Kinderbibliothekspreis
Darum lieben Kinder Büchereien
Seit 20 Jahren wird der Kinderbibliothekspreis verliehen – an Büchereien, die sich besonders für die Leseförderung bei Kindern einsetzen. Unter den Gewinnern sind in diesem Jahr auch drei Mitgliedsbüchereien des Sankt Michaelsbundes.
Zu einem Fest des Buches und des Lesens wurde die Verleihung des Kinderbibliothekspreises 2026. Foto: © SMB/Krka
„Bibliotheken waren Vorreiter für Ideen wie den dritten Ort“, erklärte Dr. Elisabeth Donoughue, Referentin für Literatur und kulturelle Teilhabe im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. „Bibliotheken sind auch für Beziehungsarbeit zuständig. Wir brauchen solche physischen Orte, an denen Kinder Rituale und eine Lesebiografie entwickeln können.“ Büchereien müssten Kinder auf ihrem Weg zur Demokratiefähigkeit begleiten und aktiv in die Gesellschaft hineinwirken, so Donoughue.
Seit 20 Jahren zeichnet der Kinderbibliothekspreis Büchereien in Bayern aus, die sich in besonderer Weise für die Leseförderung engagieren. „Das war vor 20 Jahren wichtig – und ist heute genauso wichtig“, sagte Dr. Westphal im Interview mit dem Sankt Michaelsbund. „Lesen ist für viele junge Menschen der Startpunkt für Wissbegierde und Kreativität.“
Michaelsbundbüchereien unter den Gewinnern
Unter den fünf Preisträgern befinden sich in diesem Jahr drei Mitgliedsbüchereien des Sankt Michaelsbundes. Jede von ihnen erhält ein Preisgeld von 5.000 Euro. „Wir sind eine klitzekleine Bücherei – für uns ist das wahnsinnig viel Geld“, freuen sich die Ehrenamtlichen aus Grattersdorf. Zuerst möchten sie beliebte Buchreihen in ihren Regalen vervollständigen. Da sind sich alle drei Bibliotheken einig: Das Geld soll in neuen Lesestoff investiert werden.Trotzdem geht das Inventar der Bücherei Puchheim weit über Bücherregale hinaus. Gaming-Konsolen, Werkbänke und Robotik-Teile lassen sich dort genauso finden. „Wir versuchen einfach immer Neues auszuprobieren“, erzählt die stellvertretende Leiterin Felicitas Metze. Die Bücher gerieten dabei keineswegs in den Hintergrund. „Lesen mit einer positiven Erfahrung zu verknüpfen – das ist unsere Aufgabe.“ Wer sich nach einer Runde Zocken an der Xbox umschaue, der werfe vielleicht auch einen Blick auf die Bücher.
Kreative Veranstaltungsformate
Die Bücherei in Oberhaid setzt vor allem auf kreative Veranstaltungsformate. „Bei uns treffen sich Wein und Literatur, Whiskey und Dudelsack oder Rum und Rumba. Unsere Bücherei ist ein Treffpunkt für Jung und Alt“, sagt Mitarbeiterin Sabine Jahn. Für Kinder gibt es unter anderem Nachmittage mit Bilderbuchkino oder Zaubershows. Entscheidend sei es, Kinder dort abzuholen, wo sie stehen – und für jedes Alter und jeden Lesetyp das passende Buch zu finden.Die kleinste der ausgezeichneten Büchereien befindet sich in Grattersdorf. Zehn Frauen engagieren sich dort ehrenamtlich, entwickeln pädagogische Projekte und kuratieren saisonal die Bücherauswahl. Ganz besonders findet Mitarbeiterin Simone Hiendl den Zusammenhalt zwischen den zehn ehrenamtlichen Frauen: Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen – vom Veranstaltungsprogramm bis zur Buchbestellung. Besonders eng arbeitet die Bücherei mit dem örtlichen Kindergarten zusammen. „Lesen ist Teilhabe schlechthin. Leseverständnis ist nicht nur Grundlage für schulischen Erfolg, sondern auch für die Teilhabe an der Gesellschaft“, sagt Hiendl.
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Paul-Maar-Preis für Jona Manow
„Gibt es denn Außerirdische?“, fragte Moderator Benedikt Weber augenzwinkernd in die Runde. Ein überzeugtes „Ja!“ kam von Dr. Claudia Maria Pecher – der Präsidentin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur – und auch der spätere Preisträger Jona Manow stimmte zu. Schließlich spielen Aliens in seinem ausgezeichneten Roman eine zentrale Rolle.
