Wenn Schätze ans Licht kommen
Der Direktor der Archäologischen Staatssammlung in München im Gespräch über spannende Fragen der Archäologie.
Keltischer Silberschatz (2./1. Jh. v. Chr.), gefunden im Landkreis Forchheim. Foto: © ASM/Manfred Eberlein
Anlässlich der Wiedereröffnung der Archäologischen Staatssammlung in München haben wir mit deren Direktor, Professor Rupert Gebhard, ein Gespräch über die Archäologie geführt.
Bei Archäologie denken viele an Wüstensand und Pharaonengräber, Inkapyramiden und griechische Ruinen. Manchmal gibt es aber fast vor unserer eigenen Haustür archäologische Überraschungen – wie kürzlich auf der Fraueninsel im Chiemsee, wo bei Bodenradarmessungen die Grundmauern eines bislang unbekannten achteckigen Gebäudes entdeckt wurden. Wie schätzen Sie die Bedeutung dieses Fundes ein?
GEBHARD: Ich habe mit großem Interesse davon gelesen. Es ist ein wunderbares Beispiel für die Möglichkeiten, die naturwissenschaftliche Bodenerkundungen bieten. Auf das Alter der Mauern zu schließen, erlauben solche Untersuchungen allerdings nicht. Man ist hier darauf angewiesen, datierendes Material mit einer kleinen, begrenzten Ausgrabung zu gewinnen.
Welche Themen beschäftigen die Archäologie hierzulande derzeit noch? Was gibt es bei uns noch Spannendes zu entdecken?
GEBHARD: Da jede Ausgrabung (Archäologen sprechen von „Grabung“) zugleich die endgültige Beseitigung der Spuren aus der Vergangenheit bedeutet, werden nur diejenigen durchgeführt, die unerlässlich sind. Hier sind das Baugeschehen und die Ausweitung der Infrastruktur der treibende Motor. Was unbekannte, neue Fundorte betrifft, können wir nicht voraussagen, was entdeckt wird. Bei bekannten Fundorten kennen wir zumindest die Zeit und haben auch eine Vorstellung davon, welche Objekte gefunden werden können. Das Material wird weiterhin aus allen bedeutenden Abschnitten der bayerischen Archäologie von der Steinzeit bis hin zur jüngsten Zeit stammen. Einen deutlichen Zuwachs gibt es bei der Archäologie der Neuzeit, gut sichtbar an dem gerade erst entdeckten Pestfriedhof in Nürnberg.
Wenn Gräber geöffnet werden, geschieht dies nie aus Neugierde.
Zu den Bodendenkmälern in unserem Land zählen keltische Hügelgräber – die zur Erforschung des Inhalts teilweise geöffnet wurden. Ist es eigentlich ethisch vertretbar, aus wissenschaftlicher Neugier ein Grab zu öffnen? Kann das nicht als Störung der Totenruhe aufgefasst werden?
GEBHARD: Wenn Gräber geöffnet werden, geschieht dies heutzutage nie aus Neugierde, sondern aus Notwendigkeit, so zum Beispiel bei drohender Zerstörung durch bevorstehende Baumaßnahmen. Dass die menschlichen Überreste bei der Ausstellung, wissenschaftlichen Analyse oder musealen Darstellung respektvoll behandelt werden, ist dabei selbstverständlich. Über den Umgang mit menschlichen Skeletten gibt es eine ausführliche Diskussion im Fach, die zu entsprechenden Richtlinien geführt hat. Ob eine Störung der Totenruhe vorliegt, hängt natürlich vor allem von den Glaubensvorstellungen der damaligen Zeit ab, die wir in der Regel aber nicht kennen. Selbst bei den Bestattungsbräuchen in unserer Gesellschaft ist das Thema durchaus vielschichtig. Wie bewerte ich es, wenn sich nach der Ruhezeit die Asche mit dem Erdreich vermischt hat?
In den vergangenen Jahren war in den Medien oft von Kunstraub (zum Beispiel des keltischen Goldschatzes von Manching) oder der Rückgabe von Kulturgut (zum Beispiel der Benin-Bronzen) an ein anderes Land zu hören. Gibt es auch in der Archäologischen Staatssammlung in München „problematische“ Objekte, die von anderen zurückgefordert werden oder bei denen nicht sicher ist, ob sie auf legalem Weg in den eigenen Bestand gelangt sind?
