritas in die Gesellschaft hineintragen, so Dulleck. Seit drei Jahren kooperiert die Beratung deshalb mit dem Projekt „Digital Streetwork Bayern“. Denn nicht alle Menschen, die die Hilfe von U25 brauchen, finden sie auch auf Anhieb. Digitale Streetworkerinnen wie Jessica helfen hier mit aufsuchender Sozialarbeit im Netz.
„Eigentlich läuft das genauso wie klassisches Streetwork“, erklärt die Psychologin, „anstelle von Sportplätzen in Brennpunktvierteln bin ich auf sozialen Medien und Gamingservern aktiv.“ Dort chattet sie zum Beispiel in Selbsthilfegruppen auf Discord, in denen junge Menschen sich zu psychischen Erkrankungen oder Prüfungsdruck austauschen. Sobald sie merkt, dass eine Person eventuell weiterführende Hilfe gebrauchen könnte, bietet sie ein Gespräch an.
Jugendliche so pessimistisch wie nie
Potenziell betroffen kann Jessicas Erfahrung nach jeder sein. Alle Menschen seien im Laufe ihres Lebens mit Problemen konfrontiert, die sie in eine Situation bringen können, in der man auf digitale Streetworker angewiesen sein könnte. Neben den persönlichen Gründen machen auch die äußeren Umstände jungen Menschen zu schaffen. So entstand „Digital Streetwork Bayern“ auch aufgrund der Corona-Pandemie, in der besonders junge Menschen verstärkt unter Einsamkeit litten und sich ihr Lebensmittelpunkt noch weiter ins Internet verlagerte.
Es ist die „Generation Krise“, die ständig im Schatten der politischen Großwetterlage lebt: Ukrainekrieg, Krieg im Nahen Osten, Klimakatastrophe und mehr. Nie zuvor blickten junge Menschen so pessimistisch in die Zukunft. Das merkt nicht nur Digital Streetworkerin Jessica, sondern auch die Caritas: Der Beratungsbedarf bei U25 ist enorm. Einen Großteil der Zeit steht die Ampel für neue Klienten auf „rot“, da die Beratungskapazitäten ausgeschöpft sind.
Gleichaltrige Laien sind besonders gute Berater
Bei U25 handelt es sich um eine sogenannte „Peer-Beratung“. Sie basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass der Erfolg psychosozialer Beratung vor allem von der Beziehung zwischen Ratsuchendem und Berater abhängt. Da Menschen in einer altersmäßig vergleichbaren Lebenssituation besser eine Beziehung zueinander aufbauen können, werden Jugendliche gemäß dem Namen „U25“ bei der Caritas auch von jungen Erwachsenen beraten, erklärt Peerberaterin Leticia. „Gleichaltrige können einfach besser verstehen, wie es einem geht.“ Denn die Berater stecken teils in denselben Prüfungsphasen. Sie verstehen, wie es ist, lange Schule zu haben und lernen zu müssen, wenn es einem ansonsten schlecht geht. „Wir sind im gleichen Alter, der gleichen Lebenssituation – das hilft unseren Klienten, sich zu öffnen.“ Das ist mir heilig Leserinnen und Leser erzählen von ganz besonderen Gegenständen Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
[inne]halten - das Magazin 03/2026
Vertrauen ist Basis einer erfolgreichen Beratung
Zusätzlich garantiert die Onlineberatung absolute Anonymität. Auch das hat einen positiven Einfluss, so Teamleiterin Dulleck. Die Ratsuchenden sparen sich den Smalltalk – sie machen sich nicht die Mühe, ein Bild von sich zu erstellen. „Ganz oft schreiben sie uns schon in den ersten Mails Dinge, die man in der Vor-Ort-Beratung erst nach Monaten erfahren würde.“
Peers wie Leticia begleiten dabei immer persönlich einzelne Ratsuchende, der Zeitraum reicht von einzelnen Gesprächen bis hin zu mehreren Jahren. Obwohl man sich nicht kennt, entsteht dabei eine sehr private Beziehung. „Sie erzählen mir Gedanken, von denen noch niemand etwas weiß und die sie lieber mit mir als einem Psychologen teilen.“ Gerade dieses Maß an Vertrauen mag die Beraterin an ihrem Ehrenamt.