Für „Spion Nr. 9 und die Kunst nicht aufzufallen“ erhält Manow den Paul-Maar-Preis. Gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Paul Maar hatte Pecher bereits vor Jahren einen Nachwuchspreis ins Leben gerufen. Bei einem gemeinsamen Besuch einer Ausstellung zur Geschichte der deutschen Kinderliteratur kam die Idee: „Wir waren der Überzeugung, es muss unbedingt ebenso gut weitergehen: Darum setzen wir uns für die Förderung von Talenten ein“, erinnerte sie sich. Heute wird der Preis in Form eines handgeschnitzten kleinen Bären verliehen. 50 Einreichungen aus 36 Verlagen sichtete die Jury in diesem Jahr. Fünf Autorinnen und Autoren wurden für den Preis nominiert und zur Verleihung eingeladen.
Alltägliches und Außerirdisches
Im ausgezeichneten Roman glaubt die Hauptfigur Estrich, ein Außerirdischer auf geheimer Mission zu sein. Soziale Regeln erscheinen ihm wie eine fremde Sprache, weshalb er seine Beobachtungen über die Menschen sorgfältig in einem Logbuch festhält. „Manow entfremdet in seinem Roman das Alltägliche, beobachtet Details und macht die Wahrnehmung seines Protagonisten unmittelbar erlebbar“, begründete Pecher die Juryentscheidung. „Er hat ein Plädoyer für die Einzigartigkeit jedes Kindes geschaffen.“
Neben der Trophäe überreichte sie dem Autor einen „ewigen Bleistift“ – mit den Worten: „Wir wollen ja, dass du weiterschreibst.“ „Ich würde vor allem mir selbst danken“, erklärt Manow – darauf folgt ein kurzes Lachen aus dem Publikum. „Ich schreibe seit über 15 Jahren und freue mich, dass ich lange genug durchgehalten habe. Seit zwei Jahren fühlt sich alles wie ein Fiebertraum an.“ Er sei überwältigt davon, dass so viele Menschen mit seiner ungewöhnlichen Hauptfigur mitfühlen können.
Leon Leseluchs feiert seinen 20. Geburtstag
Ein kleiner brauner Luchs mit großen, Pinselohren und einem Buch zwischen den Pfoten: Leon Leseluchs, das Maskottchen der Leseförderung beim Bayernwerk, feierte bei der Preisverleihung seinen 20. Geburtstag. Zwanzig Videobotschaften von Wegbegleitern für zwanzig Jahre Leseförderung. So erzählte Maximilian Zängl von den ersten Ideen für die Figur und ausgezeichnete Büchereien berichteten von neu angeschafften Büchersammlungen.
Der ehemalige Leiter der Landesfachstelle des Sankt Michaelsbundes, Michael Sanetra, sagte schmunzelnd: „Am Anfang konnten wir uns gar nicht vorstellen, dass du einmal so alt wirst.“ Auch Thomas Ohrner, der die Preisverleihung zehn Jahre lang moderierte, blickte auf die zurückliegenden Veranstaltungen zurück: „Am meisten berührt haben mich nicht nur die leuchtenden Augen der Kinder, sondern auch der Stolz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn ihre Arbeit gewürdigt wurde.“
Krise des Lesens:
„Bibliotheken sind Gegenorte zur Verkürzung“
Dass Leseförderung heute vor neuen Herausforderungen steht, zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Künstliche Intelligenz, soziale Medien und veränderte Mediengewohnheiten verändern den Zugang zum Lesen grundlegend. Lehrer und Autor Bob Blume („Lesen. Schreiben. Ein Plädoyer für ein besseres Miteinander“) warb in seinem Vortrag für die Bedeutung des Lesens. „Was Bücher im Gegensatz zu KI bieten, ist ein Panorama von Dingen, von denen ich noch gar nicht weiß, dass ich sie später vielleicht interessant finden werde.“ Wer eine KI frage, erhalte ausschließlich Antworten auf die gestellte Frage. Bücher eröffneten stattdessen neue – unerwartete – Perspektiven. Bibliotheken seien deshalb Gegenorte zu dieser Verkürzung. „Was beim Scrollen verloren geht, gibt der Leseort zurück“, sagte Blume.
Die größte Herausforderung bestehe darin, auch diejenigen zu erreichen, die bisher weder lesen noch Bibliotheken besuchen. Dafür müsse man aktiv auf Menschen zugehen – auch außerhalb der Bibliotheksräume. Denn, so Blume: „Bibliothekare sind die Hüter der Superkraft Lesen.“