GEBHARD: Die Provenienzen der Objekte zu kennen, gehört zur Basisarbeit der Museen. Bezüglich der Erwerbsumstände ist immer die zum Zeitpunkt der Erwerbung geltende Rechtslage zu beachten. Die stellt sich im 20. Jahrhundert regional sehr unterschiedlich dar. In Deutschland wurde das UNESCO-Übereinkommen aus dem Jahre 1970 erst 2007 ratifiziert und 2016 neu gefasst. Wir haben heute, auch mit der Einführung des Schatzregals 2023 in Bayern (einer rechtlichen Regelung, die neue herrenlose Funde automatisch dem Staat zuspricht; Anm. d. Red.), eine gute Ausgangslage für die Beurteilung unseres Bestandes. Da es sich in der großen Mehrheit um Objekte aus bayerischen Ausgrabungen handelt, müssen in der Sammlung insgesamt nur eine überschaubare Zahl an Objekten intensiver geprüft werden. Wir betreiben diese Recherchen aktiv, haben aber auch seit vielen Jahren die Objekte unbekannter Provenienz öffentlich gemacht.
Die Archäologische Staatssammlung sieht ihre Aufgabe auch in der „Darstellung der gesellschaftlichen Relevanz der modernen Archäologie, die heute weitreichende Aussagen zum Verhältnis von Mensch und Umwelt zulässt.“ Welche Aussagen zum Verhältnis von Mensch und Umwelt kann denn die Archäologie liefern?
GEBHARD: Die Archäologie arbeitet sehr eng mit naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammen, die uns helfen, die damalige Klimaentwicklung, deren natürlichen Folgen für Flora und Fauna, aber auch menschengemachte Veränderungen in der Natur nachzuvollziehen. In der Bronzezeit kann man beispielsweise nachweisen, wie Schwermetalle aus den Verhüttungsprozessen in die damaligen Moore gelangt sind. In der Umgebung der Keltenstädte wurden ganze Landstriche aufgrund des enormen Holzbedarfs entwaldet, Holz war der Hauptenergieträger der damaligen Zeit und zudem das bevorzugte Baumaterial. Die Beispiele zeigen, wie untrennbar das Verhältnis vom Menschen mit seiner Umwelt immer war.
Was ist für Sie persönlich das Faszinierendste an der Archäologie? Ist es die Arbeit im Gelände, mit der Hoffnung und Spannung, etwas zu entdecken? Die wissenschaftliche Erforschung und Einordnung von Funden? Oder noch ein Schritt weiter: archäologische Funde und Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu zeigen und zu erklären?
GEBHARD: Mich fasziniert am meisten die Entdeckung – dass man etwas sieht oder versteht, was zuvor noch niemand gesehen hat. Das betrifft nicht nur Ausgrabungen, wo man plötzlich etwas birgt, das jahrhunderte- oder jahrtausendelang niemand gesehen hat. Es betrifft auch die Sammlung in unseren Museen: Man sieht ein Objekt in der Sammlung, das sich dort seit Jahrzehnten befindet, ohne dass jemand um seine Bedeutung wusste. Und aus dem Blickwinkel von heute erscheint es plötzlich in neuem Licht. Es ist schon auch diese detektivische Arbeitsweise, mit der die Archäologen vorgehen, die Jagd nach den Einzelteilen, aus denen das große Ganze besteht, welches einen fesseln kann. Am schönsten ist es natürlich, wenn man mit der Vermittlung der neuen Entdeckungen dann auch die Öffentlichkeit begeistern kann.
Tief im Inneren der Erde – näher kann man den Gedanken der frühen Menschen nicht kommen.
Stellen Sie sich vor, Sie würden als Direktor der Archäologischen Staatssammlung ein Sabbatjahr einlegen und dürften sich an einem Ort Ihrer Wahl an Ausgrabungen beteiligen oder forschen: Wo würden Sie hingehen und warum?
GEBHARD: Ein Sabbatjahr, welch wunderbarer Traum, aber die Wahl würde ungemein schwerfallen. Ich würde mich gegen eine Ausgrabung entscheiden und die Zeit in den bemalten Höhlen der Altsteinzeit im Süden Frankreichs und Norden Spaniens verbringen. Einfach ein Jahr die wunderbaren ersten Malereien der Menschheit betrachten, wie sie das Relief der Felsen miteinbeziehen, tief im Inneren der Erde, nur von einer Kerze beleuchtet. Näher kann man den Gedanken der frühen Menschen nicht kommen.
Verraten Sie uns zum Schluss Ihr Lieblingsexponat, das in der Archäologischen Staatssammlung zu sehen ist?
GEBHARD: Wir haben in der neuen Ausstellung etwa 15.000 Objekte, da fällt die Wahl sehr schwer. Zur Zeit begegnet mir ständig der kleine vergoldete Löwe von Ischl, einst ein Schildbeschlag. Er ist auch auf dem Titel unseres neuen Kataloges abgebildet.
Die Archäologische Staatssammlung München (Lerchenfeldstraße2) ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags und sonntags bis 19 Uhr. Mit insgesamt über 20 Millionen Objekten im Depot beherbergt sie die größte bayerische Museumssammlung überhaupt. 15.000 Exponate sind nun auf 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen. Weitere Informationen unter www.archaeologie.bayern. Zur Ausstellung ist ein durchgehend bebilderter Begleitband im Verlag Pustet erschienen und für 20 Euro erhältlich.