Peer-Berater kann man ab 16 werden
Die erste Mail beantworten die Berater nach spätestens 48 Stunden. Danach dauert es maximal eine Woche. Im Falle akuter Suizidalität antworten die Berater auch schneller – und nicht allein: Sozialpädagogin Isabelle Dulleck ist eine von zwei Hauptamtlichen. Sie helfen den Peer-Beratern mit ihrer fachlichen Expertise und lesen auch jede Nachricht noch einmal gegen. Zum Ausbildungsstart können Ehrenamtliche zwischen 16 und 24 Jahre alt sein.
Peer-Beraterin Leticia ist inzwischen selbst studierte Psychologin – eine solche Zusatzqualifikation ist aber kein Muss. Basis der Beratungsfähigkeit ist eine 32-stündige Ausbildung bei U25. In ihr lernen die angehenden Peers psychische Erkrankungen kennen, üben den Umgang mit dem Mailberatungssystem und setzen sich auch mit sich selbst auseinander. „Da hat mir U25 in meinem Studium fast mehr geholfen als andersherum“, findet Leticia.
Mit „Papageno-Effekt“ Suizidgedanken reduzieren
Wie erfolgreich die Beratungen sind, lässt sich schwer feststellen. „Manchmal antworten Ratsuchende einfach nicht mehr“, erzählt Leticia. Damit die Beratung nicht zur Belastung für die Peers selbst wird, steht ihnen eine umfangreiche Supervision zur Verfügung. Denn die Möglichkeit, dass Klienten ihre Suizidgedanken in die Tat umsetzen, besteht immer. Studien haben jedoch beobachtet, dass sich Suizidgedanken reduzieren, wenn Betroffene jemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können – der sogenannte „Papageno-Effekt“, benannt nach dem Vogelfänger aus Mozarts Zauberflöte, der nach dem Verlust seiner Partnerin Selbstmordgedanken hat, davon im Gespräch mit drei Knaben aber abgebracht wird.
Rund 1.500 Klienten finden bei U25 jedes Jahr Rat. Der Standort in Nürnberg hat aber weiterhin nur Projektstatus und muss regelmäßig um die Finanzierung des Programms kämpfen. Deshalb wünschen sich die Verantwortlichen von der Politik eine verlässlichere Förderung. Ihre Botschaft: Suizide sind in sehr vielen Fällen verhinderbar.
Streetwork
Streetworker sind Sozialarbeiter, die – wie der Name schon sagt – auf der Straße unterwegs sind und dort Menschen in schwierigen Situationen helfen. Die Themen reichen dabei von Armut oder Wohnungslosigkeit, über Suchterkrankungen bis hin zu psychischer Gesundheit und Kriminalität. Zielgruppe sind die Menschen, die zuvor noch keinen Kontakt zu Hilfesystemen hatten – und von sich aus in den meisten Fällen auch keinen aufnehmen würden. Es ist eine Form der sogenannten „aufsuchenden Sozialarbeit“.
Entstanden ist Streetworking in den 70er Jahren und richtete sich damals vor allem an Jugendliche. Das Ziel: niederschwellige Hilfen ohne Termin und standortunabhängig anbieten. Während bei fest verorteten Angeboten die Eigeninitiative der Klienten in Form einer guten Portion Mut oder eines hohen Leidensdrucks nötig ist, damit sie sich Hilfe holen, versuchen Streetworker, aktiv das Vertrauen ihrer Klienten aufzubauen. Im Fokus steht dabei der hilfesuchende Mensch, nicht das konkrete Hilfsangebot.
Streetworking erfolgt daher meist subsidiär: Sie soll Menschen dabei helfen, sich selbst zu helfen. Streetworker sind dabei oft keine Profis für spezielle Probleme. Sofortige Lösungen an Ort und Stelle können sie nicht anbieten. Sie versuchen stattdessen gemeinsam mit ihren Klientinnen das konkrete Problem zu identifizieren. Darüber hinaus kennen sie sich aus, welche professionellen Anlaufstellen es für fachspezifische Probleme gibt und stellen den Kontakt her.
Podcast „Total Sozial“, Episode 240 vom 24.1.2025
„Wie "Digital Streetworker" online Jugendlichen helfen“:



